Begründer der Physiologischen Chemie

Felix Hoppe-Seyler

Felix Hoppe-Seyler (eigentlich Ernst Felix Immanuel Hoppe) wurde am 26. Dezember 1825 als zehntes Kind der Superintendentenfamilie Ernst Hoppe in Freyburg (Unstrut) geboren und starb am 10. August 1895 in Wasserburg (Bodensee) an einem Schlaganfall, als er sein selbst konstruiertes Segelboot zu Wasser bringen wollte.

Felix Hoppe-Seyler

Felix Hoppe-Seyler | © Henry W. Peckwell, gemeinfrei

Er wurde bereits mit elf Jahren Waise und lebte bei seiner Schwester Klara und Pastor Georg Seyler, der ihn 1864 adoptierte, weshalb er aus Dankbarkeit einen Doppelnamen annahm. Sein Sohn Georg Hoppe-Seyler wurde nach Habilitation über „Ätherschwefelsäure“ Professor für Innere Medizin in Kiel. Der Enkel Felix Adolf Hoppe-Seyler (1898–1945) leitete die Physiologisch-Chemischen Institute in Würzburg (1930–1934) und Greifswald (1934–1945). Er forschte über Aminophenole, Methämoglobin, Betain und Deiodase in der Leber.

Felix Hoppe-Seyler (H-S) studierte Medizin in Halle, Leipzig, Prag und Wien und wurde 1850 in Berlin mit einer Arbeit über Knorpelanalysen promoviert. Nach zwei Jahren als praktischer Arzt am Berliner Arbeiterhaus und in der Cholerabaracke bekam er 1854 eine Stelle als Prosektor im Institut für Anatomie und Physiologie in Greifswald. Die technischen (umgebauter Pferdestall!) und persönlichen Arbeitsbedingungen (sein Chef wollte seine Habilitation verhindern!) waren so schlecht, dass er sich 1856 nach der Habilitation beim Preußischen Kulturministerium um eine Stelle in der Chemischen Abteilung des Virchowschen Pathologischen Instituts bewarb. Ab 1861 war er Professor für Angewandte Chemie in Tübingen. In dem primitiven Labor in einer umgebauten Küche (!) des Schlosses Hohentübingen wurden so viele wichtige Ergebnisse erbracht, dass 2015 der Raum zu einem Museum der Tübinger Biochemie umgestaltet wurde. Von 1872 bis zu seinem Tod war Hoppe-Seyler Professor für Physiologische Chemie in Straßburg und konnte durch einen Institutsneubau gute Arbeitsbedingungen schaffen. Die Deutsche Vereinte Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin vergibt seit 1985 alle drei Jahre den Felix-Hoppe-Seyler-Preis für besondere wissenschaftliche Leistungen. Hoppe-Seyler gilt als Begründer der Physiologischen Chemie (heute Biochemie) und hat deren Bedeutung in Lehre und Klinik immer wieder betont und gegen berühmte Gegner, wie Eduard Pflüger und Emil Du Bois-Reymond, durchgesetzt. Mit Kontrahenten hat er scharfe und sarkastische Diskussionen geführt. Eine große Zahl von Studenten und Ärzten aus vielen Ländern hat er an allen Wirkungsstätten um sich geschart, angeleitet, promoviert und habilitiert. In Berlin waren es unter anderem Alexander Schmidt (Blutgerinnung, Fibrinogen), Ernst von Leyden (Charcot-Leyden-Kristalle), Wilhelm Kühne (Enzyme) und Sergei Petrowitsch Botkin (Leibarzt des Zaren).

Die Tübinger Zeit war besonders durch Friedrich Mieschers (1844–1895) Entdeckung des „Nuclein“ (Nukleinsäuren, DNS) in Eiter geprägt (H-S nahm die Publikation erst nach eigener experimenteller Bestätigung in seine Zeitschrift auf). Eugen Baumann untersuchte den Schwefelstoffwechsel und entdeckte bei einem Alkaptoniker die Homogentisinsäure. E. L. Salkowski arbeitete über Phenolausscheidung, Autolyse und Pentosurie. W. F. Loebisch übernahm 1877 das Institut für Medizinische Chemie in Wien und verbesserte die Urinanalyse. In Straßburg wurden die Forschungen über die Nukleoproteine durch Nobelpreisträger Albrecht Kossel vorangebracht. R. von Jaksch isolierte Acetoacetat und entwickelte einen Melanintest. Josef von Mering promovierte 1874 bei H-S und entdeckte mit O. Minkowski durch Entfernung des Pankreas bei Hunden die Ursache des Typ-1-Diabetes. H. Thierfelder habilitierte in Straßburg und wurde Professor für Physiologische Chemie in Berlin und Tübingen. Christian A. Herter gründete später die American Society of Biochemistry und die zugehörige Zeitschrift.

Hoppe-Seyler forschte intensiv über den Blutfarbstoff und das Chlorophyll. Die Forschungsgeräte konstruierte er selbst: Doppelpipette für Hb-Bestimmung, Polarimeter und den berühmten „Spektralapparat“. Er bewies, dass Hämoglobin (1866 von ihm benannt) eine definierte chemische Substanz ist, Eisen enthält und Beziehungen zu den Gallenfarbstoffen hat (die Strukturformel wurde erst 1912 von W. Küster aufgestellt). Nach Entfernung des Eisens isolierte H-S das Hämatoporphyrin. Spektroskopisch fand er Hb-Absorptionsbanden und deren Veränderungen durch Sauerstoffaufnahme sowie bei der Bildung von CO-Hb und Met-Hb. Den Befund von Charles A. MacMunn von „Myohämatin“-Spektren in der Muskulatur hat er als „Verunreinigung“ nicht in seine Zeitschrift aufgenommen, erst nach 40 Jahren konnte D. Keilin das Vorkommen der Cytochrome bestätigen. H-S postulierte, dass die Oxidation zur Energiegewinnung nicht im Blut stattfindet, sondern in der Zelle. Der Sauerstoff muss durch „naszierenden“ Wasserstoff aktiviert werden: eine Vorwegnahme der Redoxreaktionen und der Atemkette sowie Abgrenzung der Fäulnisvorgänge. Mit seinen Schülern untersuchte er die Zusammensetzung der Zellen (Nukleoproteine, Lezithin, Albumin, Cholesterin, Glykogen und Glykosamine, siehe oben) und analysierte Knorpel, Knochen und Zahnschmelz. Er hatte auch großes Interesse für Botanik, Mineralogie und Geologie und erforschte Wasser und Boden des Bodensees. 1877 gründete er die international beachtete Zeitschrift für Physiologische Chemie, die nach seinem Tod von seinen Schülern Kossel und Baumann als Hoppe-Seylers Zeitschrift für Physiologische Chemie fortgeführt wurde.

Literatur

1.     Hoppe-Seyler F: Handbuch der physiologisch und pathologisch-chemischen Analyse (1858). 8. Aufl. 1909, Hirschwald, Berlin.

2.     Hoppe-Seyler F: Textbuch der Physiologischen Chemie. 4 Bde (1877–1881).

3.     Hoppe-Seyler G: Felix Hoppe-Seyler – Arzt und Naturwissenschaftler. BIOspektrum 2014; 20: 823–4.

4.     Mathews AP: The life and work of Felix Hoppe-Seyler. Popular Science Monthly 1898; 53: August (https//en.wikisource.org/wiki/Popular_Science_Monthly/Volume 53).

5.     Fiedler H: Albrecht Kossel. MTA Dialog 2016; 17: 357.

 

Entnommen aus MTA Dialog 7/2017