Trotz Social Distancing in der Pandemie

Die Krätze ist weiter auf dem Vormarsch

Zumindest kurzfristig scheinen die Pandemie-Kontaktbeschränkungen die Anzahl an Patienten mit Krätze reduziert zu haben. Fachleute beobachten jedoch, dass die Krätze trotzdem weiter auf dem Vormarsch ist.

Krätze

Rechte Achselregion eines männlichen Patienten mit Krätze. | CDC/Susan Lindsley, public domain

Zu einer erfolgreichen Behandlung gehören eine umfassende Beratung der Erkrankten sowie das Identifizieren und Mitbehandeln enger Kontaktpersonen. Vor allem kleine Kinder könnten eine unterschätzte Infektionsquelle sein. Was für eine gesicherte Diagnose unverzichtbar ist, wie man die Therapieadhärenz erhöht und was es mit vermuteten Resistenzen auf sich hat, ist auch ein Thema auf der 51. Virtuellen Tagung der Deutschen Dermatologische Gesellschaft e.V. (DDG).

Hochansteckende Hautkrankheit

Krätze (medizinisch Skabies) kommt seit Jahrhunderten in Deutschland vor. Sie ist eine hochansteckende Hautkrankheit, die alle Altersgruppen betrifft, wobei bei Kindern die Häufigkeit tendenziell höher ist als bei Jugendlichen und Erwachsenen und sie oft mehr Milben haben. Hervorgerufen wird die Erkrankung durch die Krätze-Milbe, die nur den Menschen befällt, in die oberste Hautschicht tunnelförmige Gänge gräbt und dort dann Eier legt. Die Gänge sind als kleine längliche Knötchen oder Erhabenheiten an den typischen Eindringorten zu erkennen. Betroffen sind beispielsweise die Bereiche zwischen den Fingern und Zehen, Analfalte, Leiste, Knöchel, Brustwarzenhof oder Penisschaft. Als Ausdruck der Immunantwort entsteht nach circa vier Wochen ein Ekzem oder Ausschlag, der mit starkem häufig nächtlichem Juckreiz verbunden ist.

Prof. Dr. Ralf Bialek im Interview mit MTA Dialog

Am Rande der DGHM-Jahrestagung hatten wir Gelegenheit, mit Prof. Dr. med. Bialek über das wichtige Thema Skabies (Krätze) zu sprechen. Neue Methoden der Diagnostik helfen in der Routine.

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Krätze ist nicht meldepflichtig

Es gibt keine gesicherten Zahlen darüber, wie häufig Krätzemilben in Deutschland sind, denn die Krätze ist nicht meldepflichtig. Es sei denn, die Milbe verbreitet sich in Gemeinschaftseinrichtungen aus wie beispielsweise in Altersheimen, Kindergärten oder Wohnheimen für Asylsuchende. Dann ist das zuständige Gesundheitsamt zu informieren. Nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) gehört sie jedoch zu den verbreiteteren Infektionskrankheiten. „Es gibt mehrere Indizien, die für eine Zunahme des Skabies in Deutschland sprechen“, sagt Professor Dr. med. Sunderkötter, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie Halle.

Mehrere Tausend Neuerkrankte pro Jahr?

Für den Anstieg sprechen Zahlen dokumentierter Behandlungsfälle einzelner Kassenärztlicher Vereinigungen (KV Nordrhein: 200 Prozent zwischen 2014 und 2016) und steigende Zahlen und Diagnosedaten von Patienten, die vollstationär in ein Krankenhaus aufgenommen wurden. Auch die Zahl der Verordnungen von Antiskabiosa (also milbenabtötenden Medikamenten) registriert bei Krankenversicherungen (BARMER: Vergleich 2016 zu 2017: Anstieg um 60 Prozent mit großen regionalen Unterschieden), die Verkaufszahlen deutscher Apotheken ebendieser Medikamente (vierfach bei der Gruppe der Antiskabiosa 2012 bis 2017) sowie Zahlen einzelner Hautkliniken zu Skabiesanstiegen im stationären Bereich sind aufschlussreich. Schätzungen gehen von mehreren Tausend Neuerkrankten pro Jahr aus.

Kinder als unterschätzte Infektionsquelle

Die Gründe für den Anstieg seien noch nicht genau bekannt. Nach Meinung von Sunderkötter, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Dermatologische Infektiologie und Tropendermatologie e.V. ist, spielen vermutlich verschiedene, ineinander wirkende Faktoren eine Rolle. Generell sei zu beobachten, dass sexuell übertragbaren Infektionen, zu denen Skabies gehört, zunehmen; hier habe es während der Kontaktsperren einen Rückgang gegeben, der den vorübergehenden vermeintlichen Rückgang an neuen Skabiesfällen erklären mag. Auch sei es möglich, dass die komplexe Lokalbehandlung und die Hygienemaßnahmen nur unzureichend durchgeführt werden. Ferner könne das Übersehen von Kontaktpersonen der Erkrankten mit ein Grund sein, wobei Kinder eine unterschätzte Infektionsquelle darstellen. Bei ihnen werde Skabies eher spät erkannt und nicht umfassend genug behandelt. Zudem hätten sie untereinander und zu Bezugspersonen engen Körperkontakt. Obschon ein zeitlicher Zusammenhang der Inzidenzzunahme von Skabies in Deutschland mit Migrationsbewegungen von Schutzsuchenden aus dem arabischen und afrikanischen Raum existiere, ließ sich ein direkter Zusammenhang epidemiologisch nicht belegen. Möglicherweise komme auch der Arbeitsmigration innerhalb und außerhalb der Europäischen Union eine Bedeutung zu, vermutet Sunderkötter.

