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Grippe: Sollen sich Labormitarbeiter jetzt noch impfen lassen?

Medizinjournalist Hardy-Thorsten Panknin, Berlin, spricht mit Prof. Dr. med. Matthias Trautmann, Institut für Krankenhaushygiene, Klinikum Stuttgart, über die aktuelle Grippesaison.

Prof. Dr. med. Matthias Trautmann

Prof. Dr. med. Matthias Trautmann ist Leiter des Instituts für Krankenhaushygiene am Klinikum Stuttgart. | © privat

Herr Professor Trautmann, die Medien überbieten sich derzeit an Negativschlagzeilen über die aktuelle Grippeepidemie. Ist die Situation tatsächlich so viel besorgniserregender als in früheren Jahren?

In der Tat kommt es seit Januar 2018 zu einem geradezu dramatischen Anstieg der Grippeaktivität. In der ersten Januarwoche wurden bundesweit 4.000 Fälle nach dem Infektionsschutzgesetz gemeldet, in der siebten Kalenderwoche dagegen schon 24.000. Der Anstieg ist also nahezu exponentiell. Verglichen mit der Saison 2016/17 waren die Erkrankungszahlen bis Ende Januar noch nahezu deckungsgleich mit den Vorjahreszahlen. Erst seit Ende Februar steigen sie auf circa 25 Prozent über Vorjahresniveau an.

Woran liegt das? In der Presse liest man viel vom Versagen des Dreifachimpfstoffes, der zu Beginn der Saison verimpft wurde.

Der Begriff „Versagen“ trifft es nicht ganz. Der Dreifachimpfstoff schützt gegen die darin enthaltenen Influenzatypen, nämlich A/H1N1, A/H3N2 und den Influenzastamm B-Typ Victoria. Als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Anfang 2017 eine Prognose über die weltweit zu erwartenden Virustypen der kommenden Wintersaison abgab, ging sie davon aus, dass der B-Typ Victoria den größten Teil der Influenza-B-Erkrankungen verursachen würde. Diese Prognose hat sich leider als falsch erwiesen. Das kann aber vorkommen. Selbst die WHO hat keine hellseherischen Fähigkeiten.

Als der Influenza-B-Typ „Yamagata“ sich auszubreiten begann, wurde aber immer noch an der Dreifachimpfung festgehalten. Es gab ja bereits den Vierfachimpfstoff, der auch den Yamagata-Typ enthält. Wie ist das lange Zögern der gesetzlichen Krankenkassen zu erklären, die Kosten für den Vierfachimpfstoff zu übernehmen?

Privatpatienten und Selbstzahler konnten sich bereits 2017 mit dem Vierfachimpfstoff impfen lassen. In der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird jedoch – vernünftigerweise – sehr stark die Kosten-Nutzen-Relation betrachtet. Die Frage lautet: Werden durch einen Wechsel vom Dreifach- auf den Vierfachimpfstoff tatsächlich Arztbesuche reduziert und Krankenhauseinweisungen wegen Grippesymptomen verhindert? Diese Frage wurde durch wissenschaftliche Analysen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut (STIKO) erst im Januar 2018 eindeutig zugunsten des Vierfachimpfstoffs beantwortet. Damit wurde die Vierfachimpfung nun auch Kassenleistung.

Die Grippeimpfung wird ja ganz allgemein nur für bestimmte Risikogruppen empfohlen. Gehören Labormitarbeiter dazu?

Wie in jeder Saison wird die Grippeimpfung seitens der STIKO für Personen ab 60 Jahren, Personen mit chronischen Grundkrankheiten und erhöhter Empfänglichkeit für Virusgrippe, für Schwangere ab dem zweiten Trimenon und ganz allgemein für Personen mit erhöhter Influenza-Infektionsgefährdung empfohlen. Zur letztgenannten Personengruppe gehört ganz klar auch jegliches medizinisches Personal, egal ob Stationsarzt oder Labor-MTA.

Konkret nachgefragt, gilt das auch für Labor-MTA, die lediglich an einem klinisch-chemischen Arbeitsplatz tätig sind?

