Historisches

Die zufällige Entdeckung des LSD und ihre Auswirkungen

Porträt des Entdeckers des LSD: Albert Hofmann
Stefanie Amend-Barudio
Titelbild zum Porträt des Entdeckers des LSD: Albert Hofmann
Albert Hofmann © Philip H. Bailey, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5, Wikimedia Commons
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Auf der Suche nach einem den Kreislauf anregenden Mittel stellte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann am 16. November 1938 im Rahmen seiner Forschung im Labor seines Arbeitgebers Sandoz Lysergsäurediethylamid (abgekürzt LSD) aus dem Mutterkorn her. Da jedoch die erhoffte Wirkung von LSD im Tierversuch nicht eintrat, wurde die Forschungsreihe von ihm zunächst nicht weiter beachtet. So verschwanden die Ergebnisse für fünf Jahre in der Schublade.

Am 16. April 1943 begann Hofmann erneut die Wirkung von seiner Substanz LSD-25 zu testen. Irgendwie kam er durch Unachtsamkeit beim Aufräumen seines Labors mit der Substanz in Berührung und bemerkte die halluzinogene Wirkung. Nach eigener Aussage erlebte er ein „tief beglückendes Erlebnis“. Doch zunächst die Frage: Was genau ist LSD eigentlich? Der natürliche LSD-Baustein ist die Lysergsäure. Sie stammt aus dem Mutterkorn, ein giftiger Getreidepilz. LSD ist eines der stärksten bekannten Halluzinogene und gehört zu der Teilgruppe der Psychedelika. Diese wirken auf das Serotonin-System des Körpers: Dadurch werden Sinnestäuschungen (veränderte Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen) hervorgerufen und in das Seelenleben eingegriffen. LSD verändert die Wahrnehmung so, dass sie dem Konsumenten als intensives Erleben erscheint, das Zeitempfinden verändert sich und Umgebungsereignisse treten deutlicher hervor. Reale Gegenstände können als plastischer empfunden und wie in Bewegung befindlich erlebt werden. Bei hohen Dosierungen kann die Kontrolle über die eigenen Handlungen vermindert werden oder sogar ganz ausfallen. Es kann zu Unfällen und Selbstverletzungen mit teils tödlichen Folgen kommen. LSD kann schon bei einmaligem Konsum schwere psychische Störungen auslösen – darunter Depressionen, Verfolgungswahn und Psychosen.

Selbstversuch durch Hofmann

Drei Tage später führte Hofmann einen gezielten Selbstversuch durch, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Er schluckte ein Viertel Milligramm des Wirkstoffes – eine grobe Überdosierung, wie sich hinterher herausstellte. Es folgte ein „Horrortrip“. Hofmann beschrieb anlässlich eines Symposiums in Basel zu seinem 100. Geburtstag: „Ich musste das Labor verlassen, ich hatte das Gefühl, es passiert etwas mit dir. Ich fuhr mit dem Rad nach Hause, legte mich hin und hatte ein wunderbares Erlebnis. Was immer ich mir vorstellte, war bildhaft vor mir, tief beglückend. Es dauerte drei, vier Stunden, und dann verschwand es.“ Vertraute Möbelstücke hätten in seiner Wahrnehmung groteske Formen angenommen, seine Nachbarin sei ihm wie „eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze“ erschienen. Erst nach Stunden ließ die Wirkung nach: „Ich hatte das Gefühl, es kommt ein neues Leben in mich hinein, ich kann gar nicht beschreiben, wie schön es war.“ Der 19. April 1943 gilt heute als Zeitpunkt der Entdeckung der psychoaktiven Eigenschaften des LSD und prägt auch als „bicycle-day“ die Geschichte der Psychodelika.

