Dialog

Interview mit Manfred Brüggemann

Thema Rili-BÄK
Das Interview führte Ludwig Zahn
Interview mit Manfred Brüggemann zum Thema Rili-BÄK
„Die Weiterentwicklung der Rili-BÄK zu dem Leitsystem für qualitätsgesicherte laboratoriumsmedizinische Untersuchungen in Deutschland hat sich gelohnt.“ Fotolia
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Manfred Brüggemann machte zunächst eine Lehre zum Industriekaufmann, bevor er nach dem Erlangen der allgemeinen Hochschulreife ein sozialwissenschaftliches Studium erfolgreich abschloss.

Seit 1979 war Manfred Brüggemann in Gesundheitsverbänden tätig, von November 1989 bis Ende September 2015 bei der Bundesärztekammer (BÄK). Dort war er u.a. auch für die Durchführung von Richtlinien- und Leitlinienprojekte in der Qualitätssicherung zuständig.

Wie lautet Ihr Fazit nach Ihren jahrelangen Erfahrungen in der Qualitätssicherung? Was hat Sie am meisten enttäuscht? Wo wurden Sie positiv überrascht? Was waren in den Jahren der Rili-BÄK Entwicklung die größten Herausforderungen?

Wer nicht fremdbestimmt werden will, muss die Dinge selbst in die Hand nehmen. Nach dieser Maxime habe ich vor vielen Jahren den Vorschlag unterbreitet, einer Anfrage des BMG nachzukommen und ein umfassendes Qualitätssicherungskonzept für laboratoriumsmedizinische Untersuchungen zu erarbeiten. Dem ist der Vorstand der Bundesärztekammer gefolgt und hat den Auftrag erteilt, unter Federführung der Ärzteschaft mit allen betroffenen Kreisen eine neue Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen zu entwickeln. Dies hat bekanntlich zur jetzt geltenden Rili-BÄK geführt. Es konnte damit sowohl die Akkreditierung als Pflichtveranstaltung verhindert werden als auch andere Akteure abgehalten werden, arztferne Regelungen zu treffen.

Enttäuscht war ich über manche Reaktionen gerade aus dem Kreis der Ärzte im niedergelassenen Bereich, manchmal auch aus Kliniken. Hier wurde vorgetragen, dass man „Labor gelernt habe“ und deshalb keine Qualitätssicherung brauche. Verkannt wird bei dieser Haltung, dass Dritte (Stichwort G-BA und Vorläuferorganisationen) sich damit nicht abgeben würden. Die Vielzahl von Qualitätssicherungsregelungen ist beredtes Beispiel. Die vereinzelt artikulierte Abwehrhaltung ist im Übrigen Ausdruck mangelnder Professionalität.

Positiv waren andere Stimmen aus dem Kreis der Anwender, Ärzten und vor allem die anderen im Labor tätigen Berufsgruppen. Diese haben die Rili-BÄK als Unterstützung und Erleichterung für ihren Alltag empfunden. Die Rili-BÄK konnte und kann – wohl immer noch – auch genutzt werden, um einer Aushöhlung der Qualität unter Spardiskussionen Einhalt zu gebieten.

Die größte Herausforderung war die Erarbeitung der Richtlinienteile B 2 bis B 5 und die Zusammenführung aller Richtlinienteile, die im Jahr 2014 als gemeinsame Leistung der in der Rili-BÄK aufgeführten Organisationen erreicht werden konnte.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem DVTA bei der Rili-BÄK Entwicklung/Ausarbeitung erlebt?

Als sehr konstruktiv und alltagsorientiert. Da in vielen Bereichen die Routinetätigkeit in den Händen von MTAs liegt, war es ein richtiger und wichtiger Schritt, schon sehr früh in den neunziger Jahren den DVTA in die Beratungen einzubeziehen. Damit wurde sichergestellt, dass eine der grundlegenden Anforderungen von Qualitätssicherungsmaßnahmen erfüllt wurde und wird: Alle Betroffenen müssen an der Erstellung der Regelungen aktiv und gleichberechtigt mitwirken.

Wo sehen Sie bei der Umsetzung von Rili-BÄK die größten Defizite/Hemmschuhe? Was waren die größten Hürden in der Praxis bzw. Umsetzung?

Nach wie vor gibt es noch Defizite im Qualitätsbewusstsein und Defizite in der Kenntnis über die Existenz der Rili-BÄK und ihrer Bedeutung. Unzureichend ist auch die Ausstattung der für die Überwachung zuständigen Länderbehörden. Es bleibt ein menschliches Moment, dass die Einhaltung von Vorschriften linear einhergeht mit der Überwachung.

Was waren die wichtigsten Fragen (aus Ihrer Sicht), die im Rahmen der Rili-BÄK Anwendung aufgetaucht sind?