Auch wenn das Laborpersonal nicht direkt am Patientenbett tätig ist und keine Probenröhrchen mit Atemwegssekreten bearbeitet, sucht es seinen Arbeitsplatz doch meist auf einem Weg auf, der durch allgemeine Krankenhaus- oder Praxisflure oder vorbei an Patienten-warteräumen verläuft. Allein schon die Kontaktflächen (Fahrstuhlknöpfe, Treppengeländer, Türklinken) können mit Influenzaviren kontaminiert sein. Daher sollten sich Krankenhausmitarbeiter einschließlich Laborpersonal auch dann impfen lassen, wenn sie wenig oder keinen direkten Patientenkontakt haben.

Wie sieht es aus, wenn jemand bereits den Dreifachimpfstoff erhalten hat? Darf und soll er sich ein zweites Mal „vierfach“ nachimpfen lassen?

Diese Frage muss jeweils individuell besprochen werden. Die Entscheidung liegt beim behandelnden Arzt oder beim Betriebsarzt. Das Robert Koch-Institut teilt auf seiner Homepage mit, dass eine solche Zweitimpfung bei Hochrisikopatienten gerechtfertigt sein kann. Dazu gehören Personen mit schwer verlaufenden oder multiplen Grunderkrankungen, die einen besonders schweren Verlauf einer Influenzainfektion befürchten lassen. Die Kostenübernahme sollte in diesen Fällen vorab bei der Krankenkasse geklärt werden.

Viele Krankenhausmitarbeiter lassen sich nicht impfen, weil sie Nebenwirkungen befürchten. Verbreitet ist zum Beispiel die Aussage, dass man durch eine vorangegangene Impfung ja gerade erst die Grippe bekommen habe.

Die Influenzaimpfung verursacht selbst keine Virusgrippe. Allerdings ist erst nach circa zehn bis 14 Tagen mit einem vollen Impfschutz zu rechnen. Infiziert man sich in der Zwischenzeit mit Influenzaviren, so entsteht der fälschliche Eindruck, die Impfung habe die nachfolgende Grippesymptomatik ausgelöst. Und natürlich zirkulieren in der Grippesaison auch andere Atemwegserreger, wie zum Beispiel das Respiratory Syncytial Virus und Rhinoviren. Sie können grippeähnliche Atemwegserkrankungen auslösen, die naturgemäß durch eine Grippeimpfung nicht verhindert werden.

Wie sieht es mit allergischen Reaktionen aus? Kann es ernsthafte Zwischenfälle geben, zum Beispiel bei vorbestehender Pollenallergie (Heuschnupfen)?

Eine Pollenallergie stellt kein Problem dar. Eine gewisse Vorsicht ist jedoch bei Hühnereiweißallergie angebracht. Die Impfstoffe enthalten Spuren von Hühnereiweiß, da die Virusstämme für die Impfstoffherstellung in Hühnereiern vermehrt werden. Die Impfindikation muss bei entsprechender Anamnese besonders streng gestellt werden. Bei Personen, die nach Verzehr von Hühnerfleisch oder Hühnerei schon einmal eine anaphylaktische Reaktion (Kreislaufschock, Atemnot) gezeigt haben, muss im Einzelfall abgewogen werden, ob man auf die Impfung verzichtet oder bei dringlicher Impfindikation einen hühnereiweißfreien Impfstoff aus dem Ausland importiert.

Welche Nebenwirkungen sind sonst möglich?

Häufig sind Schmerzen und Schwellungen an der Injektionsstelle, die allerdings meist nach ein bis zwei Tagen abklingen. Deshalb sollte auf körperliche Belastungen, insbesondere der geimpften Extremität, für ein bis zwei Tage verzichtet werden. Gelegentlich kann es auch zu vorübergehenden Allgemeinsymptomen wie Müdigkeit oder Gliederschmerzen kommen. Ernsthafte Nebenwirkungen treten seltener als einmal pro 10.000 Impfungen auf. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen ist beim Vierfachimpfstoff im Vergleich zum Dreifachimpfstoff nicht erhöht.

Woran kann es dann liegen, dass sich viele Krankenhausmitarbeiter nicht durch ihren Betriebsarzt impfen lassen?

Leider ist generell in der Bevölkerung eine gewisse Impfmüdigkeit zu beobachten. Dadurch kommt es heute wieder vermehrt zu lokalen Ausbrüchen von Masern oder Keuchhusten, die bei einer systematischen Durchimpfung der Bevölkerung vermeidbar wären. Gerade medizinisches Personal sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen und die Impfung in Anspruch nehmen.

Herr Professor Trautmann, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Hardy-Thorsten Panknin.

Es handelt sich um einen Online First-Beitrag der MTA Dialog-Ausgabe 04/2018.