Die Pharmafirma Sandoz machte aus LSD-25 das Medikament Delysid®, das ab 1949 zum Einsatz in der Psychotherapie auf den Markt kam. Im Beipackzettel wurden folgende Indikationen erwähnt: „Zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie, besonders bei Angst- und Zwangsneurosen sowie zur experimentellen Untersuchung über das Wesen der Psychosen: Delysid® vermittelt dem Arzt im Selbstversuch einen Einblick in die Ideenwelt des Geisteskranken und ermöglicht durch kurzfristige Modellpsychosen bei normalen Versuchspersonen das Studium pathogenetischer Probleme.“

Neben Sandoz bot auch die Firma Spofa United Pharmaceutical Works in Prag LSD kommerziell zum Kauf an. In den 1950er-Jahren setzten Ärzte dann erfolgreich das Medikament zur Behandlung von Alkoholabhängigen ein. Die Erfolgsrate betrug 50 Prozent. Zur Behandlung von Psychosen wurde es auch benutzt.

Hippie-Szene entdeckt das LSD

In den frühen 1960er-Jahren entdeckte leider die Flower-Power-Bewegung dieses Halluzinogen. Als Flucht vor der gefühlten Banalität und Konformität der Gesellschaft propagierten Aussteiger LSD-Trips. Zeitgleich forderte auch der amerikanische Psychologe Timothy Leary die Freigabe bewusstseinsverändernder Drogen. Er verherrlichte die psychedelische Substanz LSD als neuen Königsweg zu der anderen Seite der Persönlichkeit. Doch seine anfänglich akademischen Forschungsprojekte verloren schnell ihren wissenschaftlichen Charakter. Aus medizinischen Testserien wurden ausschweifende LSD-Partys. Der Guru der Hippie-Szene wurde 1963 von der renommierten Harvard-Universität entlassen.

Ob LSD als Therapiemittel geeignet sei, wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren an etwa 10.000 Freiwilligen untersucht. Die Anzahl beobachteter psychotischer Reaktionen, Suizidversuche und Suizide unterschieden sich nicht von denen konventioneller Psychotherapien. 1965 untersuchten das US-Militär und die CIA den Einsatz von LSD als biologischen Kampfstoff oder als Wahrheitsserum. Statt der erwarteten Effekte löste der Wirkstoff bei den freiwilligen Probanden jedoch den Wunsch aus, das Militär zu verlassen. Die Versuchsreihe wurde umgehend beendet. 1966 wurde LSD in den USA verboten und die Produktion von Delysid® bei Sandoz eingestellt. In Deutschland wurde LSD 1967 verboten. Erst Jahrzehnte nach dem Verbot wuchs wieder akademisches Interesse an den Möglichkeiten von LSD. Der Schweizer Psychiater Peter Gasser durfte 2007 dank einer Ausnahmegenehmigung erforschen, ob LSD Patienten mit Krebs oder anderen tödlichen Krankheiten helfen kann.

Einst als Wundermittel für die psychiatrische Behandlung gefeiert, gilt LSD heute als eine der stärksten psychoaktiven Drogen. Obwohl LSD kein biologisches Suchtpotenzial hat, erlebten Menschen immer öfter Horrortrips, ähnlich wie Hofmann bei seinem Selbstversuch, da das Mittel in einer Überdosis eingenommen wurde. Albert Hofmann setzte sich zeitlebens für den Gebrauch von LSD in der medizinischen Forschung ein und war traurig, dass der Missbrauch seine „Wunderdroge“ in Verruf gebracht hatte. Er starb am 29. April 2008 im Alter von 102 Jahren. Heute spielt LSD auf dem Drogenmarkt gegenüber anderen Drogen wie Marihuana, Heroin, Kokain, Amphetamin, Ecstasy und Crystal Meth nur eine geringe Rolle. Als Partydroge allerdings war und ist es durchaus gebräuchlich.


Literatur

1.    Wie das LSD in der Schweiz entdeckt wurde: houseofswitzerland.org/de/swissstories/geschichte/wie-das-lsd-der-schweiz-entdeckt-wurde (last accessed on 01.04.2022).
2.    Mangold H: Tripping. blog.nationalmuseum.ch/en/2018/10/tripping-on-lsd/ (last accessed on 01.04.2022).
3.    Lysergsäurediethylamid: https://www.chemie.de/lexikon/Lysergs%C3%A4urediethylamid.html (last accessed on 01.04.2022).

Entnommen aus MTA Dialog 7/2022

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