Eine der ältesten Infektionskrankheiten

Die Tuberkulose im Wandel der Zeit (Teil 2)

Das „romantische Bild“ der Tuberkulose entstand während des 18. Jahrhunderts, als die Krankheit selbst noch nicht sehr verbreitet war.

Wolfsburg, Volkswagen, Röntgenuntersuchung

Wolfsburg, Volkswagen, Röntgenuntersuchung | © Bundesarchiv, B 145 Bild-F038798–0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA 3.0

Blasse, ausgezehrte Genies und tragisch Liebende mit fieberglänzenden Augen bildeten das ziemlich verklärte Klischeebild der Kranken, das dem damaligen Krankheitsbild zugrunde lag. Das ganze Jahrhundert lang bestand eine besondere Beziehung zwischen Tuberkulose, Kunst und literarischem Schaffen. Mit der massenhaften Verbreitung der Schwindsucht, besonders unter der arbeitenden Klasse, änderte sich das Krankheitsbild, wenn auch eine Zeitlang zwei unterschiedliche Krankheitsbilder nebeneinander bestanden. So starben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet des Deutschen Reiches jedes Jahr 100.000 bis 120.000 Menschen an der Schwindsucht und sehr viel mehr waren daran erkrankt. Betroffen waren vor allem die 20- bis 40-Jährigen, die im produktiven Alter standen und deren Tod damit eine volkswirtschaftliche Bedeutung zukam. Aufgrund dessen wurden Statistiken über Häufigkeit und geografische Verbreitung aufgestellt und veröffentlicht, um die Gefahr für Staat und Gesellschaft nachzuweisen und geeignete Maßnahmen, wie den Ausbau von Lungenheilanstalten, Tuberkulosefürsorgeanstalten und des sozialen Wohnungsbaus zu veranlassen. Laut diesen Statistiken gehörte die Mehrzahl der Erkrankten dem Proletariat an. Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Krankheit durch Sozialreformer änderten die Wahrnehmung des Krankheitsbildes, das nun als „Proletarierkrankheit“ bezeichnet wurde.

Die Tuberkulose des Rindes war bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein recht seltenes Leiden und war an Orten, an denen die Rinder dauernd oder zum Großteil der Zeit unter freiem Himmel gehalten werden, eine so gut wie unbekannte Krankheit. Die Ermittlungen des Kaiserlichen Gesundheitsamtes im Jahr 1888/89 in Deutschland ergaben einen Verseuchungsgrad von nur zwei bis acht Prozent des gesamten Rinderbestandes. Die Statistiken der Fleischbeschauen und die Tuberkulosediagnostik mittels Tuberkulin lieferten jedoch weit höhere Verseuchungszahlen. Im Deutschen Reich sind im Jahr 1904 laut Statistik des Reichsgesundheitsamtes (ehemals Kaiserliches Gesundheitsamt) 17,89 Prozent aller Schlachtrinder als tuberkulös befunden worden.

Gerlach berichtete 1869 von der großen Gefahr, die von roher Milch ausgehen kann. Er untersuchte in Deutschland Abmelkbetriebe, die in der Nähe großer Städte lagen, und fand häufig mehr als die Hälfte des jeweiligen Bestandes der Perlsucht verdächtig. Gerlach war einer der ersten, der davor warnte, dass besonders für Kinder eine starke Gefahr von diesen Beständen ausgehe. An der damaligen Königlichen Tierarzneischule arbeiteten namhafte Wissenschaftler wie Koch, Schütz und Virchow an Untersuchungen zur Erforschung der Tuberkulose. 1876 wurden Fütterungsversuche unter Virchows Mitarbeit durchgeführt. Ergebnisse waren, dass nach der Fütterung mit dem Fleisch perlsüchtiger Tiere eine größere Zahl von Tieren tuberkulös erkrankte, als dies bei normaler Ernährung der Fall war. Analoge Fütterungsversuche mit Milch konnten ein vergleichbares Ergebnis hervorbringen. Daher schlug Virchow vor, den Genuss von Fleisch, das mit perlsüchtigen Neubildungen behaftet war, zu verbieten. Die gesetzlichen Bestimmungen über den Umgang mit dem Fleisch tuberkulöser Tiere wiesen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Ländern Deutschlands noch keinen einheitlichen Standard auf.

Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der Tuberkulose ist die Zuordnung eines bestimmten Krankheitserregers zum klinischen Bild der Tuberkulose durch Robert Koch im Jahr 1882. Mit der Entdeckung des Tuberkuloseerregers Mycobacterium tuberculosis war zwar noch kein Heilmittel, aber zumindest die Ursache der Tuberkulose gefunden. Mit der gleichzeitigen Annahme Robert Kochs, dass sich die bovine und menschliche Tuberkulose nicht ähnlich waren, verzögerte sich jedoch auch die Erkennung infizierter Milch als Quelle der Erkrankung. 1890 braute Robert Koch einen Glycerin-Extrakt der Tuberkelbazillen, den er Tuberkulin nannte. Dieses sollte als „Hilfsmittel“ zur Behandlung der Tuberkulose zum Einsatz kommen. Wie sich herausstellte, war dessen Anwendung jedoch nicht wirkungsvoll. Die Beobachtung lokaler Hautreaktionen bei der Anwendung von Tuberkulin führte später zur Entwicklung eines Testverfahrens zum Nachweis der Ansteckung beziehungsweise Erkrankung durch Clemens von Pirquet (1908), Felix Mendel und Charles Mantoux (um 1910).