Wiederholungsbehandlung empfohlen

Auch wenn der Skabies kein medizinischer Notfall ist, so ist doch ein rasches Handeln wichtig. Gut wäre eine licht- oder auflichtmikroskopisch gesicherte Diagnose. Auch für erfahrene Dermatologinnen und Dermatologen ist die Diagnostik herausfordernd. Ziel der Therapie ist es, die Milben, ihre Larven und Eier abzutöten. Mittel erster Wahl ist Permethrin, für die Sunderkötter und Kollegen inzwischen – anders als noch in der Fachinfo oder in der Leitlinie – eine Wiederholungsbehandlung empfehlen. Die zugelassenen Arzneimittel sind meist äußerlich in Cremeform auf der gesamten Haut anzuwenden. „Es gibt Belege, dass ein ausbleibender Therapieerfolg in Wahrheit Ergebnis einer fehlerhaften Anwendung ist“, erklärt der Experte. Der oder dem Erkrankten müsse zu Therapiebeginn die genaue Anwendung der verordneten Creme und mögliche Fehler erklärt werden. So sei die Einwirkzeit manchmal zu kurz, Hautbereiche würden ausgespart oder die Fingernägel würden nicht wie empfohlen gekürzt. Vor allem Kinder würden häufiger unzureichend behandelt und seien aufgrund der bei ihnen auftretenden Milbendichte und der höheren Prävalenz eine unterschätzte Infektionsquelle. Bei der Aufklärung könnten laienverständliche Patienteninformationen helfen, wie sie bereits die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in mehreren Sprachen erstellt hat.

Alle wichtigen Kontaktpersonen identifizieren und mitbehandeln

Um eine erneute Infektion des Erkrankten und eine weitere Verbreitung zu vermeiden, müssten alle wichtigen Kontaktpersonen identifiziert und mitbehandelt werden. Da sich die Milben noch bis zu 36 Stunden nach Behandlungsbeginn bewegen können, sollten Körperkontakte nach Behandlung für diese Zeitspanne vermieden werden. Die Vermutung, dass die Skabies-Milben resistent gegen Permethrin geworden sind, konnte – so der Experte aus Halle – bislang nicht direkt belegt werden. „Es gibt aber zunehmend gut dokumentierte und auch publizierte Fälle zu unzureichender Wirksamkeit von Permethrin. Eine solche nachlassende Empfindlichkeit würde Anwendungsfehler schlechter verzeihen“, so Sunderkötter. Denn im Gegensatz zu Resistenzen seien Anwendungsfehler direkt nachgewiesen worden.

„Auch in Pandemiezeiten sollten die Menschen schnell zur Hautärztin oder zum Hautarzt gehen, wenn sie Anzeichen einer Krätze bemerken“, ergänzt Professor Dr. med. Peter Elsner, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). Krätze sei noch immer ein Tabuthema. Doch falsche Scham sollte niemanden vom Gang zur Ärztin/zum Arzt abhalten.

Hinweis:

51. DDG-Tagung vom 14. bis 17. April 2021:
Wissenschaftliches Programm und weitere Informationen
derma.de/tagung2021/wissenschaftliches-programm/

AKS12: Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Infektiologie und Tropendermatologie (ADI-TD): Aktuelles aus der Dermatoinfektiologie
Vortrag: „Reizthema Skabies“
Sprecher: C. Sunderkötter, Halle
Termin: Mi, 14.04.2021, 14:00-14:15 (AKS 12: 13:15-15:15)

S22: Track „Infektiologie: Alte und neue Herausforderungen“
Vorsitzende: C. Sunderkötter (Halle), A. Potthoff (Bochum), A. Montag (Hamburg)
S22/03 „Skabies – neue Therapieansätze für das wieder erwachte Problem“
Termin: Fr, 16. 04.2021, 16:10-16:30 Uhr (S22: 15:30-17:00 Uhr)
Sprecher: J. Wohlrab, Halle

 

Literatur:

Sunderkötter C, Aebischer A, Neufeld M, et al.: Zunahme von Skabies in Deutschland und Entwicklung resistenter Krätzemilben? Evidenz und Konsequenz. J Dtsch Dermatol Ges 2020. First published: 07 January 2019. DOI: 10.1111/ddg.13706.

Bürgerinformationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Skabies: Erhältlich in den Sprachen Arabisch, Deutsch, Englisch, Rumänisch, Russisch, Türkisch.
www.infektionsschutz.de/erregersteckbriefe/kraetze-skabies.html

 

Quelle: idw/Deutsche Dermatologische Gesellschaft e.V. (DDG)