Eine der ältesten Infektionskrankheiten

Die Tuberkulose im Wandel der Zeit (Teil 1)

Zur Verbesserung der Atembewegung wurden die Flanken gebrannt, der entstehende Schmerz veränderte die Atembewegung. In der Antike gewonnene Kenntnisse und Verwendungen verschiedener Pflanzen kamen zur Anwendung. Im ausgehenden Mittelalter fanden zunehmend neue Erkenntnisse der Physiologie, Pathologie und Anatomie Eingang in die Medizin. Namen wie Paracelsus (1493–1541; Gegner des Galenismus; propagierte eine Mischung aus Medizin, Alchemie und Astrologie), Descartes (1578–1657; führte alle Lebensvorgänge auf physikalisch-mechanistische Prinzipien zurück) oder William Harvey (1578–1657; Entdecker des großen Blutkreislaufes) stehen für die Suche nach neuen Wegen im Umgang mit den Krankheiten bei Mensch und Tier. Nach einem vorausgehenden Tuberkulose-Ausbruch in Italien in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts begann im 17. Jahrhundert die größte und längste geschichtliche Tuberkulosewelle, die ihren Höhepunkt im 18. Jahrhundert erreichte. Ihre letzten Ausläufer halten (nach einem temporären Aufflackern der Epidemie kurz nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg) bis heute an.

Unterschiedliche Traditionen und Ansichten

Hinsichtlich der Auffassung der Pathogenese der Tuberkulose existierten in den europäischen Ländern des 18. Jahrhunderts unterschiedliche Traditionen und Ansichten, welche sich teilweise sehr voneinander unterscheiden. In Italien herrschte die Meinung einer kontagiösen (übertragbaren) Ursache. In England und den nordischen Ländern vertrat man dagegen die Ansicht, die Erkrankung beruhe auf einer hereditären (erblichen) Ursache. Eine große Ausnahme stellte in England die Veröffentlichung Benjamin Martens von 1720 dar: „A New Theory of Consumptions“, in der Marten die Ursache der Tuberkulose einer Infektion durch Mikroorganismen zuschrieb. In Frankreich, Deutschland und der Schweiz mischten sich Vertreter beider Schulen. Zum Teil vertrat man hier ausdrücklich die hereditäre Theorie, leitete aber gleichzeitig Maßnahmen zur Minderung einer Ansteckungsgefahr ein.

Eine herausragende Rolle unter den Phthisiologen seiner Zeit nahm Johann Jakob Wepfer in Schaffhausen ein. Bei seinem Studienaufenthalt in Italien hatte er die Idee von der kontagiösen Ätiologie der Erkrankung übernommen und beschrieb als erster die Entstehung der Lungenkavernen (hanc calamitatem) aus Tuberkeln. Seine Arbeiten und Untersuchungen zur Epidemiologie der Tuberkulose gingen in vielem qualitativ über die Leistungen der folgenden zwei Jahrhunderte hinaus. Sie wurden erst posthum 1727 durch den Sohn veröffentlicht und blieben außerhalb eines kleinen Expertenzirkels unbekannt.

In der Veterinärmedizin wurde noch bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert die Krankheit als Franzosenkrankheit bezeichnet. Man behauptete, dass sie durch widernatürlichen Geschlechtsverkehr von syphilitischen Personen auf die Tiere übertragen wurde. Auch aufgrund dieser Anschauungen wurden bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts alle perlsüchtigen Rinder vom Konsum ausgeschlossen. In allen deutschen Staaten entstanden aus teils abergläubischen und zum Teil von Fachleuten vertretenen Erwägungen Verbote gegen den Verbrauch von tuberkulosekrankem Vieh.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts führten neue Erkenntnisse dazu, die Meinung als falsch zu erachten, dass die Rinderperlsucht mit der Syphilis des Menschen verwandt sei. Man bestritt auch ihre Gefährlichkeit für den Menschen. Große Bedeutung kam hierbei dem Bericht des Spandauer Kreisphysikus Heim vom 26. November 1782 zu, der an das Ober-Sanitäts-Collegium zu Berlin gerichtet war. Von Bedeutung war ebenfalls das von Kersting 1784 verfasste Gutachten, das im Auftrag der Regierung Mecklenburg-Strelitz initiiert wurde. Ergebnis war, dass die Genießbarkeit des Fleisches durch den Menschen in keiner Weise eingeschränkt wäre. Zu diesem Zeitpunkt verlor die Tuberkulose des Rindes in Deutschland ihre Bedeutung für die Veterinärpolizei. Die Verbote, die den Genuss des Fleisches perlsüchtiger Tiere reglementierten, hob man in den deutschen Ländern wieder auf.

 

 

Literatur

 1.    Wikipedia.
 2.    Tuberkulose – Seuchengeschichte (www.gapinfo.de).
 3.    Ältester Tuberkulosenachweis beim Menschen: www.archaeologie-online.de.
 4.    Tuberkulose – 3.000 Jahre und kein Ende in Sicht: www.wissen.de
 5.    Die Schwindsucht ist noch nicht verschwunden: www.springermedizin.at.
 6.    Die Gruft der vielen Tuberkulosestämme: www.spektrum.de.
 7.    Die Mumien zeigen die Geschichte der Tuberkulose in Europa: www.romtd.com.
 8.    Die Tuberkulose des Rindes – ein Beitrag zur Geschichte der Haustierkrankheiten; Dissertation Hendrik Sattelmair: www.diss.fu-berlin.de.
 9.    Tuberkulose als Schicksal; Erich Ebstein, lizenzfreie Ausgabe.
10.    Pre-columbian Tuberculosis: www.shh.mpg.deb.

Entnommen aus MTA Dialog 02/2017