Eine Kernfrage war, ob die Rili-BÄK überhaupt notwendig ist. Dies beantwortet sich aus meinen Ausführungen zum ersten Fragenkomplex.

Wer sich etwas mit der Rili-BÄK auseinandergesetzt hatte, stellte die Frage, reicht die Rili-BÄK. Hier wurde immer darauf hingewiesen, dass die Rili-BÄK nur ein Einstieg in eine systematische und umfassende Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen biete und der Anwender gern mehr tun soll.

Halten Sie die Kontrollvorgaben durch die Bundesländer für ausreichend?

Das Problem sind nicht Vorgaben zur Überwachung der Einhaltung der Rili-BÄK. Hier gibt es umfangreiche Ausarbeitungen seitens der Behörden. Das Problem sind die geringen personellen Ressourcen für eine flächendeckende Überwachung. Hier schafft in kleinen Schritten die Verwaltungsvorschrift nach MPG zur Vereinheitlichung der Überwachung Abhilfe. Mit der in der Endabstimmung befindlichen EU-Verordnung zu IVDs kann dieser Prozess möglicherweise beschleunigt werden.

Haben sich aus Ihrer Sicht die Handlungsspielräume in der Rili-BÄK bewährt?


Ja. Dies war immer Maxime des Richtliniengebers und der dahinter stehenden betroffenen Kreise, mit der Rili-BÄK nur eine Grundlage für eine systematische Qualitätssicherung zu legen, nicht aber detailverliebt alles zu regeln, was ohnehin eine utopische Vorstellung ist. Im Übrigen zeichnet sich der Bereich laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen durch eine große Heterogenität aus, die notwendigerweise Spielräume für eine der jeweiligen Einrichtung adäquate Umsetzung erfordert.

Wo sehen Sie noch Nachhol-/Standardisierungsbedarf?

Es kommt jetzt erst einmal darauf an, die seit einem Jahr in vollständiger Fassung vorliegende Rili-BÄK in die Routine zu überführen. Dies wird einige Zeit beanspruchen. Dabei werden sich teilweise Standardisierungen von Labormethoden quasi von selbst ergeben. Dies ist jedenfalls ein Anliegen schon der ersten Rili-BÄK aus 1972 gewesen. Dort, wo dies nicht geschieht, werden die betroffenen Kreise, hier sind Fachgesellschaften und der Industrieverband besonders gefordert, tätig werden müssen. Mit Hilfe der Rili-BÄK können dann wissenschaftlich (nach Möglichkeit international) abgesicherte Untersuchungsverfahren zur Routineanwendung befördert werden.

Wie sehen Sie die Ringversuche?

Die Ringversuche sind ein wichtiges Element einerseits die Standardisierung durch Vergleich zwischen den Laboratorien zu befördern, sie sind andererseits vor diesem Hintergrund auch ein Instrument, Transparenz über die Leistungsfähigkeit von Analysesystemen zu erzeugen. Wichtig ist auch der edukative Charakter der Ringversuche, das Lernen aus Fehlern und das Lernen von den Besseren.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger, Herrn Golfier, mit auf den Weg?

Meinem ehemaligen Kollegen und Nachfolger in der Begleitung der Rili-BÄK, Herrn Alexander Golfier, habe ich schon mit auf den Weg gegeben, dass nur die kooperative Erarbeitung und Weiterentwicklung der Rili-BÄK langfristig zum Erfolg durch Akzeptanz führen kann. Hier breche ich eine Lanze für den teilweise in Verruf gebrachten Korporatismus, dem (etwas verkürzt gesagt) System der Steuerung einer pluralen Gesellschaft durch Verbände. Dies bedingt allerdings einen verantwortungsbewussten Umgang und die tatsächliche Wahrnehmung der damit zugewiesenen Kompetenzen.

Als persönliches Fazit darf ich festhalten, dass sich die Weiterentwicklung der Rili-BÄK zu dem Leitsystem für qualitätsgesicherte laboratoriumsmedizinische Untersuchungen in Deutschland gelohnt hat. Es konnten alle betroffenen Kreise unter dem Dach der Bundesärztekammer zu einem konstruktiven Dialog im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen bewegt werden. Es gibt allerdings noch viel zu tun.

Manfred Brüggemann


Herr Brüggemann, wir danken Ihnen für das Interview. 

Das Interview führte Ludwig Zahn

Anmerkung: Derzeit sind Frau Andrea Michelsen und Frau Katharina Gottschall die Interessenvertreter des DVTA und seiner Mitglieder bei den Sitzungen des Beirats gemäß Rili-BÄK und der Fachgruppen D bei der Bundesärztekammer.

Entnommen aus MTA Dialog 12/2015

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