Fehlzeitenanalyse

Fernpendeln belastet die Psyche

Mit der Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort steigt bei Pendlern die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung. Das ist das Ergebnis einer Fehlzeitenanalyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Fernpendeln

Lange Fahrstrecken zum Arbeitsort belasten die Psyche. | Robert Kneschke/Fotolia

„Lange Fahrstrecken zum Arbeitsort belasten die Psyche. Wird die Distanz zum Arbeitsort durch einen Wohnortwechsel verkürzt, kann die relative Wahrscheinlichkeit von Fehltagen aufgrund einer psychischen Erkrankung um bis zu 84 Prozent reduziert werden“, so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Dies konnte mithilfe einer Analyse der Arbeitsunfähigkeiten der bei der AOK versicherten Beschäftigten in den letzten fünf Jahren ermittelt werden.
 

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Bei knapp 58 Prozent der mehr als 13 Millionen erwerbstätigen AOK-Mitglieder des Jahres 2017 liegen Wohn- und Arbeitsort bis zu 10 Kilometer auseinander. Dahingegen müssen 10,6 Prozent von ihnen Distanzen von mehr als 50 Kilometern zum Arbeitsort überbrücken. Ihr Anteil ist in den letzten fünf Jahren von 9,8 auf 10,6 Prozent gestiegen. Am deutlichsten sind die Pendelstrecken bei den 30- bis 39-Jährigen (durchschnittliche Distanz 26,5 Kilometer). Tendenziell nehmen Männer einen längeren Arbeitsweg in Kauf als Frauen (Distanz 26,2 zu 20,4 Kilometer).
 
Bei der AOK versicherte Beschäftigte, die maximal 10 Kilometer Wegstrecke zum Arbeitsplatz zurücklegen, wiesen 2017 durchschnittlich 11 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 100 Mitglieder aufgrund psychischer Erkrankungen auf. Bei einer Wegstrecke von mindestens 50 Kilometern sind es bereits 12 und bei mehr als 500 Kilometern zur Arbeit waren es 12,6 Fälle. Nicht nur die Anzahl der Krankschreibungen, auch die durchschnittlichen Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen steigen dabei von 2,9 auf 3,4 Fehltage pro AOK-Mitglied. Treiber ist dabei die Diagnose „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ (ICD F43). Hierunter fallen depressive Verstimmungen, Ängste, Sorgen und das Gefühl, mit den alltäglichen Gegebenheiten nicht zurechtzukommen.
 

Verkürzung der Entfernung zwischen Wohn-und Arbeitsort

Für seine Analysen hat das WIdO auch die Fehltageverläufe innerhalb eines Fünfjahreszeitraumes dahingehend analysiert, ob ein Wohnortwechsel mit einer Veränderung der Entfernung zum Arbeitgeber Auswirkungen auf die Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen hat. Bei den knapp 5 Millionen kontinuierlich bei der AOK versicherten Beschäftigten haben 5,1 Prozent in diesem Zeitraum die Entfernung zwischen Wohn-und Arbeitsort verkürzt, bei 6,1 Prozent ist die Strecke länger geworden.

Bei einem Vergleich der Fehltage ein Jahr vor und ein Jahr nach dem Wohnortwechsel zeigt sich: Bei einer Verkürzung der Wegstrecke steigen die psychisch bedingten Fehlzeiten unterdurchschnittlich, eine Verlängerung erhöht sie überdurchschnittlich. Bei der Gruppe der Arbeitnehmer, die nach einem Wohnortwechsel zu Fernpendlern werden, also einen Fahrweg von mindestens 50 Kilometern zum Arbeitsort in Kauf nehmen, war der Anstieg der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen am größten (plus 54,4 Prozent). Kann die Distanz hingegen auf unter 50 Kilometer verkürzt werden, ist der Anstieg mit 7,9 Prozent deutlich geringer. In der Vergleichsgruppe derjenigen, die in den letzten fünf Jahren keinen Wohnortwechsel vorgenommen haben, lag der Anstieg bei 49,4 Prozent.
 
„Vergleicht man Beschäftigte, die in einem Fünfjahreszeitraum nicht umgezogen sind, mit denjenigen, die durch einen Umzug ihren Arbeitsweg auf unter 50 Kilometer verkürzen konnten, zeigt sich, dass die relative Veränderung der Fehltage aufgrund einer psychischen Erkrankung um bis zu 84 Prozent sinkt“, so Helmut Schröder. „Es lohnt sich also, wenn Beschäftigte ihren Arbeitsweg verkürzen oder Arbeitgeber ihre Mitarbeiter beispielsweise bei der Wohnungssuche vor Ort unterstützen.“
 

Quelle: WIdO, 26.03.18