Medizin

Herzkrankheiten weiterhin Haupttodesursache

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Deutscher Herzbericht 2018 - Collage DHS/Ulrike Eberius
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Trotz aller Fortschritte in der Herzmedizin haben Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit mehr als 338.000 Sterbefällen pro Jahr ihren Schrecken noch lange nicht verloren.

Die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten in Deutschland ist im Vergleich zum Vorjahr insgesamt gesunken. Besonders deutlich zeigt sich eine Sterblichkeitsabnahme für die Herzschwäche (Herzinsuffizienz), die um mehr als 7.000 Sterbefälle innerhalb eines Jahres auf 40.334 (2016) Gestorbene gesunken ist, aber auch bei der koronaren Herzkrankheit (KHK), deren Sterbefälle sich von 128.230 im Jahr 2015 auf 122.274 im Jahr 2016 (minus 4,6 %) verringert haben.

„Diese Entwicklung ist erfreulich, sie lässt nicht nur auf eine Verbesserung der ambulanten und stationären medizinischen Versorgung, sondern auch auf Verbesserungen in der Vorsorge von Herzerkrankungen schließen“, betont Prof. Dr. med. Dietrich Andresen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung (DHS), anlässlich der Vorstellung des neuen Deutschen Herzberichts 2018. Der Kardiologe fügt aber hinzu: „Entwarnung darf man nicht geben, denn trotz aller Fortschritte in der Herzmedizin haben Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit über 338.000 Sterbefällen pro Jahr ihren Schrecken noch lange nicht verloren.“

Herzinsuffizienz zählt zu den häufigsten Diagnosen, die zu einer stationären Behandlung führen. Sie ist in den meisten Fällen die Folge anderer chronischer Herz- und Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Diabetes, Herzklappenkrankheiten und Vorhofflimmern. „Wenn es uns also gelingt, diese Erkrankungen konsequent zu behandeln oder noch besser, deren Entstehung durch Prävention zu vermeiden, hätte die Herzschwäche sehr schnell ihren Schrecken verloren.“

Hoher Stellenwert der Prävention

Den hohen Stellenwert der Prävention hat die Herzmedizin in ihren Leitlinien längst verankert. „Um dies auch durchzusetzen, sind stärkere öffentliche Investitionen in die Prävention erforderlich, damit der Bevölkerung wirkungsvolle Maßnahmen angeboten und nachhaltig in die Praxis umgesetzt werden können“, fordert Andresen. Noch heute sind fast 30 % der Reha-Herzpatienten Raucher, 18% sind stark übergewichtig, 22 % Prozent haben Diabetes. Mit gezielten Maßnahmen muss hier gegengesteuert werden. Dass so etwas möglich ist, belegen Daten aus dem Bremer Herzinfarktregister: Wie der aktuelle Herzbericht 2018 zeigt, führen bevölkerungsbasierte Maßnahmen wie der gesetzliche Nichtraucherschutz zu einer Senkung der Klinikeinweisungen wegen Herzinfarkts in einer Region wie Bremen. Außerdem zeigt das Bremer Register, dass für eine nachhaltige Umsetzung von Raucherpräventions-, Bewegungs- und Ernährungsprogrammen bei den Zielgruppen auch soziale Faktoren wie sozioökonomischer und Bildungsstatus zu berücksichtigen sind.

Unverändert ist die unterschiedlich hohe Sterblichkeit an Herzkrankheiten zwischen den einzelnen Bundesländern. Während die niedrigste Sterbeziffer weiterhin Hamburg mit 184 Gestorbenen pro 100.000 Einwohner, Berlin (187) und Baden-Württemberg (200) haben, ist die Sterblichkeit am höchsten in Sachsen-Anhalt (295), Bremen (270) und Mecklenburg-Vorpommern (264). „Auffällig ist, dass die Sterblichkeitsrate an Herzkrankheiten in der Summe in allen Bundesländern insgesamt spürbar gesunken oder zumindest unverändert geblieben ist.

