Mount Everest

Höhenforschungslabor in 6.000 Metern Höhe

Forscherinnen und Forscher untersuchen im tibetischen Hochland am Mount Everest die Mechanismen, mit denen sich Menschen an den eigentlich tödlichen Sauerstoffmangel in großer Höhe anpassen.

Höhenforschung

Hier wird die Luft schon dünn: Der beeindruckende Potala-Palast in Lhasa liegt in 3.700 Metern Höhe. | Akylbek Sydykov

Forschen in unwirtlichen 6.000 Metern Höhe – das ist Realität für das Team um die renommierten Gießener Lungenforscher Prof. Dr. Ardeschir Ghofrani und Prof. Dr. Friedrich Grimminger. Die Forscherinnen und Forscher untersuchen im tibetischen Hochland am Mount Everest die Mechanismen, mit denen sich Menschen an den eigentlich tödlichen Sauerstoffmangel in großer Höhe anpassen.

In über 6.000 Metern Höhe ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Sauerstoffmangel wichtige Organe wie Herz, Lunge und Gehirn versagen lässt – dennoch leben Menschen dauerhaft in großen Höhen. Bergsteigerinnen und Bergsteiger passen sich vor einer Gipfelbesteigung in den Basislagern an die „dünne“ Luft an, dennoch schaffen sie die Akklimatisierung nie so gut wie die tibetischen Höhenbewohnerinnen und -bewohner.

Erstmals wurde eine Untersuchungsreihe mit mehr als 3.000 Menschen durchgeführt, die in großen Höhen leben. Neben Untersuchungen der Herz- und Lungenfunktion wurden auch Blutproben für molekulare Analysen genommen. Für die Studie wurden beispielsweise die Werte von Studierenden aus Zentralchina verglichen mit denen von Studierenden, deren Familien schon seit Generationen im tibetischen Hochland wohnen. Andere Probandinnen und Probanden leben auf 4.000 Metern Höhe; selbst in 5.000 Metern Höhe ließen sich noch rund 400 Menschen für die Studie rekrutieren, die dauerhaft in dieser Höhe leben.

Echokardiografische Techniken

Ein permanentes Höhenforschungslabor auf der tibetischen Seite des Mount Everest in 6.000 Metern Höhe befindet sich im Bau. Hier wird aktuell während der Bergsteigersaison geforscht, da die Bergsteigerinnen und Bergsteiger, die sich im Basiscamp an die Höhe anpassen, ideale Probandinnen und Probanden für die Lungenforschung darstellen.

Im Rahmen der gemeinsamen Höhenforschung in Gießen und Tibet wurde bereits der Austausch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im klinischen und im präklinischen Bereich der Lungenforschung intensiviert. So haben tibetische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der ersten Förderperiode an der JLU Techniken erlernt, die sie im neuen Grundlagenforschungslabor an der Tibet-Universität in Lhasa anwenden können.

Beim Aufbau und der Einrichtung dieses Labors haben die Gießener Lungenforscherinnen und Lungenforscher geholfen. In der klinischen Weiterbildung standen beispielsweise echokardiografische Techniken auf dem Programm. In der zweiten Förderperiode soll dieser Austausch nun bilateral ausgebaut werden, diesmal auch mit Studienaufenthalten Gießener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Tibet.

Beschleunigte Akklimatisierung an Sauerstoffmangel

Was exotisch anmutet, ist auch für die Breitenmedizin von großer Bedeutung: Denn die Situation in 6.000 Metern Höhe gleicht der von chronisch Lungenkranken, aber auch der von intensivmedizinisch betreuten Patientinnen und Patienten in unseren Breitengraden. Die Forscherinnen und Forscher möchten die Mechanismen ergründen, wie auf zellulärer Ebene eine Resistenz gegen Sauerstoffmangel entsteht – und wie sich die Akklimatisierung an Sauerstoffmangel beschleunigen lässt. Denn Sauerstoffmangel tritt auch bei Krankheiten wie Schlaganfall, Herzinfarkt und Schocklunge auf. Eine solche medizinische Extremsituation könnte mit Therapien, die auf Erkenntnissen der Höhenforschung basieren, besser überstanden werden.

Die gemeinsame Höhenforschung wird durch die Regierung der autonomen Region Tibet, chinesische Förderinstitutionen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell unterstützt. Auch Forscherinnen und Forscher des von Gießen aus koordinierten Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) sowie Arbeitsgruppen des UGMLC (Universities of Giessen and Marburg Lung Center) sind an dem Projekt beteiligt.


Quelle: idw/JLU, 06.08.2018