Endokrinologie

Gesundheitsgefahren durch hormonaktive Substanzen

Weil endokrine Disruptoren die Entwicklung und Fruchtbarkeit beeinträchtigen können und womöglich auch das Risiko für Erkrankungen steigern, fordern Experten, die betreffenden Substanzen umgehend aus dem Verkehr zu ziehen.

Endokrino Disrupturen

"Umwelthormone" können auch in Kinderspielzeug enthalten sein. | Getty Images/Stockdisc

Sie können im Wasser oder in der Nahrung enthalten sein, in Kosmetika, Kinderspielzeug oder Gebrauchsgegenständen: Hormonaktive Substanzen, verkürzt oft „Umwelthormone“ genannt, können auf verschiedenen Wegen in den Körper gelangen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie hormonelle Vorgänge im menschlichen Körper imitieren oder stören, weshalb sie auch als endokrine Disruptoren bezeichnet werden.

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Weil endokrine Disruptoren die Entwicklung und Fruchtbarkeit von Tieren – und sehr wahrscheinlich auch die des Menschen – beeinträchtigen können und womöglich auch das Risiko für Erkrankungen wie Krebs oder Adipositas steigern, fordern Experten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), die betreffenden Substanzen umgehend aus dem Verkehr zu ziehen.

Zu den bekanntesten endokrinen Disruptoren zählen die polychlorierten Biphenyle (PCB), die früher hauptsächlich als Hydraulik- oder Isolieröle verwendet wurden, Weichmacher wie Phthalate und Bisphenol A (BPA), die bei Verbrennungsprozessen entstehenden Dioxine, oder das früher großflächig zur Insektenbekämpfung eingesetzte DDT. „Einige dieser Substanzen sind schon seit Jahren verboten, finden sich jedoch noch immer in der Umwelt“, sagt Prof. Dr. rer. nat. Josef Köhrle, ehemaliger Direktor des Instituts für Experimentelle Endokrinologie an der Charité - Universitätsmedizin Berlin und Präsident der DGE.

Übergewicht und Diabetes

Polychlorierte Biphenyle etwa werden seit Beginn der 80er-Jahre in vielen Ländern nicht mehr hergestellt, seit 2001 sind sie weltweit verboten. Trotzdem sind sie noch heute auf der ganzen Welt nachweisbar – auch im menschlichen Körper. Mit Luft- und Wasserströmungen sind sie sogar bis in die Polarregionen gelangt.
 
Auch viele andere endokrine Disruptoren sind aufgrund ihrer chemischen Struktur sehr stabil und reichern sich in der Umwelt, in der Nahrungskette und letztlich auch im Fettgewebe von Tieren und Menschen an, sagt Prof. Dr. med. Baptist Gallwitz, Pressesprecher der DDG. So können auch ursprünglich geringe Konzentrationen zu gesundheitlich relevanten Belastungen führen.

„Wir beobachten beispielsweise, dass Jugendliche früher in die Pubertät kommen, und Übergewicht und Diabetes, aber auch Entwicklungsstörungen bei Kindern zunehmen“, erklärt der kommissarische Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen. Von Fachleuten werden derzeit mehr als 1.000 Substanzen als endokrine Disruptoren eingestuft. Von insgesamt knapp 100.000 bekannten chemischen Verbindungen ist bisher nur ein kleiner Bruchteil auf mögliche endokrin aktive, schädliche Wirkungen geprüft.

Forderungen der endokrinologischen Fachgesellschaften

Endokrinologische Fachgesellschaften weltweit, unter ihnen auch die DGE, fordern, die bereits als endokrine Disruptoren bekannten Substanzen konsequent aus dem Verkehr zu ziehen. Zudem müssten neue chemische Substanzen auf ihre Unbedenklichkeit überprüft werden, bevor sie in großem Maßstab produziert und in Umlauf gebracht würden, so die Experten.

Insbesondere sei es nicht sinnvoll, bekannte endokrine Disruptoren durch verwandte, aber noch wenig untersuchte Verbindungen zu ersetzen. Auch diese können das Hormonsystem aus der Balance bringen und gefährden ebenfalls die Gesundheit. „Nur wenn Produzenten und Vertreiber nachweisen müssen, dass neue Substanzen nicht als endokrine Disruptoren wirken, können gesundheitliche Risiken verhindert werden“, sagt Biochemiker und Hormonexperte Köhrle.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, müsste zunächst die einheitliche Definition der Weltgesundheitsorganisation für endokrine Disruptoren konsequent angewendet und in den noch unterschiedlichen Prüfverfahren für neue Substanzen EU-weit einheitlich umgesetzt werden. Das sei bislang noch nicht der Fall, kritisiert Köhrle.

Weitere Forderungen der Endokrinologen beziehen sich auf die Verbesserung und konsequente Anwendung der Informations-, Kennzeichnungs- und Meldepflicht für endokrine Disruptoren, die Intensivierung und Förderung der Forschung, und die Entwicklung von Testmethoden zum schnelleren und sicheren Nachweis der Wirkung von endokrinen Disruptoren. „Wir müssen erreichen, dass nicht wie bisher erst nach dem Auftreten von Gesundheitsschäden reagiert wird“, sagt Köhrle, „sondern, dass das in der EU geltende Vorsorgeprinzip auch auf endokrine Disruptoren konsequent angewendet wird.“

Quelle: DGE, 11.06.2019