Corona-Krise

Gastkommentar: Hygiene mit Augenmaß

Seit Beginn der Corona-Krise sehen sich vermehrt auch Bundesbürger, die beruflich nie zuvor mit Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung konfrontiert waren, neuen Herausforderungen gegenüber. Verständlich, dass hier Unsicherheit herrscht.

Hygiene in Zeiten von Corona

Wie war das noch mal mit der Hustenhygiene? Wie lange sollen die Hände gewaschen werden? | © rcfotostock - stock.adobe.com

Wie war das noch mal mit der Hustenhygiene? Wie lange sollen die Hände gewaschen werden? Selbst der Gesundheitsminister hatte ja zuletzt, mit dem korrekten Anlegen eines Mund-Nasenschutzes zu kämpfen.

Umso besser wollten viele offensichtlich auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Ein Blick in den örtlichen Drogeriemarkt beweist: neben Toilettenpapier scheinen die Deutschen auch Desinfektionsmittel zu horten.

Doch zu viel und falsch angewandte Desinfektion, insbesondere mit aggressiven Mitteln, kann der Gesundheit auch schaden. Vor allem die Darstellung von Desinfektionsmaßnahmen in den öffentlich-rechtlichen Medien ist hier fragwürdig.

Kennen Sie Ignaz Semmelweis?

In seiner Novelle vom „Schimmelreiter“ erzählt Theodor Storm (1817–1888), wie die Frau des Deichgrafen Hauke Haien an Kindbettfieber erkrankt und stirbt. Das Wochenbettfieber war jahrhundertelang gleichzeitig ein Fluch und ein Rätsel der Geburtshelfer und Gynäkologen, ganz zu schweigen davon, dass es ein Albtraum der Schwangeren war.

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Oftmals fehlt in der seit Wochen flächendeckenden Corona-Berichterstattung der Hinweis auf Sinn und Unsinn beziehungsweise Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahmen. Infektionsschutz ist wichtig und richtig, darf allerdings nicht in blinden Aktionismus umschlagen.

Einige problematische Beiträge:

https://www.youtube.com/watch?v=n2lU1xuf4MI
https://www.zdf.de/verbraucher/volle-kanne/reinigungsfirmen-im-coronaeinsatz-100.html
https://www.zdf.de/nachrichten/heute-in-deutschland/hochkonjunkur-fuer-den-desinfektor-100.html

Manche dieser Beiträge erwecken den Eindruck, dass Viren quasi unbegrenzt auf sämtlichen Oberflächen, mit denen ein Infizierter in Kontakt gekommen ist, vorliegen und auch noch nach Wochen im Stande sind, in  Zellen einzudringen und Infektionen hervorzurufen. Tatsächlich spielen Schmierinfektionen bei einem  aerogen übertragenen Erreger jedoch allenfalls eine sehr geringe Rolle.

Eine flächendeckende Desinfektion von Oberflächen, insbesondere in Betrieben oder öffentlichen Einrichtungen, die in den vergangenen Wochen ohnehin geschlossen waren, scheint wenig sinnvoll.

Die inhaltliche Einordnung lassen viele dieser Beiträge vollkommen vermissen. Doch gerade diese scheint in der aktuellen Lage notwendig, um den Bürger vor falschen Vorstellungen von Hygiene und möglicherweise gefährlichen Experimenten mit Wasserstoffperoxid und Chlorreiniger zu bewahren.

Ulrike Kaiser ist Medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin und Studentin der Medizinischen Biotechnologie an der Universität Rostock