Medizin

Haben hyperaktivierte Mikroglia gewisse Schutzfunktionen?

Vielversprechender Ansatzpunkt für Medikamentenforschung
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Plaques bei Alzheimer
Hyperaktive Mikroglia sind nicht nur schädlich Artur, stock.adobe.com
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Hyperaktive Immunzellen des Gehirns könnten im Zuge neurodegenerativer Erkrankungen schützend wirken. Diese These wird durch neue Forschungsergebnisse gestützt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und des LMU Klinikums München gehen derzeit davon aus, dass eine gezielte Beeinflussung der Aktivität der Immunzellen im Gehirn über einen Rezeptor namens TREM2 einen erheblichen Einfluss auf neurodegenerative Krankheitsprozesse haben könnte. In der Aktivierung von TREM2 sehen sie daher einen vielversprechenden Ansatzpunkt für die Medikamentenforschung.

Hyperaktive Mikroglia nicht nur schädlich

Die Immunzellen des Gehirns – auch „Mikroglia“ genannt – gehen gegen Krankheitserreger vor, helfen bei der Beseitigung zellulärer Rückstände und die Gesundheit des Gehirns zu bewahren. Doch bei Alzheimer und anderen neurodegenerativen Erkrankungen geraten diese Zellen in einen „hyperaktiven“ Zustand: Dieser wird herkömmlich als überschießende Immunreaktion eingeschätzt, weil damit chronische, schädliche Entzündungsprozesse einhergehen. Doch die aktuellen Ergebnisse lassen diese Sichtweise teilweise in neuem Licht erscheinen. „Anders als gemeinhin angenommen, stützen unsere Befunde die These, dass hyperaktive Mikroglia nicht nur schädlich sind, sondern auch ihr Gutes haben. In jüngster Zeit gab es dafür schon einige Hinweise. Unsere Studie liefert nun weitere Belege“, betont Christian Haass, Forschungsgruppenleiter am DZNE und Professor für Biochemie an der LMU München.

Antikörper legt Schalter um

In vorherigen Studien hatte Haass gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen ein Protein mit der Bezeichnung TREM2, das in der Zellmembran von Mikroglia verankert ist, als „Aktivitätsschalter“ identifiziert. Mit Hilfe von Antikörpern, die an TREM2 binden – gemeinsam entwickelt mit dem US-Unternehmen Denali Therapeutics – gelang es den Forschern, diesen molekularen Schalter quasi umzulegen und damit die Aktivität der Mikroglia anzukurbeln. „Seinerzeit haben wir in Laborversuchen gesehen, dass die so aktivierten Mikroglia die für Alzheimer typischen Proteinablagerungen, die Amyloid-Plaques, effektiver beseitigen“, erläutert Haass. „Allerdings hatten wir die Befürchtung, dass eine zu starke Aktivierung der Mikroglia, wie allgemein angenommen, Schaden anrichten könnte.“

TREM2-Rezeptor außer Kraft gesetzt

Die aktuellen Studien erweitern die damaligen Untersuchungen. Statt die Aktivität von Mikroglia zu steigern, verfolgten die Forscherinnen und Forscher nun die gegenteilige Absicht. „Wir wollten wissen, wie es die Pathologie beeinflusst, wenn wir die Aktivität hyperaktiver Mikroglia drosseln“, so Haass. Zum Einsatz kam diesmal ein Antikörper, der den TREM2-Rezeptor quasi außer Kraft setzte und somit die Aktivität der Immunzellen im Gehirn verringerte.

GRN-FTLD im Fokus

Exemplarisch für neurodegenerative Erkrankungen nahmen die Forscher die „GRN-assoziierte frontotemporale lobäre Degeneration“ – kurz: GRN-FTLD – in den Fokus. „Das ist eine genetisch bedingte, seltene Form der Demenz, die mit einem breiten Spektrum auffälliger Verhaltensweisen einhergeht. Manche Betroffene sind impulsiv und aggressiv, andere wiederum apathisch“, erläutert Prof. Dominik Paquet, Neurobiologe am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung des LMU Klinikum München, dessen Arbeitsgruppe an der aktuellen Studie ebenfalls beteiligt war.

Zellkulturen und Mäuse untersucht

„Die GRN-FTLD ist gut beschrieben, und es gibt gute Möglichkeiten für Laborstudien. Deshalb haben wir sie als Beispiel genommen, um zu untersuchen, wie hyperaktive Mikroglia zur Pathologie von Neurodegeneration beitragen“, so Dr. Anja Capell, Biochemikerin an der LMU München, die die aktuelle Studie mitkonzipierte.

Das Forschungsteam nutzte für seine Experimente verschiedene Zellkulturen. Diese beinhalteten entweder Mikroglia, die aus menschlichen Stammzellen gewonnen wurden, oder Zellen, die direkt von Patienten mit GRN-FTLD stammten. Untersucht wurden außerdem Mäuse mit für GRN-FTLD typischen Erbanlagen.

Hyperaktivität ist reversibel

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass es tatsächlich möglich ist, die Aktivität der Mikroglia zu verringern, indem man die TREM2-abhängigen Signalwege blockiert. Hyperaktivität ist also reversibel und keine Einbahnstraße, was nicht selbstverständlich ist“, so Anja Capell. „Die pathologische Situation wurde dadurch aber nicht verbessert, sondern hat sich sogar verschlechtert. Der Verlust von Kontakten zwischen Nervenzellen, den Synapsen, nahm zu. Außerdem haben wir festgestellt, dass ein Biomarker für neuronale Schäden anstieg.“

Kontrollierte Steigerung der Aktivität der Mikroglia?

Diese Ergebnisse seien unerwartet. „Uns hat das selbst überrascht. Doch entgegen der weit verbreiteten Meinung scheinen hyperaktivierte Mikroglia gewisse Schutzfunktionen zu behalten. Zumindest gilt das für das Modellsystem, das wir untersucht haben“, sagt Christian Haass. „Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine kontrollierte Steigerung der Aktivität der Mikroglia helfen könnte, den Krankheitsprozess ein Stück weit einzudämmen. Ich halte es daher für vielversprechend, beim TREM2-Rezeptor mit einem aktivierenden Antikörper anzusetzen. Diesen Gedanken wollen wir weiter verfolgen.“

Literatur:
Anika Reifschneider , Sophie Robinson, Bettina van Lengerich, et al.: Loss of TREM2 rescues hyperactivation of microglia, but not lysosomal deficits and neurotoxicity in models of progranulin deficiency. The EMBO Journal (2022), DOI: 10.15252/embj.2021109108.

Quelle: idw/DZNE

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