Eine der ältesten Infektionskrankheiten

Die Tuberkulose im Wandel der Zeit (Teil 1)

Der Mediziner Morton leitete 1689 die Entstehung der Lungenschwindsucht ausschließlich auf die Tuberkel zurück und bezeichnete die Tuberkel als „unvermeidliche Vorstufe“ der Lungentuberkulose. Um 1650 erkannte der Leydener Anatom Sylvius de la Böe bei der Sektion von Leichen, unter denen sich Opfer der Schwindsucht befanden, den spezifischen Charakter vereiternder Knoten in der Lunge, die er „Tubercula“ nannte und mit der Phthisis pulmonum in Verbindung brachte. Daraufhin betrieb er anatomisch vergleichende Forschungen, bei denen er knotenförmige Neubildungen der Lungen und Serosen entdeckte.

Aufgrund dieser Ergebnisse formulierte Sylvius de la Böe 1695 seine Überzeugung, dass zwischen den Lungenknoten (Tuberkula) und der Phthise (Auszehrung) ein Zusammenhang in der Genese besteht. Seiner Ansicht nach gingen ein Teil der Phthisen aus kleineren oder größeren Lungenknoten hervor, ein anderer Teil aus Pneumonien und Katarrhen und beide Prozesse führten letztendlich zur Eiterung und Kavernenbildung. Auch die auffällige Form der Halslymphknotentuberkulose (meist durch bovine Tuberkuloseerreger verursacht) wurde zu der damaligen Zeit hauptsächlich durch abergläubische Vorstellungen verklärt. Die charakteristischen Veränderungen wie Schwellungen der Lymphknoten im Halsbereich auf beiden Seiten, eine gedunsene Nase (infolge chronischen Schnupfens), entzündete Augen und das schweinsrüsselartige Hervorstehen der Nase, welches an ein Ferkel (scrofulus) erinnerte, gaben dieser tuberkulösen Krankheitsform ihre Bezeichnung „Scrofulose“. Die Scrofulose wurde lange Zeit als eigenständige Erkrankung angesehen.

Der Glaube an Wunderheilung

Die Behandlung von Krankheiten orientierte sich an ähnlichen Aspekten wie ihre Erklärung. Im Volk wirkte sich der Glaube an Wunderheilung und Teufelsaustreibungen auch beim Umgang mit kranken Tieren und ihrer Behandlung aus, daraus resultierend glaubte man zum Beispiel, ein dreimaliges Anspucken vertreibe Krankheiten, die durch den Teufel und böse Geister verursacht worden seien. Den Anzeichen des „Schwindens“ beim kranken Menschen und beim erkrankten Vieh versuchte man durch Amulette mit einer Gegenformel (eines Schwindwortes) zu begegnen. Ein solches Schwindwort (bei dem durch das wiederholte Weglassen eines Endbuchstabens ein magisches Dreieck entsteht) ist beispielsweise das Wort „Abracadabra“:

ABRACADABRA

 ABRACADABR

  ABRACADA

   ABRACA

    ABRAC

     ABR

      AB

An den Stallungen von Tieren wurden sogenannte Blutzeichen angebracht. Das Blut sollte als Zeichen der Gottesverbundenheit vor Todesengeln schützen. Bischof Marius forderte 1570 das Anbrennen von Kreuzen auf die Stirn von kranken Rindern und das Aufgießen von Öl aus heiligen Lampen, um zu heilen. Ein weiterer Brauch der damaligen Zeit war das lebendige Begraben von Tieren, welcher sich bis ins 18. Jahrhundert hinein hielt. Auf der Grundlage der Humoralpathologie Galens (Vier-Säfte-Lehre) sollte bei Erkrankung das Ungleichgewicht der Säfte wiederhergestellt werden. Die zentrale Maßnahme war der Aderlass, welcher bei allen möglichen Krankheitserscheinungen angewendet wurde. Siechenden Tieren gab man zur Heilung unter anderem pulverisierten Rettich in die Nasenlöcher.