Historisches

Historische Pandemien mit Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft (Teil 2)

Heilkunde als Anspruch des leidenden Menschen: Die Behandlung bestand im Anwenden untauglicher Arzneien, und selbst die Lehrbücher wie das berühmte „Wirsungs Arzneibuch“ von 1584 wussten keine bessere Empfehlung, als sich mit Gott zu versöhnen und zu beten, dass er mit seiner heiligen Hand die wohlverdiente Strafe gnädig abwende.

Historische Pandemien mit Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft (Teil 2)

Abb. 3: Aus: Grandes Heures de Rohan; Cod. Lat. 9471, fol. 159; um 1430; BN Paris

Es stand nicht die Physiologie oder Pathologie, wie wir sie gegenwärtig kennen, sondern die Therapeutik als ein Weg zur Harmonie; einer Harmonie zwischen Göttern und Geistern, zwischen Menschen und Tieren, zwischen Leben und Tod [3, 11, 12, 19, 31, 34].

Erste Erfolge in der Prävention von Infektionskrankheiten stellten sich erst in der Naturalismusepoche um 1860 mit der neuen medizinischen Wissenschaft ein, als die Menschen besonders in den Industrieländern die Grundregeln von Hygiene und Gesundheitspflege verstanden und akzeptierten. Der deutsche Pathologe Rudolf Virchow schrieb 1851 anlässlich der Choleraepidemie von 1848 in Schlesien: „Der Typhus würde in Oberschlesien keine epidemische Verbreitung gefunden haben, wenn nicht ein körperlich und geistig vernachlässigtes Volk dagewesen wäre, und die Verheerungen der Cholera würden ganz unbedeutend sein, wenn die Krankheit unter den arbeitenden Klassen nur so viel Opfer fände, als unter den wohlhabenden. Denn warum haben sowohl die einzelnen Krankheiten, als die Epidemien durchgängig bei uns einen viel milderen Charakter, als im Mittelalter, wo Epidemie auf Epidemie folgte? Nur deshalb, weil Klassen der Bevölkerung zum Genuss des Lebens gekommen sind, welche damals fast ganz ausgeschlossen davon waren, und weil die wohlhabenden Klassen jetzt unter wirklich hygienischen Bedingungen zu leben gewohnt sind, während sie damals in Schmutz, Völlerei und Unbequemlichkeit ihr Leben hinbrachten? Wo sind die Scorbut-Epidemien, wo die vielen arthritischen Erkrankungen geblieben, welche noch das vorige Jahrhundert erzeugte? Welche Ähnlichkeit hat die Syphilis unserer Zeit mit der Syphilis des 16. Jahrhunderts? Nun meine Herren, das ist die Aufgabe der Menschheit, die Tuberkulose zu überwinden, wie der Scorbut überwunden ist; der Typhus, die Cholera müssen beschränkt werden, wie die Gicht, die Syphilis, die Pocken beschränkt worden sind“ [33].

Anfang 1900 lag in Deutschland die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 46,4 und für Frauen bei 52,5 Jahren. Sie stieg dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem durch die Senkung der Säuglingssterblichkeit und die erfolgreiche Bezwingung der Infektionskrankheiten, schnell an, um sich in der zweiten Jahrhunderthälfte zu verlangsamen. Die Ausmaße dieses Wandels seien an einigen Zahlen belegt: Im Jahr 1892 hatte man unter 100.000 Einwohnern 259 Todesfälle durch Tuberkulose zu beklagen, 1928 waren es noch 98 und 1972 nur noch 7 Todesfälle. Um 1900 starben von 100.000 Einwohnern 140 an Pneumonie, 1970 nur noch 30. Noch deutlicher wird diese Entwicklung der Kinderkrankheiten: Während im Jahr 1916 in Deutschland noch 200.000 Kinder an Diphtherie erkrankten, waren es 1956 noch 10.000, 1967 nur noch 57 und 1971 schließlich 38 mit 3 Todesfällen insgesamt.

Die größte Errungenschaft im 20. Jahrhundert ist der große Rückgang der kontagiösen Infektionskrankheiten durch die Medizin als Wissenschaft und den besseren Lebensstandard.

Dies wird besonders am Beispiel der Tuberkulose evident: 1. körperliche Überarbeitung, 2. ungenügende Ernährung, 3. und 4. gesundheitsschädigende Wohnungen und Arbeiten waren die Förderer der Schwindsucht. Die Arbeiterklasse findet in der Tuberkulose ihren tödlichsten Feind und fällt ihr nicht nur wegen ihrer gesundheitsschädigenden Arbeit, sondern in gleichem Maße auch wegen der niedrigen Löhne und der zu langen Arbeitszeit zum Opfer [34].

