Übertragung von Hautdiphtherie

Erster Diphtherie-Ausbruch in Deutschland seit fast 40 Jahren

Im aktuellen Epidemiologischen Bulletin verweist das RKI auf einen interessanten Fall einer Infektion mit einem toxigenen C.-diphtheriae-biovar-mitis-Stamm.

Eine diphtherische Hautläsion am Bein

Eine diphtherische Hautläsion am Bein | CDC, Gemeinfrei

In den frühen 2000er-Jahren stammte laut Robert Koch-Institut (RKI) ein Großteil der im Konsiliarlabor für Diphtherie untersuchten C.-diphtheriae-Isolate noch von Hautdiphtherie-Patienten nach einem Aufenthalt in tropischen oder subtropischen Ländern. Dagegen seien in den letzten Jahren zunehmend auch im Inland erworbene C.-diphtheriae-Stämme aus Hautläsionen ans Konsiliarlabor eingesandt worden. Es liege die Vermutung nahe, dass die  Zunahme der aus dem Inland eingesandten Stämme auch auf eine verbesserte Diagnostik infolge der breiten Anwendung von MALDI-TOF MS in mikrobiologischen Laboren erklärt werden könne.

Neu ist auch, dass in den vergangenen Jahren in Deutschland C. diphtheriae jedoch auch bei Menschen aus Diphtherie-Endemiegebieten (die daher mit C. diphtheriae besiedelt sein können) und/oder bei geflüchteten Menschen und Asylsuchenden nachgewiesen wurde.

Rohingya

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben in den Rohingya-Flüchtlingslagern in Bangladesch Tausende Diphtherie- und Masernpatienten behandelt. Bis zum 22. Januar haben sie 4.371 Diphtherie-Kranke sowie 3.539 Maserpatienten versorgt, meist Kinder unter 15 Jahren.

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Der beschriebene Fall des ersten Diphterie-Ausbruchs in Deutschland seit fast 40 Jahren beginnt im September 2018, als ein unter 10 Jahre altes in Deutschland lebendes Kind mit somalischem Migrationshintergrund wegen einer nur langsam verheilenden Brandwunde stationär aufgenommen wurde. Laut RKI konnte bei dem ansonsten gesunden Kind aus einem ersten Wundabstrich Streptococcus (S.) pyogenes isoliert werden. Es wurde berichtet, dass sich das Kind (Indexfall) sechs Tage zuvor während eines Rückflugs von einem dreiwöchigen Aufenthalt in Somalia mit heißem Tee am Oberschenkel verbrüht habe. Zehn Tage später wurde dann in einem Kontrollabstrich ein toxigener C.-diphtheriae-biovar-mitis-Stamm mit Penicillin-G- und Erythromycin-Resistenz nachgewiesen. Wie es die 2018 aktualisierten Empfehlungen des RKI-Ratgebers Diphtherie vorsehen, sei das Kind isoliert und eine Kontaktpersonennachverfolgung durchgeführt worden. Bei der Familienanamnese habe sich ergeben, dass ein älteres Geschwisterkind infizierte Insektenstiche am Unterschenkel hatte, die bereits in Somalia vorhanden gewesen sein sollen. Mindestens eine der Läsionen habe einen Randsaum aufgewiesen und erschien ausgestanzt. Ein Wundabstrich daraus habe den Nachweis eines Keimgemischs mit S. pyogenes, drei verschiedenen wenig pathogenen Erregern und toxigenem C.-diphtheriae-biovar-mitis mit identischem Antibiogramm erbracht. Dieses Kind sei daraufhin ebenfalls stationär aufgenommen und isoliert worden. Eine am Konsiliarlabor für Diphtherie veranlasste und mittels Next Generation Sequencing (NGS) durchgeführte core genome Multilocus Sequence Type-(cgMLST-)Feintypisierung habe gezeigt, dass die beiden Isolate in allen 2.154 untersuchten Genloci identisch waren. Dieser MLST-Sequenztyp 586 sei weltweit bislang noch nicht beschrieben worden, so das RKI. Einundzwanzig andere im Konsiliarlabor vorhandene Stämme aus afrikanischen Ländern (inkl. Somalia) hätten in der NGS-basierten Single Nucleotide Polymorphism-(SNP-)Analyse keine Verbindung zu den beiden identischen Isolaten gezeigt.

Bedeutung der Hautdiphterie

Die Übertragung des C.-diphtheriae-Stammes zwischen den beiden Geschwistern habe die Bedeutung einer Hautdiphtherie als möglichen Ausgangspunkt für Diphtherieausbrüche bestätigt, betont das RKI. Ältere Studien hätten zudem gezeigt, dass in bestimmten Gruppen Haut-zu-Haut-Übertragungen teilweise sogar häufiger stattfänden als Tröpfchen-Übertragungen über respiratorische Sekrete. Zu diesen Gruppen zählen laut RKI Schulkinder aus Regionen mit hoher Deprivation, obdachlose Menschen mit Alkoholabhängigkeit, benachteiligte ethnische Gruppen.

Laut RKI liegen die letzten (Rachen)Diphtherie-Ausbrüche in der Bundesrepublik Deutschland ebenfalls mehr als 30 Jahre zurück. Zuletzt waren Schulen und Kinderheime in verschiedenen Städten Nordrhein-Westfalens mit z. T. letalen Erkrankungsfällen betroffen. Der vom RKI aktuell geschilderte Fall einer Übertragung von Hautdiphtherie zwischen zwei Geschwistern ist seit diesen Ausbruchsgeschehen der erste Diphtherie-Ausbruch in der Bundesrepublik.

Die Diphtherie ist eine vor allem im Kindesalter auftretende, akute, ansteckende Infektionskrankheit, die in der Regel durch eine Infektion der oberen Atemwege mit dem grampositiven Corynebacterium diphtheriae (aber auch C. ulcerans und sehr selten C. pseudotuberculosis) hervorgerufen wird. Besonders gefürchtet ist das Diphtherietoxin, das zu lebensbedrohlichen Komplikationen und Spätfolgen führen kann. In den letzten Jahrzehnten wurden die klassischen Formen in Deutschland durch die Haut- bzw. Wunddiphtherie abgelöst.

Quelle: RKI

Literatur:

Der ausführliche englischsprachige Artikel ist in Eurosurveillance 2019 erschienen. Berger A, Dangel A, Schober T, Schmidbauer B, Konrad R, Marosevic D, Schubert S, Hörmansdorfer S, Ackermann N, Hübner J, Sing A: Whole genome sequencing suggests transmission of Corynebacterium diphtheriae-caused cutaneous diphtheria in two siblings, Germany, 2018. Euro Surveill. 2019; 24 (2):pii=1800683. DOI: doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2019.24.2.1800683.

Sing A, Berger A, Dangel A, Marosevic D, Schmidbauer B, Schober T, Hübner J: Übertragung von Hautdiphtherie innerhalb einer Familie – Erster Diphtherie-Ausbruch in Deutschland seit fast 40 Jahren. Epid Bull 2019; 20: 169 – 171, DOI: 10.25646/6141.