Hören und Denken sind eng verbunden

Forscher belegen Zusammenspiel von Sinnen und Kognition

Eine angeborene Gehörlosigkeit führt zu Anpassungen von kognitiven Funktionen und erfordert deshalb eine individualisierte Therapie.

Prof. Andrej Kral

Prof. Andrej Kral (im Hintergrund) hat gemeinsam mit internationalen Forschern einen Fragebogen entwickelt, | MHH/Broermann

Die Frage der Beziehung zwischen Sinnes-Erfahrungen und kognitiven Fähigkeiten ist so alt wie die Philosophie. Dynamik bekommt diese Diskussion nun durch neueste Forschungsergebnisse aus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Ausgangspunkt war die Tatsache, dass durch die Versorgung von gehörlosen Kindern mit Innenohrprothesen (Cochlea-Implantaten) ein Hördefizit zwar kompensiert werden kann, aber fast ein Drittel der Kinder erreicht trotz früher Versorgung nicht die Erwartungen der Kliniker hinsichtlich ihres Erwerbs an Sprachverständnis.

Hörverlust in der Kindheit hat auch nicht-auditive Konsequenzen

Um das Warum zu ergründen, hat das Team um Professor Dr. Dr. Andrej Kral, Direktor des Instituts für Audioneurotechnologie und der Abteilung für Experimentelle Otologie der MHH-Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, in Zusammenarbeit mit Forschern der Indiana University aus den USA und der britischen Universität Nottingham nun Resultate von neurophysiologischen, kognitiven und klinischen Studien analysiert. Ihr Fazit: Hörverlust in der Kindheit hat auch nicht-auditive Konsequenzen – er wirkt sich also auf andere Leistungsbereiche des Gehirns aus.

Nachgewiesen ist, dass andere Sinnessysteme, aber auch die Kognition, das Hören als Referenz und Datenspeicher nutzen, hauptsächlich für zeitliche Abfolgen und Sequenzierung von Prozessen im Gehirn. So hat Hörverlust Konsequenzen für die Steuerung von Aufmerksamkeit, für das Arbeitsgedächtnis und sogenannte exekutive Funktionen. „Einem hörenden Kind fällt es vergleichsweise leicht, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, weil es unbewusst seine Umgebung abhorchen kann und dadurch weiß, was im nahen Umkreis geschieht. Ein gehörloses Kind kann sich schwerer konzentrieren, weil es immer wieder mit dem visuellen Scannen der Umgebung beschäftigt ist“, erklärt Professor Kral und verdeutlicht damit einen auffälligen Unterschied in der Konzentrationsleistung.

Hörende Kinder merken sich zeitliche Abfolgen besser

Bemerkenswert sei weiterhin die unterschiedliche Merkfähigkeit von Abfolgen: Zeigt man Kindern Farbkarten, etwa rot-gelb-grün-grün-blau-gelb, können sich hörende Kinder schneller und besser deren zeitliche Abfolgen merken, obwohl die Aufgabe rein visuell ist. „Die Sinne arbeiten jeder in seiner Nische und sind dafür optimal angepasst. Im Zeitbereich ist das Hören unverzichtbar, etwa für das richtige Einordnen von zeitlichen Abfolgen, und schlägt das Sehen um fast das Hundertfache in Präzision“, erklärt Professor Kral.

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