Ansteckende Infektionskrankheiten sind im heutigen kollektiven Gedächtnis der meisten Menschen völlig verschwunden; obwohl sie nicht endgültig ausgerottet beziehungsweise eradiziert sind! Mit dem Beginn der klinischen Medizin verschwand nicht nur die religiöse Begründung des Leidens, sondern auch die Auffassung endgültig, es handle sich jeweils um Einzelfälle; die Symptome erlauben es seither, die Natur der Krankheit zu durchschauen, sie hörten auf, ein unlösbares und spezifisches Band zwischen dem Patienten und seiner Krankheit zu sein. Der Arzt, nun als ein Experte, der sich seines Wissens und seines Ranges sicher war, angesichts einer Vielzahl von Kranken niederen Standes, denen er nun in wissenschaftlicher Terminologie eine Diagnose präsentierte, die Krankheitsursachen darlegte und mit der neuen Autorität der Wissenschaft eine bestimmte Verhaltensweise vorschrieb [12, 18, 19, 34].

Die Mehrzahl der alten Geißeln wie Pest, Cholera, Diphtherie, Lues, Pocken und Typhus sind unter Kontrolle gebracht worden; zumindest in den entwickelten Ländern Nordamerikas, Nordeuropas und in Australien. Obwohl viele Infektionskrankheiten infolge der beschriebenen Verbesserungen wie der öffentlichen Hygiene und des technischen Fortschritts bereits im Abnehmen begriffen waren, wurde der Rückgang durch die Entwicklung von Vakzinen zur Verhütung und von Antibiotika zur Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten stark beschleunigt. Vakzine, in großem Maßstab angewandt, sind eine der hauptsächlichen antimikrobiellen Mirakel des Menschen geworden. Es muss aber stets dabei bedacht werden, dass diese gemeingefährlichen Infektionskrankheiten alle noch auf der Erde vorkommen und die Bevölkerung der entwickelten Länder nur so lange sicher ist, wie sie von Läusen, Flöhen, Ratten, Armut, überfüllten Wohnungen, kontaminiertem Wasser und mikrobiell verunreinigter Nahrung, verschont bleibt! Ein Zusammenbruch der Organisation und Struktur der modernen Gesellschaft würde ein Wiederauftreten dieser gemeingefährlichen Infektionen erleichtern. Im Verlauf von Kriegen und bei Naturkatastrophen wie Erdbeben kommt Derartiges in begrenztem Umfang vor; als Beispiel sind hier die Choleraepidemien besonders in Krisengebieten, beispielsweise das schwere Erdbeben von 2010 in Haiti, zu nennen. Die regelmäßige Wiederkehr von unterschiedlichen Epidemien – dem Menschen bestimmtes Schicksal, das stets über dem Menschen schwebt, der ewigen Wiederkehr des Übels – verbleibt auch weiterhin; wie wir alle jüngst Zeugen geworden sind [1, 2, 4, 6, 11–15, 23, 24, 34].

Abb. 4: Arzt besucht einen Pestkranken, aus: J. de Ketham. Holzschnitt di Gregori, Venedig 1493.
Bildbeschreibung: Prof. Dr. med. Helmut Vogt, Flensburg, in: Der Arzt am Krankenbett aus fünf Jahrhunderten. J. F. Bergmann Verlag München, 1984:
„Den Namen des Zeichners kennen wir nicht. … Zur Vermeidung der Ansteckung betone der Arzt die Distanz, daher fühlt er den Puls mit weit vorgestrecktem rechten Arm. Nase und Mund sollen bei ihm geschützt sein: hier durch einen in aromatisierten Essig getauchten Schwamm. Das Bett des Kranken sei erhöht. Diese Hochstellung bei Seuchen beruht auf einer Anschauung der arabischen Ärzte, dass nämlich die Kontagien nach oben steigen, daher Pflegepersonen in der unteren Raumhälfte weniger bedroht seien. Räucherungen sollen die Gesunden schützen: hier sind es die beiden Fackeln tragenden Jünglinge mit hautenger Hose und reich verziertem Wams. Der Schwerkranke auf unserm Bilde, dessen entblößten Oberkörper untergeschobene Kissen hochstellen, wird außerdem von drei Frauen betreut, die anscheinend von einem Fenster aus an das Bett gelangen.“

