Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh

Als Medizinerin in der Weltraumforschung

Sind Sie denn bei den Experimenten zwingend auf die Raumstation angewiesen? Oder lassen sich die Bedingungen dort zumindest teilweise auch auf der Erde simulieren?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Es lässt sich tatsächlich relativ viel auf der Erde machen. Wir können beispielsweise in sogenannten Bettruhe-Studien simulieren, welche Auswirkungen der Verlust von Muskel- und Knochenmasse auf die Probanden hat. Wir können Isolationsstudien durchführen, in denen wir bis zu sechs Probanden sozusagen wegsperren, um so einen Flug zum Mond oder Mars zu simulieren. Und in Parabelflügen können wir kurzzeitig eine Art Schwerelosigkeit herstellen. Das entspricht natürlich immer nur in einigen Aspekten dem Erleben der Astronauten auf der ISS – deshalb lassen sich manche Experimente auch tatsächlich nur dort durchführen.

Inwiefern profitieren Sie bei Ihrer aktuellen Aufgabe von Ihrem medizinischen Fachwissen?
Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: In unserem Team bin ich die einzige Medizinerin. Mein Vorteil ist, dass ich speziell bei medizinischen Experimenten verstehe, was die Wissenschaftler von den Astronauten erfahren wollen. Meistens können die geplanten Experimente nicht eins zu eins umgesetzt werden. weil die Bedingungen auf der ISS das nicht hergeben. Meine Aufgabe ist es in so einem Fall, die Experimente so umzustrukturieren, dass sie durchführbar sind und die gewünschten Ergebnisse liefern. Auf der ISS haben wir beispielsweise kein Ultraschall-Gerät – um trotzdem die entsprechenden Daten zu erheben, müssen wir den Ablauf des Experiments verändern. Wir sind das Bindeglied zwischen den Wissenschaftlern und den Astronauten. Mein Hintergrund hilft mir auch, den Astronauten zu erklären, um was es in den Experimenten geht.

Wie sieht für Sie ein normaler Arbeitstag aus? Und was mögen Sie an Ihrer Arbeit besonders?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Jeder Tag ist anders. Ich beschäftige mich etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit damit, mit Wissenschaftlern zu sprechen. Die andere Hälfte verbringe ich in Meetings oder Diskussionen mit unseren internationalen Partnern. Das ist etwas, was ich an meiner Arbeit besonders mag. Die Internationale Raumstation ist ja das größte internationale Projekt der Menschheit. Mehr als 18 Länder haben sich daran beteiligt; die ISS wird von fünf großen Agenturen wie der ESA und der NASA gemeinsam betrieben. Da ist natürlich der Austausch ganz wichtig. Dabei machen sich auch die kulturellen Unterschiede bemerkbar: Die Amerikaner kommen schnell zum Punkt, mit denen kann man Tacheles reden. Die Japaner sagen im Meeting nicht sehr viel und nicken meistens – die meisten Diskussionen gibt es dann hinterher per Mail. Die Russen liegen mit ihrer Art irgendwo dazwischen. Die Zusammenarbeit mit Menschen aus verschiedenen Kulturen macht mir einfach Spaß.

Vermissen Sie die Arbeit in der Klinik manchmal?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Mein Traum ist es schon, irgendwann noch einen Facharzt zu machen – ich kann mir gut vorstellen, dass ich auch eines Tages wieder in die Klinik wechsle. Ich vermisse die handfeste Arbeit in der Klinik: Als Ärztin weiß man nach seinem Arbeitstag, wie viele OPs man durchgeführt oder wie viele Knochenbrüche man gerichtet hat – und die Patienten wissen, was die Ärzte geleistet haben. Dieses direkte Feedback fehlt mir in meiner aktuellen Arbeit.

Waren Sie selbst auch schon auf der ISS?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Im Weltraum war ich noch nie – wenn es sich ergeben würde, würde ich aber gern mal für eine Woche auf die ISS fliegen, da wäre ich sofort dabei. Normalerweise sind die Astronauten ja für ein halbes Jahr da oben – das wäre mir ehrlich gesagt zu lange. Aber ich bin schon bei zwei Parabelflügen mitgeflogen und habe das Gefühl der Schwerelosigkeit selbst erlebt. Das war sehr spannend.

Welche Nachwuchsprogramme bietet die ESA an – auch für junge Mediziner?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Bei uns gibt es Kurzzeitprogramme für einige Wochen für alle, die einfach mal bei uns reinschnuppern möchten. Es gibt aber auch immer noch das Trainee-Programm für Uni-Absolventen, an dem ich selbst auch teilgenommen habe, das dauert ein Jahr. Wer sich dafür interessiert, kann sich auf der Webseite der ESA unter www.esa.int informieren. Ich stehe bei Fragen sehr gern persönlich zur Verfügung. Wer möchte, darf mir gern eine Mail an Jennifer.Ngo-Anh@esa.int schreiben.