Eine der ältesten Infektionskrankheiten

Die Tuberkulose im Wandel der Zeit (Teil 2)

Siegeszug der Antibiotikatherapie

1944 begann der „Siegeszug“ der Wissenschaft mit der Einführung der antibiotischen Therapie mit Streptomycin durch Selman Waksman, verbunden mit der Ausrottung der Rindertuberkulose durch Massenschlachtung infizierter Tiere. Mit der Entwicklung des Antibiotikums Streptomycin wurde neben der Prävention die aktive Behandlung möglich. Den Erfolg trübten allerdings häufige Resistenzen der Mykobakterien gegen Streptomycin. Der fast zeitgleich stattfindenden Herstellung von Paraaminosalicylsäure (PAS) wurde zunächst kaum Beachtung geschenkt, obwohl schon die Kombination dieser beiden Substanzen die Bildung resistenter Stämme erschwerte. Isoniazid fand ab 1952 als weiteres Tuberkulose-Medikament zunehmende Verwendung. Diese Kombinationstherapie zur Vermeidung von Resistenzbildungen wurde von nun an der Standard der Tuberkulosetherapie. Der bis heute andauernde Durchbruch in der antituberkulotischen Behandlung wurde in den 1960er-Jahren durch das Hinzukommen von Ethambutol und zuletzt Rifampicin erzielt.

Ab den späten 1970er-Jahren ist das Gefühl für die Gefahr einer Tuberkuloseerkrankung in der westlichen Welt zurückgegangen, da die Angst durch Präventiv- und Behandlungsmethoden ausgeräumt wurde. Die Heilstätten für Tuberkulosekranke konnten geschlossen oder einer anderen Aufgabe zugeführt werden. Das Krankheitsbild wandelte sich erneut. Die Tuberkulose galt als „besiegte Krankheit“. Die Abschaffung des öffentlichen Gesundheitswesens in New York in den 1970er-Jahren bedingte eine lokale Erkrankungszunahme in den 1980ern. Die Zahl der Menschen, die ihre Medikamente nicht einnehmen konnten, war hoch. Infolgedessen erlitten in New York mehr als 20.000 Menschen eine vermeidbare Infektion mit antibiotikaresistenten Erregerstämmen. Die meisten frischen Infektionen fanden sich vor allem bei Menschen, die an einer Abwehrschwäche litten oder unter ungünstigen hygienischen und sozioökonomischen Bedingungen lebten. Das Krankheitsbild wandelte sich erneut in der Wahrnehmung als „Krankheit der Randgruppen“. Auch die sich dramatisch verschlechternden Lebensbedingungen in der ehemaligen Sowjetunion leisteten der erneuten Verbreitung der Tuberkulose Vorschub. In den afrikanischen Ländern führte die hohe Verbreitung von Aids zu einem sehr ausgeprägten Anstieg der Tuberkulose. Epidemiologen befürchten daher, Aids und Tuberkulose könnten sich durch gegenseitige Wechselwirkung stärker ausbreiten als bislang angenommen. Ein verstärkter Ausbruch der Tuberkulose wäre aufgrund der voranschreitenden Globalisierung und der Migration auch in Europa möglich.

Tuberkulose – Der Sprung von der alten in die neue Welt

Die heute in der „Neuen Welt“ verbreiteten Tuberkulosestämme sind eng mit den in Europa verbreiteten Formen verwandt. Daher wurde eine Einschleppung zeitlich nach dem Erstkontakt mit den Europäern vermutet, beispielsweise auch durch Rinder aus Europa. Charakteristische Knochenveränderungen an Skeletten und Mumien aus Nord- und Südamerika aus dem Zeitraum 700 n. Chr. weisen jedoch darauf hin, dass die Krankheit dort bereits viele Jahrhunderte vor dem ersten Aufeinandertreffen mit den spanischen Entdeckern im 15. Jahrhundert aufgetreten sein muss. Forschungen zur Evolutionsgeschichte der Tuberkulose auf den beiden amerikanischen Kontinenten ergaben, dass der nächste Verwandte dieser alten peruanischen Krankheit ein Tuberkulosestamm ist, welcher heutzutage bei Robben und Seelöwen gefunden werden kann und nur äußerst selten für menschliche Infektionen verantwortlich ist. Diese Forschungsergebnisse erlauben den Rückschluss, dass die Tuberkulose, wie sie heute dort zu finden ist, deutlich jünger sein könnte, als bislang gedacht. Die „alte Variante“ entwickelte sich vermutlich vor 6.000 Jahren in Afrika und wurde durch Robben und Seelöwen (die sich in Afrika infizierten) über den Atlantik nach Südamerika eingeschleppt. Die dortige Nutzung der Tiere als Nahrung und für rituelle Zwecke ermöglichte das Überspringen auf die Menschen an der peruanischen Küste.

Nicht abschließend geklärt ist, ob der untersuchte Tuberkulose-Stamm auf das alte Peru beschränkt war oder ob er auch einen Weg in andere Regionen gefunden hatte. Unabhängig von seiner historischen Ausbreitung deutet vieles auf die vollständige Verdrängung dieses Stammes nach dem Kontakt mit den europäischen Stämmen hin.

Literatur

 1.    Wikipedia.
 2.    Tuberkulose – Seuchengeschichte (www.gapinfo.de).
 3.    Ältester Tuberkulosenachweis beim Menschen: www.archaeologie-online.de.
 4.    Tuberkulose – 3.000 Jahre und kein Ende in Sicht: www.wissen.de.
 5.    Die Schwindsucht ist noch nicht verschwunden: www.springermedizin.at.
 6.    Die Gruft der vielen Tuberkulosestämme: www.spektrum.de.
 7.    Die Mumien zeigen die Geschichte der Tuberkulose in Europa: www.romtd.com.
 8.    Die Tuberkulose des Rindes – ein Beitrag zur Geschichte der Haustierkrankheiten; Dissertation Hendrik Sattelmair: www.diss.fu-berlin.de.
 9.    Tuberkulose als Schicksal; Erich Ebstein, lizenzfreie Ausgabe.
10.    Pre-columbian Tuberculosis: www.shh.mpg.deb.

 

Entnommen aus MTA Dialog 3/2017