Neben demografischen Aspekten könnte das an Verbesserungen in der medizinischen Versorgung, aber auch an einer verbesserten Vorsorge liegen“, bemerkt der Berliner Herzspezialist Andresen und verweist auf Anstrengungen von Bundesländern wie Sachsen-Anhalt, die bisher eine überdurchschnittlich hohe Herzinfarktsterblichkeit aufweisen. Die dortigen Gesundheitsbehörden haben vor wenigen Jahren die Versorgung von Herzinfarktpatienten mithilfe des von der Herzstiftung mitfinanzierten Regionalen Herzinfarktregisters Sachsen-Anhalt (RHESA) wissenschaftlich analysiert.

„Die Herzschwäche beginnt zumeist langsam"

„Erkenntnisse aus Registern wie RHESA sind notwendig, um die Qualität der Infarktversorgung beurteilen zu können und Schlussfolgerungen für eine Verbesserung zu ziehen. RHESA hat hier Vorbildcharakter.“ Hinzu kommen Aufklärungsaktionen wie die Kampagne „Herzwoche Sachsen-Anhalt“, die die Bevölkerung im Bundesland über Prävention und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie über das Notfallverhalten bei Herzinfarkt und Herzstillstand informiert. „Diese Anstrengungen könnten ein Grund dafür sein, dass Sachsen-Anhalt seine Herzinfarktsterbeziffer mittlerweile senken konnte und seine Spitzenposition in der Infarktmortalität abgegeben hat. Auch die Kampagne könnte zu dieser Verbesserung beitragen“, erklärt Andresen. Sachsen-Anhalt konnte seine Herzinfarktsterbeziffer von 82 Gestorbenen pro 100.000 Einwohner im Jahr 2015 auf 75 (2016) senken.

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Auffallend steil stiegen die Klinikaufnahmen aufgrund von Herzschwäche, Rhythmusstörungen und Klappenerkrankungen an. Beispiel Herzinsuffizienz, die zu den häufigsten Anlässen für eine Krankenhausweisung zählt: Im Jahr 2017 wurden 464.724 stationäre Aufnahmen wegen Herzschwäche versorgt – ein Anstieg um mehr als 20.000 seit 2015. Könnte man einen solchen Anstieg vermeiden?
„Die Herzschwäche beginnt zumeist langsam, Symptome wie Luftnot beim Treppensteigen werden fehlgedeutet und oftmals auf das Alter geschoben oder geschwollene Füße gar nicht bemerkt – tut ja auch nicht weh“, so Andresen. Ebenso wird gerade von älteren Patienten die Einnahme von Medikamenten vergessen, oder sie werden wegen Nebenwirkungen gar nicht eingenommen. „Hier müssen wir durch gezieltere ambulante Versorgung, vor allem aber durch bessere Aufklärung über Krankheitssymptome und Therapiemöglichkeiten besser gegensteuern.“

Auch Herzrhythmusstörungen zählen zu den häufigsten Anlässen für einen Krankenhausaufenthalt in Deutschland. Je nach Art und Schwere können Rhythmusstörungen mit enormen Einbußen an Lebensqualität einhergehen. Und sie können gefährlich werden bis hin zum Plötzlichen Herztod. Der jährliche Anstieg der stationären Aufnahmen von 2016 zu 2017 um rund 8.400 Fälle auf 480.109 (2017) ist auffallend. Die Zunahme basiert zum großen Teil auf mehr stationären Aufnahmen von Patienten mit der häufigsten Rhythmusstörung, dem Vorhofflimmern. „Vor allem aufgrund der erhöhten Schlaganfallgefahr müssen wir diesen Anstieg genau analysieren und unsere Patienten eingehend über präventive Maßnahmen aufklären“, erklärt Andresen.