Hôtel-Dieu „Gasthaus zum lieben Gott“ als christliche Liebestätigkeit

In der Stadt Neapel ist auch der Krankensaal der Kirche „Santa Maria della Pace“ (Hospital „Maria des Friedens“) besonders nennenswert. Der Saal erhielt seinen Namen, weil er einer der wenigen Orte in Neapel war, wo Menschen aufgenommen wurden, die unter schweren Krankheiten wie Lepra, Pest oder andere Geißeln jener Zeit litten, und als chronisch krank („senectus ipse morbus“) definiert wurden. Der Krankensaal ist 60 Meter lang, zehn Meter breit und zwölf Meter hoch. Der Balkon, der auf halber Höhe entlang der Wände verläuft, hatte den Zweck, Infektionen zu vermeiden, wenn man den Pestopfern Speisen und Getränke servierte.

Weder medizinische noch infektionshygienische oder pflegerische und auch keine sozialen Perspektiven waren für den Hospitalbau jener Zeit bestimmend, sondern einzig und allein die Frage, ob der chronisch Kranke von seinem Bett aus den Altar sehen kann; das sichtbare Zentrum der mittelalterlichen Idee vom Leben und Sterben. Da eine Heilung chronischer Krankheiten – außer durch ein göttliches Wunder – unbekannt war, kam man gar nicht auf den Gedanken, neben krankenpflegerischen und lindernden beziehungsweise palliativen Maßnahmen eine auf Heilung abzielende Therapie auszuüben. Die Hospitalhalle war die zweckentsprechende, architektonische Lösung für den chronisch kranken und siechenden Menschen damaliger Zeit.

Auf der monumentalen Tafel eines Totenoffiziums sieht man in Abbildung 3 einen Verstorbenen, der, mit allen Attributen des Todes und des Ringens um seine Seele umgeben, mit seinem Gott redet: Er empfiehlt Gott seinen Geist, und Gott verspricht ihm sein Heil am Tage des Gerichts. Im heutigen Kontext ist „Gott“ nichts mehr als ein Gespenst: das Gespenst des Todes. Bernhard Groethuysen, ein deutsch-französischer Philosoph, hat 1927 in seinem Werk „Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung“ dazu festgestellt: „Einst zusammen mit den Höllenstrafen – die letzte Waffe eines mittelalterlich christlichen Totalitarismus gegen Aufklärung und Bürgertum, hat der Tod in unserer Zeit jede Fähigkeit eingebüßt, sich als kritische Instanz der Gesellschaft entgegenzustellen“ [30].

Für den modernen und sozialen Menschen – den naturwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften sei Dank – von heute mag diese philosophische Anthropologie jener Zeit hart und sogar unheimlich erscheinen. Wer sich nur ein wenig mit der Lebensweise unserer Ahnen beschäftigt, versteht die Weltanschauung in der damaligen Zeit. Der Heidelberger Medizinhistoriker und Philosoph Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinrich Schipperges hat den Umstand von Krankheit sehr eindrucksvoll in seiner Monografie „Die Kranken im Mittelalter“ beschrieben: „Die Bewertung der Krankheit im Mittelalter ist äußerst vielfältig nicht immer auf eine Formel zu bringen. Krankheit ist sicherlich zunächst der Sünde Sold; sie ist unser Erdteil und – gleich wie der Tod – unser aller Schicksal. Krankheit wird auch als Strafe für persönliche Schuld aufgefasst, dies aber äußerst vorsichtig und nie verallgemeinernd. Krankheit kann sogar als besondere Gnade gelten, als Zeichen für Gottes Huld, als Chance, schon hier auf Erden Verfehlungen abzubüßen. Es war für den mittelalterlichen Menschen selbstverständlich, dass das Übel in der Welt mit der Erbsünde, der Urschuld, zusammenhängt“ [19, 34].

Die Architektonik der hochmittelalterlichen Hospitalhalle wird er dann ebenso einleuchtend finden wie etwa den Bauplan eines modernen Krankenhausarchitekten für die Errichtung einer heutigen fortschrittlichen Intensivstation. Diese bewusst pointierte Formulierung soll den Wandel und Fortschritt aus heutiger Betrachtung veranschaulichen (Abbildung 3). Für den Leser erscheint es in dem historischen Kontext nun auch nachvollziehbar, warum für unsere Ahnen der Tod – unabhängig von gemeingefährlichen Infektionen als Todesursache – ein stets vertrauter Begleiter war: ein Bestandteil des Lebens, er wurde akzeptiert und häufig als eine letzte Lebensphase der Erfüllung empfunden.

Die Literatur folgt.

 

Entnommen aus MTA Dialog 9/2021