KKNMS zur mRNA-Vakzinierung

Ernüchternde Stellungnahme zur „Impfung gegen MS“

Die KKNMS betont, dass die neue Technik der mRNA-Vakzinierung, die gegenwärtig so erfolgreich als COVID-Impfung eingesetzt werde, nicht ohne weiteres auf Erkrankungen wie die Multiple Sklerose (MS) übertragbar sei.

MS

Impfung gegen MS? | Zerbor, stock.adobe.com

Für viel Aufsehen selbst in den Publikumsmedien sorgte eine Studie, bei der es gelungen ist, die Entstehung von experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis bei Mäusen durch einen entzündungshemmenden Impfstoff zu unterdrücken (Krienke et al., Science 2020). Bei bereits erkrankten Tieren konnte der Krankheitsverlauf durch die Gabe des mRNA-Impfstoffes abgemildert bzw. rückgängig gemacht werden. Die Ergebnisse von Christina Krienke und Kollegen, unter der Studienleitung von Prof. Sahin, dem Mitbegründer von Biontech, wecken deshalb Hoffnungen bei MS-Betroffenen. Teilweise wurde in den Medien von der Möglichkeit gesprochen, hier eine Impfung gegen die Multiple Sklerose generieren zu können. Doch gerade hier mahnen die KKNMS-Wissenschaftler (Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose) zur Vorsicht.

Tierstudie nicht so einfach auf Menschen übertragbar

Die Technik der mRNA-Vakzinierung wird derzeit intensiv diskutiert. Zumal sie erstmals erfolgreich als Strategie zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das SARS-COV2 Virus etabliert wurde. Mit Datum vom 08.01.2021 sind gegenwärtig zwei Impfstoffe zugelassen, die beide das gleiche Prinzip verwenden. Das Kompetenznetzwerk hatte in einer Stellungnahme vom 18.12.2020 hierzu informiert und Empfehlungen für MS Patienten herausgegeben.

Multiple Sklerose: Gehirn mit typischen MS-Plaques

Die ersten Berichte von Multipler Sklerose (MS) reichen weit zurück. Doch es dauerte lange, bis die Ursachen erkannt wurden. Einen Fortschritt bei der Diagnose brachte die moderne Bildgebung.

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Nun wurde die mRNA-Vakzinierung im Tierexperiment und an einem Modell, welches Aspekte der MS nachstellt, verwendet. Die Studie sei höchstwertig und wissenschaftlich von größter Bedeutung und dokumentiere erneut auch das Potential der mRNA-Vakzinierungsstrategie insgesamt, so das KKNMS. Allerdings, betonen die Wissenschaftler:  Was in Mäusen mit experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis als Impfstrategie funktioniere, sei als Strategie für eine Autoimmunerkrankung beim Menschen nicht so einfach zu übersetzen. Hauptproblem beim Menschen – im Gegensatz zum Tiermodell – sei, dass die Zielantigene bei der MS nicht bekannt seien. Über Jahrzehnte hätten Wissenschaftler bereits versucht, die für Multiple Sklerose relevanten Antigene zu identifizieren, dies sei bisher jedoch nicht gelungen.

Verweis auf frühere Versuche

Ganz im Gegenteil: In den 1990er-Jahren hätten Antigen-spezifische Therapieansätze bei der Übertragung aus Laborbedingungen auf den Menschen sogar teilweise unerwartet zu einer Verstärkung der Entzündung im Gehirn geführt, indem Immunantworten gegen das ZNS sogar befördert und nicht unterdrückt worden seien. Die MS gelte heute als komplexe Störung immunregulatorischer Netzwerke. Nach der Gabe einer Selektion von Antigenen zur Therapie einer Autoimmunerkrankung, könne es sogar zu einer fehlgesteuerten Aktivierung von Ab-wehrzellen kommen. Denn im Verlauf der Erkrankung gebe es offensichtlich sehr viele Antigene sowie HLA-Moleküle, welche den T-Zellen helfen, anhand der zellulären Oberflächenstruktur kranke von gesunden Zellen zu unterscheiden, und diese seien individuell unterschiedlich, betonen die KKNMS-Wissenschaftler. Weiterhin beruhe das Phänomen der Verstärkung der Entzündung wohl auf speziellen Bindungsstärken der gegen den eigenen Körper gerichteten Immunabwehr. Somit sei es nicht verwunderlich, dass bislang kein Antigen-spezifischer Therapieansatz in der Multiplen Sklerose (und auch nicht bei anderen Autoimmunerkrankungen) erfolgreich war.

Kein Vergleich zur Impfung gegen Infektion

Eine Autoimmunkrankheit wie die Multiple Sklerose sei im Kontext der entwickelten Impfung damit nicht gleichzusetzen mit einer Infektion, die ja eine sehr gerichtete Antwort auf sehr definierte (Virus)Antigene darstelle. Die Strategie eine „Impfung gegen MS“ zu entwickeln sei zwar charmant und wissenschaftlich ein hochwertvolles Ziel. Es fehle aber beim Menschen nicht die richtige Labortechnik, sondern die Biologie der Entzündungsprozesse bei der MS sei ganz anders zu bewerten als bei einer Infektion, geben die KKNMS-Wissenschaftler zu bedenken.

 

Literatur:

1. Krienke et al.: A noninflammatory mRNA vaccine for treatment of experimental autoimmune encephalomyelitis. Science  08 Jan 2021, Vol. 371, Issue 6525, pp. 145-153, DOI: 10.1126/science.aay3638.

 

Quelle: idw/Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose