Deutscher Ethikrat

Diskussion über Folgen der Eizellspende

Die Ethnologin Michi Knecht von der Universität Bremen berichtete über den Stand empirisch-ethnografischer Forschungen zur Frage der grenzüberschreitenden Reproduktionstechnologien sowohl aus der Perspektive der ins Ausland reisenden Paare mit Kinderwunsch als auch aus der Sicht der Frauen, die diese Dienstleistungen im Ausland anbieten. Die Weltkarten der internationalen Reproduktionsmedizin seien stark in Bewegung geraten und auf der Basis ökonomischer und rechtlicher Asymmetrien entständen große kommerzielle Märkte. Man müsse sich fragen, so Knecht, ob durch Reproduktionsmobilität „reicher“ Frauen und Paare die Gesundheitsrisiken auf Frauen in Ländern mit niedrigeren Einkommen verschoben würden und ob eine restriktive nationale Gesetzgebung wie die deutsche – wenngleich unbeabsichtigt – zur Folge habe, dass Ausbeutungsrisiken in andere Länder verlagert würden.

Aus der Sicht der Familienforscherin Birgit Mayer-Lewis von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, die über die individuelle Perspektive und den gesellschaftlichen Kontext von Familien nach Eizellspenden referierte, ließen sich in den wenigen aus dem Ausland vorliegenden Studien keine Hinweise auf negative Auswirkungen einer mit einer Eizellspende einhergehenden „gespaltenen Mutterschaft“ auf die Kindes- und Familienentwicklung finden. Bei der Bewältigung des Familienalltags zeigten sich allerdings Probleme, vor allem hinsichtlich des Umgangs mit multipler Elternschaft, der Aufklärung des Kindes und der biografischen Integration der Zeugungsgeschichte.

Diskussion über "reproduktive Reisen"

Im Streitgespräch über den ethisch angemessenen Umgang mit den bestehenden Problemen diskutierten die Philosophin Susanne Lettow von der Freien Universität Berlin sowie die Medizinethikerin und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Claudia Wiesemann. Philosophin Susanne Lettow von der Freien Universität Berlin forderte, dass die Diskussion über die mit dem „reproduktiven Reisen“ verbundenen ethischen Fragen nicht nur auf die Akteure im Inland fokussiert sein dürfe, sondern – ausgehend vom Prinzip der Gleichheit und der Kritik von Dominanzverhältnissen – die Situation der Eizellspenderinnen im Ausland einbeziehen müsse.

Aus Sicht der Medizinethikerin und stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats Claudia Wiesemann wirft das transnationale reproduktive Reisen ein massives Gerechtigkeitsproblem auf – bezüglich der gesundheitlichen Versorgung der Spenderinnen, über die es keine Kontrolle gebe, bezüglich der Nichtverfügbarkeit des Verfahrens für finanziell schwächer gestellte Paare in Deutschland und auch bezüglich der Ungleichbehandlung von Samen- und Eizellspende in Deutschland. Sie verwies auf die Verantwortung der Gesellschaft für die Rechte des Kindes und die Gesundheit der Spenderinnen und forderte die Ermöglichung einer guten Beratung ohne Kriminalisierungsgefahr. Konsequenter sei allerdings, so Wiesemann, die Aufhebung des Verbots der Eizellspende im Embryonenschutzgesetz.

 

Quelle: Deutscher Ethikrat, 23.03.2017