Steigerung der Ersthelferquote erforderlich

Jedes Jahr erleiden circa 65.000 Menschen in Deutschland ein plötzliches Herzversagen. Mehr als 60.000 versterben daran. Dabei könnte ein großer Teil von ihnen gerettet werden, wenn Zeugen (zumeist Angehörige) sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen (Herzdruckmassage) beginnen würden. Dies ist jedoch nicht der Fall: Die Laienreanimationsquote beträgt in Deutschland circa 30 bis 35 %. In anderen europäischen Ländern beträgt die Quote bis zu 80 %. Mit gezielten Projekten zur Vermittlung der Laienreanimation in Schulen, Kommunen oder Vereinen lassen sich Reanimationsquoten verbessern.

Mit gezielter Bevölkerungsaufklärung zum richtigen Notfallverhalten bei Herzstillstand konnte etwa der Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg seine Ersthelferquote in den vergangenen zwei Jahren von 27 % auf 45 % steigern. „Solche Programme sollten Schule machen“, so der Notfallmediziner Andresen. Und fügt hinzu: „Wir müssen in den Schulen bereits damit beginnen, Schüler über solche Notfälle aufzuklären und sie in der Laienreanimation auszubilden. Darüber hinaus sollten Präventionsstrategien zur Bekämpfung der wichtigsten Grunderkrankungen des Plötzlichen Herztodes, allen voran die koronare Herzkrankheit, zur Anwendung kommen.“

Hier hat die Herzmedizin mit Katheterverfahren, aber auch schonenden operativen Eingriffen sowie neuen medikamentösen Therapien viel erreicht. „Aber es gibt Verbesserungspotenziale“, betont der Rhythmologe Andresen. Denn bei 25.846 (2017) Neueinbringungen implantierbarer Cardioverter-Defibrillatoren (ICD), die bei Herzstillstand automatisch einen Elektroschock abgeben, ist die Rate an ICD-Revisionen, das heißt Herausnahmen aufgrund von Infektion im Schrittmacherbereich und Korrekturen an der Sondenlage im Herzen, mit 8.598 Revisionen zu hoch. Der Plötzliche Herztod und die Präventionsmöglichkeiten werden Thema der bundesweiten Herzwochen 2019 der Deutschen Herzstiftung im November sein.

Höhere Sterblichkeit bei Frauen

Weiterhin auffällig ist die höhere Sterblichkeit bei Frauen. Bei Betrachtung aller Herzkrankheiten sterben mehr Frauen als Männer: 107.529 (51,9 %) Frauen gegenüber 99.503 Männern (48,1 %) „Frauen mit Herzklappenkrankheiten, Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche haben offensichtlich eine ungünstigere Prognose als Männer mit diesen Erkrankungen“, betont Andresen. Bei Herzklappenkrankheiten liegt die Sterblichkeitsziffer um 51 % höher, bei Herzrhythmusstörungen um 45,8 % und bei Herzschwäche um 64,1 % höher als bei Männern.

In absoluten Zahlen: 2016 starben 25.318 Frauen gegenüber 15.016 Männern an Herzschwäche und 15.955 Frauen gegenüber 10.648 Männern an Rhythmusstörungen. Als mögliche Ursachen für dieses Gefälle sehen Herzspezialisten unter anderem geschlechtsspezifische Unterschiede in der Genetik und anatomische an Herz und Gefäßen (für Mikrozirkulation zuständige kleine Herzkranzgefäße) sowie Unterschiede in der Wirkung von Herz-Kreislauf-Medikamenten und in der Symptomatik von Herzkrankheiten. „Diese Punkte müssen in der herzmedizinischen Versorgung mehr berücksichtigt werden.“

Der Deutsche Herzbericht wird von der Deutschen Herzstiftung zusammen mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie, Herzchirurgie und Kinderkardiologie jährlich herausgegeben.


Quelle: idW/DHS/Deutsche Stiftung für Herzforschung, 07.02.2019

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