MIR-Tagung in Barcelona 2015

Erwartungen an die Zukunft – Was bringt die Radiologie 4.0?

Management in Radiology (MIR) ist ein Unterkomitee der European Society of Radiology (ESR). Diese Fachgruppe beschäftigt sich mit allen berufsständischen Aspekten der Radiologie, darunter der Mitarbeiterentwicklung, Personalplanung, Patientensicherheit, Entwicklung des Leistungsportfolios und mit wirtschaftlichen Fragen.

Erwartungen an die Zukunft – Was bringt die Radiologie 4.0?

Erwartungen an die Zukunft – Was bringt die Radiologie 4.0? | © Fotolia

Auch Themen wie Teleradiologie, eHealth und Kommunikation (beispielsweise soziale Medien) gehören zum Spektrum. Die Arbeitsgruppe für Management in der Radiologie (MIR, ehemaliger EWGMR) wurde im Jahr 1999 gegründet, um Ideen für eine stärkere Beteiligung und die Ausbildung der Radiologen in der Verwaltung der radiologischen Abteilungen zu entwickeln. Die MIR-Jahrestagung, die in diesem Jahr vom 8. bis 9. Oktober in Barcelona stattfand, wendet sich insbesondere an Radiologen, Radiologiemanager, leitende MTRAs und Spezialisten der radiologischen Informatik.

Dieses Jahr standen auf der Agenda neben aktuellen Themen die Rollen und Verantwortlichkeiten aus Sicht diverser Berufsgruppen, ferner wurden Evaluierung und Auditierung für mehr Qualität und Sicherheit diskutiert; praktische Workshops und eine Postersession rundeten den Kongress ab.

Eine besondere Herausforderung der Radiologie stellt unter anderem die Vielfalt der Aufgaben und Akteure dar: „Allen zugehörigen Berufsgruppen gemeinsam ist, dass sie zwar Experten in ihrem Gebiet sind, heute jedoch vor Managementaufgaben stehen, die sie erst lernen und bewältigen müssen“, erklärte Dr. Jane Adam, Radiologin am St. George‘s Hospital, London.

Laut Dr. Jim Reekers, einem niederländischen Radiologieprofessor, solle der Radiologe bewusst Teilnehmer eines Teams sein. Austausch und Kommunikation seien sehr wichtig, flache Hierarchien und gemeinsames Arbeiten ohne Vorschriften bringen Vorteile.

Dr. Adam unterstrich, der interventionelle Radiologe sei ebenso auf Kommunikation fokussiert, im St. George‘s in London brächten regelmäßiger Austausch und aktives Fehlermanagement die Teamarbeit voran.

Dr. Graciano Paulo, Professor der Coimbra Health School in Portugal, verdeutlichte die Rolle der MTRAs. „Im Kenntnismix aus hochtechnisiertem Wissen, der Anatomie des Menschen sowie einer guten Beziehung zum Radiologen liegt das Geheimnis. Herausforderungen sind heute sowohl wissenschaftlicher Art, ebenso wichtig sind gute Kenntnisse der Regulierungsvorschriften und Leitlinien. Sich auf die vorhandenen Erfahrungen zu beschränken, reicht nicht, nach vorn schauen ist notwendig.“

Der Medizinphysiker Dr. Carmel Caruana aus Malta erklärte, dass die Radiologie-Technik sich schneller entwickle als die Ausbildung in der Medizin. Es sei sehr viel Detailwissen für hochmoderne Geräte erforderlich, deshalb sollten Radiologen Unterstützung annehmen. Medizinphysiker seien eine Wissensbrücke zwischen Medizingeräteanbietern, Forschungsliteratur und Gesundheitsberufen.

Dr. Rhidian Bramley, IT-Spezialist in der Bildgebung, hält das Datasharing für besonders wichtig, neben Vernetzung und Kommunikation bringe die IT auch in der Radiologie alle Prozesse zusammen.

Akkreditierung und klinische Audits gewannen und gewinnen auch in radiologischen Abteilungen zunehmend an Bedeutung. Referenten stellten verschiedene Modelle zur Qualitätsverbesserung und Fehlervermeidung vor.

Innovative Möglichkeiten zeigten beispielsweise Socrates – die Software ist diesjähriger TMC Radiologie Award Gewinner; sie überwacht und evaluiert Radiologen in der Ausbildung – und ein PC-Spiel, mit dem das radiologische Diagnostizieren der Brust- und Lendenwirbelerkrankungen eingeübt wird.

Das Herstellen einer neuen Krankenhauskultur für eine hochwertige, patientenzentrierte radiologische Pflege demonstrierte die Radiologin Dr. Geraldine McGinty anhand eines Praxisbeispiels aus den USA. Entstanden ist dies aufgrund der Erkrankung einer Angestellten – ihre Erfahrungen kommen nun künftigen Patienten zugute.

Aus der Fertigung ist der Begriff Industrie 4.0 schon länger bekannt. Die Kennzeichen der künftigen Form der Industrieproduktion sind die starke Individualisierung der Produkte unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten (Großserien-)Produktion und die weitgehende Integration von Kunden sowie Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse. Hinzu kommt die Verkopplung von Produktion und hochwertigen Dienstleistungen. Dies ist auch unter dem Schlagwort Internet der Dinge bekannt. Unter dem Punkt Radiologie 4.0 prognostizierten in Barcelona Experten die Zukunft der Radiologie aus europäischer und US-Perspektive. Der emeritierte Radiologie-Chef Dr. Steven Baker vermittelte eher ein pessimistisches Bild für Radiologen: „Die goldenen Jahre sind vorbei. MTRAs übernehmen die Technik und Computer errechnen die Diagnosen, so stirbt der typische Radiologe aus.“

Die US-Radiologen Dr. Bibb Allen und Dr. James Brink referierten positiver: „Die Rolle des Radiologen im Population Health Management wird wichtiger, denn beide hängen voneinander ab; es gibt eine Vielzahl von Richtlinien zu erstellen – vor allem auch online -, niemand liest die vorhandenen, oft überalterten Lehren, die nur in Papier vorliegen. Hier liegt eine der künftigen Herausforderungen“, so Dr. Brink.

„Auch wenn Radiologen teilweise durch Maschinen ersetzt werden, muss jemand da sein, der entscheidet, welche Untersuchungen gemacht werden; Prä- und Postdiagnostik entscheiden wesentlich über den Behandlungserfolg. Der Bedarf an Krebsdiagnostik steigt. Die Radiologie wird interdisziplinär und fordert bestmögliche Zusammenarbeit von Mensch und Maschine ein. Deshalb wird sie überleben“, bestätigte Dr. Allen.

Entnommen aus MTA Dialog 12/2015