Bedrohliche Lage

Intensivmediziner fordern sofortigen harten Lockdown

Mit Enttäuschung haben die Intensivmediziner auf die Absage der Ministerpäsidentenkonferenz reagiert. Man könne nur hoffen, dass statt dessen Entscheidungen gefällt werden, so DIVI-Präsident Prof. Dr. med. Gernot Marx gegenüber der Presse: „Wir brauchen einen harten Lockdown für zwei bis drei Wochen.“

Belegung der Intensivbetten

Belegung der Intensivbetten steigt weiter | © Kiryl Lis - stock.adobe.com

Es handele sich derzeit um eine „besonders besorgniserregende“ Lage, betonte Marx. Man werde wohl mehr als 5.000 Patienten auf den Intensivstationen sehen, egal was passiert. Die Lage spitze sich zu und die Zeit dränge. Es müsse umgehend gehandelt werden, appellierte der DIVI-Präsident an die Politik. In den Ballungszentren sei die Lage teilweise schon dramatisch. Es gebe deshalb keine Zeit für Lockerungen und es müsste ein bundeseinheitliches Vorgehen geben. Die Maßnahmen von heute würden sich ohnehin erst in 12 bis 14 Tagen auswirken. Es bereite ihm Sorgen, dass das Alter der Patienten jünger werde. Man dürfe jetzt nicht den Fehler machen, die Bürger auf den letzten Metern bis zur Impfung zu gefährden. Auch bei den unter 50-Jährigen sterbe jeder fünfte auf der Intensivstation. Prof. Dr. med. Uwe Janssens, Past Präsident der DIVI, rechnete vor, dass ca. 1,4 bis 3% der mit SARS-CoV-2-Infizierten am Ende auf der Intensivstation landen. Das wären bei der heutigen Infektionszahl ca. 350 bis 750 neue Patienten in 10 bis 14 Tagen (nur für diesen einen Tag).

Auch Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis, Präsident der DGIIN sowie med.-wiss. Leiter des DIVI-Intensivregisters, gab zu bedenken, dass bei einer Anzahl von rund 100 neuen Patienten pro Tag in 10 Tagen die Kapazität der Beatmungsplätze in Deutschland erschöpft sei. Auch die von einigen immer wieder ins Spiel gebrachte Notfallreserve von 10.000 Betten könne nur ausgeschöpft werden, wenn die Kliniken in einen katastrophenähnlichen Modus geführt werden und das Personal zusammenzögen. Damit könne dann möglicherweise die Triage vermieden werden, aber es müsse Personal aus allen Bereichen abgezogen werden. Und es sei nicht die gleiche intensivmedizinische Versorgung zu erwarten.

Prof. Dr. med. Frank Wappler, Präsident der DGAI, betonte, dass dies nur möglich sei, weil OPs z.B. im orthopädischen Bereich um mehr als 20% zurückgefahren worden seien. Ähnliches gelte z.B. auch bei Darmkrebs-OPs. Der steigende Bedarf an COVID-19-Patienten erfordere entsprechend eine weitere Reduktion der elektiven OPs. Damit entstehe eine neue Problematik, denn es gebe eine hohe Anzahl an OPs, die „wir vor uns herschieben“.