Interview

Dr. Jan Leidel über Impfkritiker: „Manche Diskussionen lohnen sich, andere nicht“

 

Wann lohnt sich so ein Gespräch? Und wann vielleicht auch nicht?

Wir hatten am Anfang ja gesagt, dass 18 Prozent der Bevölkerung dem Impfen unentschlossen gegenüberstehen. Auch hier wird man nicht jeden überzeugen, aber es lohnt sich, in die Diskussion einzusteigen – da können Informationen helfen, die Zweifel und Ängste zu beseitigen. Wenn man es allerdings mit einem Hardcore-Impfgegner zu tun hat, sollte man irgendwann kapitulieren und akzeptieren, dass die eigene Überzeugungsarbeit an Grenzen stößt. Früher habe ich gelegentlich ironisch reagiert und zum Beispiel gesagt: „Wenn Ihnen die Impfung nicht gefällt, probieren Sie doch mal die Krankheit“. Aber damit kommt man nicht weiter – das wird nur als aggressiv empfunden.

Was raten Sie in so einem Fall?

Erstens würde ich mir eventuell unterschreiben lassen, dass die Impfung verweigert wurde – das regt vielleicht noch mal zum Nachdenken an. Außerdem kann ich so dokumentieren, dass ich meiner Verpflichtung aus dem Behandlungsvertrag nachgekommen bin, auf die Impfung und die Risiken des Nichtimpfens hinzuweisen. Und zweitens sollte man darüber nachdenken, ob sich dieser Patient nicht einen anderen Arzt suchen sollte. Das kann man auch direkt ansprechen: Ich kann sagen, dass ich den Eindruck habe, dass der Patient kein Vertrauen zu mir als Arzt hat und ich so schlecht arbeiten kann – und dass der Patient vielleicht in einer anderen Praxis glücklicher wäre. 

Machen Sie solche Fälle persönlich betroffen?

Ich halte es für schrecklich, wenn Eltern ihren Kindern den Impfstoff verweigern. UNICEF hat ja sogar mit Verweis auf die Kinderrechtskonventionen ein Recht auf Impfung gefordert. Bei Erwachsenen ist es mir allerdings inzwischen gelegentlich auch egal, wenn sie auf Impfungen verzichten wollen – das ist ihr eigenes Risiko. Natürlich ist die Lage in der aktuellen Pandemie etwas anders: Da reden wir ja auch darüber, dass der einzelne mit seiner Impfung auch andere schützt – Stichwort Herdenimmunität. Da lohnt es sich schon, Energie in Überzeugungsarbeit zu investieren. Aber das spielt bei manchen Krankheiten keine wesentliche Rolle – da geht es eher um die Betroffenen selbst.

Wie hat die Pandemie die Einstellung der Menschen zum Impfen verändert?

Es ist auf jeden Fall jetzt ein Thema, das alle beschäftigt. Die Bereitschaft, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, schwankt ja sehr. Am Anfang, als es noch gar keine Impfstoffe gab, lag die Impfbereitschaft bei 80 Prozent. Jetzt nimmt die Ablehnung wieder zu. Neu ist, dass die Menschen bestimmte Vorlieben und Abneigungen haben, was die einzelnen Impfstoffe betrifft – dass sie beispielsweise den AstraZeneca-Impfstoff nicht wollen – unter anderem, weil die STIKO ihn nur für unter 65-jährige empfohlen hatte und auch unrichtige Informationen kursierten. Das trug sehr zur Verunsicherung bei. Der Hersteller hat ja sonst bei Impfstoffen kaum interessiert. 

Gibt es eigentlich auch Ärztinnen und Ärzte, die das Impfen ablehnen?

Ja, die gibt es tatsächlich und ich halte das für problematisch. Medizinrechtlich hat ein Arzt die Pflicht, einen Patienten im Rahmen seines Behandlungsvertrags zumindest auf die von der STIKO empfohlenen Impfungen aufmerksam zu machen. Trotzdem gibt es Kolleginnen und Kollegen, die eine impfkritische Haltung haben – vereinzelt sogar Kinderärzte. Aber ich denke, das sind nur sehr wenige, und diese Ärzte finden dann vermutlich auch ihr passendes Klientel. Und wer sich oder seine Kinder impfen lassen möchte, wird sicher in eine andere Praxis gehen. 

Das Interview führte Stefanie Hanke.

 

Der Experte:

Dr. Jan Leidel ist Sozialmediziner und Virologe. Er leitete mehr als 20 Jahre lang das Gesundheitsamt in Köln. Von 2011 bis 2017 war er Vorsitzender der STIKO am Robert-Koch-Institut.

 

Buchtipp:

Dr. Jan Leidel, Impfen: 33 Fragen, 33 Antworten

© Piper Verlag 2021

128 Seiten, Broschur

EAN 978-3-492-31740-5

Preis: 10,00 Euro