Warum lesen kurzsichtig macht

Fördert Textkontrast Kurzsichtigkeit?

Dass Lesen kurzsichtig macht, ist bereits länger bekannt. Doch woran es liegt, war bisher unklar. Forscher des Instituts für Augenheilkunde Tübingen haben nun eine überraschende Antwort dafür gefunden und ebenso eine mögliche Strategie gegen Kurzsichtigkeit.

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Warum Lesen kurzsichtig macht, kann an der dunklen Schrift mit hellem Hintergrund liegen. | Frank Schaeffel/Forschungsinstitut für Augenheilkunde Tübingen

In der Schule kommt man um das Lesen nicht herum. So leidet etwa die Hälfte der Abiturienten in Deutschland unter Kurzsichtigkeit. Bei der sogenannten Myopie wächst das Auge zu lang, das Bild vor der Netzhaut wird scharf abgebildet und in der Ferne sieht man unscharf. Für jedes Jahr in der Ausbildung sinkt die Sehstärke um etwa eine Viertel-Dioptrie. Weltweit lässt sich ein ähnlicher Trend beobachten, da die Ausbildung immer wichtiger wird und so die Myopie zunimmt. Wenn Kinder hingegen viel Zeit im Freien verbringen bei Tageslicht, werden sie erst später kurzsichtig.

Bisher war nicht klar erforscht, warum Lesen zur Kurzsichtigkeit führt. Eine Annahme war, dass zu wenig Akkommodation das scharfe Bild beim Lesen hinter die Netzhaut verlegt, wodurch das Auge schneller wächst. Diese Annahme konnte jedoch nie vollständig belegt werden.

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Die Wissenschaftler des Forschungsinstituts für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen fanden nun einen unerwarteten Grund für die Kurzsichtigkeit. Im Auge gibt es sogenannte ON- und OFF-Zellen. ON-Zellen bewerten in der Netzhaut, ob in ihrem lichtempfindlichen Bereich die Mitte heller und die Umgebung dunkler ist. OFF-Zellen wiederum bewerten, ob die Mitte dunkler und die Umgebung heller ist. Diese Zellen werden bei der normalen Seherfahrung relativ gleichmäßig beansprucht, jedoch nicht beim Lesen von Texten.

Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut in Tübingen entwickelte eine Software, um die Reizstärke dieser ON- und OFF-Zellen zu testen Dabei zeigte sich, dass dunkler Text auf hellem Grund vordergründig die OFF-Zellen reizt, wohingegen heller Text auf dunklem Grund die ON-Zellen reizt. Aus früheren Studien war bereits bekannt, dass die Stimulation der ON-Zellen das Augenwachstum eher hemmen und die Stimulation der OFF-Zellen das Wachstum verstärken kann.

Dicke der Aderhaut entscheidet

Die Forscher wussten bereits, dass die Aderhaut, die Schicht hinter der Netzhaut, vorhersagt, wie das Auge in nächster Zeit wachsen wird. Wird sie dünner, deutet es auf eine Myopie, wird sie dicker, bleibt das Augenwachstum gehemmt und es entwickelt sich keine Myopie. Die Dicke der Gewebsschicht kann mithilfe der optischen Kohärenztomographie (OCT) am lebenden Auge gemessen werden.

Zur Untersuchung der Gewebsschicht der Aderhaut ließen die Studienautoren Schaeffel, Andrea C. Aleman und Min Wang Probanden dunklen Text auf hellem Grund lesen sowie andersherum, hellen Text auf dunklem Grund. Schon nach 30 Minuten konnten sie messen, dass die Aderhaut dünner wurde, wenn schwarzer Text gelesen wurde und dicker bei Text mit umgekehrtem Kontrast. Das lässt vermuten, dass schwarzer Text auf hellem Grund die Myopieentwicklung fördert und heller Text auf dunklem Hintergrund die Myopie hemmt. Eine einfache Maßnahme, die Myopie aufzuhalten, wäre somit den Textkontrast umzukehren.

Diese Strategie muss jedoch erst noch verifiziert werden. Hierfür planen die Tübinger Forscher eine Studie mit Schulkindern. Im Experiment der aktuellen Studie lässt sich jedoch erkennen, dass sich die Aderhautdicke in beide Richtungen ändern kann, allein durch das Lesen mit verschiedenem Textkontrast. (idw, red)

 

Literatur:

Andrea C. Aleman, Min Wang & Frank Schaeffel: Reading and Myopia: Contrast Polarity Matters. Scientific Reports volume 8, Article number: 10840 (2018), DOI: 10.1038/s41598-018-28904-x.