Universitätsklinikum Gießen

Erste robotische PCI-Behandlung in Deutschland

Das Universitätsklinikum Gießen ist das erste Klinikum in Deutschland, an dem assistiert von einem Robotersystem eine Gefäßstütze (Stent) minimalinvasiv in ein verengtes Herzkranzgefäß eingesetzt wurde, um es wieder zu öffnen.

Prof. Dr. Nef und  Prof. Elsässer

Prof. Dr. Nef, stellvertretender Direktor der Klinik Kardiologie und Angiologie am Uniklinikum Gießen, im Hintergrund: Prof. Elsässer, Leiter der akademie-eigenen Kurse der DGK. | Andi Mährlein / Universitätsklinikum Gießen

Die perkutane Koronarintervention führte das Team von Prof. Dr. Holger Nef, stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik I (Kardiologie / Angiologie) durch. Um den Katheter zu führen und den Stent zu setzen, nutzen die Ärzte ein endovaskuläres Robotersystem zusammen mit einem Angiographie-System. Das Angiographie-System lieferte den Ärzten während des gesamten Eingriffs die Bildgebung zur Darstellung der Gefäße des Patienten, durch die der Katheter geführt wurde.

PCI nach wie vor mit einigen potentiellen Risiken

Die koronare Herzkrankheit (KHK) ist nach wie vor eine der häufigsten kardiovaskulären Erkrankungen in den westlichen Industrienationen. Ihre Folgen, beispielsweise der akute Herzinfarkt, gehören in der Bundesrepublik Deutschland unverändert zu den häufigsten Todesursachen. In der Therapie des akuten und chronischen Koronarsyndroms hat sich die perkutane Koronarintervention (PCI) mit Stent-Implantation (Gefäßstützen) als sogenannter Goldstandard etabliert und wird dementsprechend in den europäischen Leitlinien empfohlen.

Die PCI ist im klinischen Alltag aber nach wie vor mit einigen potentiellen Risiken, sowohl für den Patienten als auch für das Personal des Herzkatheterlabors, verbunden. „Für den Patienten sind dies unter anderem die Strahlenbelastung, das akute Nierenversagen durch Kontrastmittelgabe und die Stentthrombose / Stentstenose bei falscher visueller Einschätzung der Läsionslänge“, berichtet Prof. Nef. Auch das klinische Personal ist auf Dauer einer Belastung ausgesetzt, welche sich vor allem durch das Tragen von schweren Bleischürzen und die Röntgenstreustrahlung bemerkbar macht. Interventionelle Kardiologen entwickeln bereits in den frühen Lebensjahren häufiger Katarakte als Ärzte aus anderen Fachgebieten. In einer kürzlich publizierten Beobachtungsstudie wurde zudem die Sorge um einen möglichen Zusammenhang zwischen der lebenslangen Strahlenbelastung bei interventionellen Kardiologen und der Entwicklung von linksseitigen Hirntumoren geäußert. Nicht zuletzt aus diesen Gründen wurde seit Jahren nach einer Roboter-gestützen und ferngesteuerten Alternative geforscht.

Die Zukunft der PCI liegt in der Robotik

In diesem Zusammenhang wurden roboter-gestützte und ferngesteuerte Systeme für koronare und endovaskuläre Eingriffe entwickelt, um einige dieser oben erwähnten Risiken zu minimieren. Erste Versuche haben die Sicherheit, Anwendbarkeit und Effektivität des nun in Gießen eingesetzten Gerätes mit der konventionellen PCI verglichen. In der ersten veröffentlichten Studie beurteilen die Behandler die Leistungen des Robotersystems in 97,5 Prozent der Fälle als gleichwertig oder besser als das herkömmliche manuelle PCI-Verfahren. Die Strahlenbelastung des interventionellen Kardiologen reduzierte sich um 97 Prozent im Vergleich zur konventionellen PCI.

Herz

Mit einer kurzen Untersuchung im Magnetresonanztomographen kann das Risiko für schwerwiegende Komplikationen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit wesentlich besser eingeschätzt werden als mit bisher eingesetzten Parametern.

weiterlesen

Weitere Simplifizierung der PCI-Prozedur mit KI?

Darüber hinaus wurden Robotersysteme für die PCI auch mit dem Ziel entwickelt, die Präzision zu erhöhen. So erlaubt ein Robotersystem durch seine mechanische Präzision eine exakte Steuerung der Stent- und Ballonpositionierung (0,5-mm-Schritte). „Eine genaue Positionierung von Stent und Ballon ist entscheidend für den prozeduralen Erfolg der PCI und das langfristige Ergebnis“, sagt Prof. Dr. Christian Hamm, Direktor der Medizinischen Klinik I, Kardiologie und Angiologie, am Uniklinikum Gießen. „Wenn koronare Läsionen nicht vollständig durch Stents abgedeckt werden, ist dies ein wesentlicher Risikofaktor für Folgeeingriffe durch Restenosen.“ Zukünftige Implementierung von künstlicher Intelligenz erlaubt zudem eine weitere Simplifizierung der PCI-Prozedur.

Technische Innovationen ermöglichen komplexere Eingriffe

Durch diesen technischen Fortschritt im Bereich der interventionellen Kardiologie kann es ferner gelingen, zunehmend komplexere Prozeduren wie beispielsweise Mehrgefäßerkrankungen, Hauptstammstenosen, Bifurkationsstenosen oder auch Wiedereröffnungen von chronischen Verschlüssen erfolgreich routinemäßig durchzuführen. „Gerade bei diesen Untersuchungen kann die Präzision durch robotische Untersütztung, sowie die Reduktion der Strahlenbelastung elementar wichtig sein“, betont Prof. Nef.

Doch um die zahlreichen Optionen der Robotersysteme im Rahmen der Prozedur zu nutzen, sollte eine standardisierte und differenzierte Ausbildung der Interventionalisten mit dieser Technik erfolgen, so die Experten. „Hierdurch könnten wir optimale Eingriffsergebnisse bei gleichzeitiger Risikoreduktion für unsere Patienten erzielen“, erläutert Prof. Albrecht Elsässer, Leiter der Akademie-eigenen Kurse der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). „Derzeit wird bereits ein Curriculum erstellt und der Ausbildungsprozess wissenschaftlich begleitet. Wenn wir von einer flächendeckenden Verbreitung der Methode in den kommenden Jahren ausgehen, können wir durch solche Programme eine hohe Versorgungsqualität der Patienten garantieren“, sagt Prof. Elsässer.

Das Universitätsklinikum Gießen freut sich, nun als erstes deutsches Zentrum seinen Patienten dieses neue Verfahren anbieten zu können. „Die optimale Patientenversorgung mit innovativer Technologie ist uns eine Herzensangelegenheit, weshalb wir uns für dieses neue Verfahren entschieden haben“, sagt Dr. Christiane Hinck-Kneip, die Kaufmännische Geschäftsführerin am Universitätsklinikum Gießen.

Quelle: idw/red