Historisches

Die Entwicklung der MTA-Ausbildung unter besonderer Berücksichtigung von Jena

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923) im Jahr 1895 führte dazu, dass die Photographische Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins die Ausbildung weiblicher Hilfskräfte für Röntgenlaboratorien einführte.

Labor von Wilhelm Conrad Röntgen

Labor von Wilhelm Conrad Röntgen | Deutsches Röntgen-Museum, gemeinfrei, wikimedia

Entstehung des Berufsbildes

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923) im Jahr 1895 führte dazu, dass die Photographische Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins die Ausbildung weiblicher Hilfskräfte für Röntgenlaboratorien einführte. Zunächst wurden die Absolventinnen nur für rein fotografische Arbeiten eingesetzt, ehe ihnen auch die Bedienung der technischen Geräte überantwortet wurde. Durch die voranschreitende Weiterentwicklung der technischen Apparaturen entstand sehr rasch ein Bedarf an Fachpersonal zu dessen Bedienung und somit das Berufsbild der Röntgengehilfin. Schon nach kurzer Zeit kam es ebenfalls zur Nachfrage nach geschulten Laborgehilfinnen für bakteriologische, mikroskopische und klinisch-chemische Untersuchungen.[1] Somit war der Weg frei zur Herausbildung des Berufs der (medizinisch)-technischen Assistentin.

Die Jenaer Ausbildungsstätte von ihrer Gründung 1912 bis zum Ende des 2. Weltkriegs

Im Jahr 1912 wurde auf Vorschlag des Direktors des Hygienischen Instituts der Universität Jena, Geheimrat Prof. August Gärtner (1848-1934),  in Jena eine Ausbildungsstätte für medizinisch-technische Berufe eröffnet, an der Frauen die Möglichkeit hatten, sich in einjährigen Kursen zu Laboratoriumsassistentinnen ausbilden zu lassen.[2] Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nur in Berlin und Leipzig entsprechende Lehranstalten. In Jena wurde nun die fünfte Bildungseinrichtung dieser Art in Deutschland eröffnet.[3] Neben Professor Gärtner gehörten auch der Direktor des Pharmakologischen Instituts der Universität Jena, Prof. Heinrich Kionka (1868-1941), und der Direktor der Städtischen Frauenschule Jena (Oberlyzeum), Prof. Otto Unrein (1862-1922), zu den Begründern.[4]  Als Prof. Gärtner in den Ruhestand trat, übernahm dessen Lehrstuhl-Nachfolger, Prof. Rudolf Abel (1868-1942), seinen Platz in der Kursleitung, wenn auch nur für einige Jahre. Nach seinem Ausscheiden und dem Tod Prof. Unreins war schließlich nur noch Prof. Kionka für die Durchführung der Kurse verantwortlich.[5]

Bis zum Jahr 1918 hatten bereits 150 Teilnehmerinnen die Jenaer Kurse absolviert, mehr als 40 von ihnen waren während des Krieges auch im Lazarettdienst tätig gewesen.[6]

Durch den Erlass von Prüfungsordnungen wurde die Ausbildung nun auch von staatlicher Seite einer Regelung unterworfen. Den Anfang machte Preußen mit einer Prüfungsordnung vom 21. August 1921;  im Jahr 1924 folgte Thüringen nach.[7]

Durch einen Erlass des Preußischen Ministers für Volkswohlfahrt vom 26. August 1921 wurde außerdem verfügt, dass nur diejenigen Frauen zur Prüfung als Technische Assistentin zugelassen werden durften, die entweder einen Abschluss eines staatlichen Lyzeums oder einen gleichwertigen Abschluss nachweisen konnten oder aber eine mindestens zweijährige erfolgreiche Teilnahme an Lehrgängen einer staatlichen oder staatlich anerkannten Lehranstalt belegen konnten. Die Ausbildung der Technischen Assistentinnen erfolgte seinerzeit in fünf Hauptfächern: Chemie und Physik; Anatomie, Physiologie, Biologie und mikroskopisch-histologische Technik; Parasitologie und Serologie; Klinische Chemie und Mikroskopie sowie Photographie. Hinzu kamen noch verschiedene Wahlfächer, darunter auch Stenographie und Maschinenschreiben.[8]

Ab 1926 war es möglich, sich in Jena in einem ebenfalls einjährigen Kurs auch zur Photographischen Assistentin ausbilden zu lassen.[9] Bis zum Jahr 1927 hatten durchschnittlich vierzig Schülerinnen die Jenaer Kurse besucht. Danach kam es, nicht nur in Jena, zu einem Anstieg der Schülerinnenzahlen. Da sich gleichzeitig auch die Anzahl der Ausbildungsstätten im deutschen Raum immer mehr erhöhte, wurde zeitweilig über den tatsächlichen Bedarf hinaus ausgebildet.[10]

Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich der Beruf der technischen Assistentin fest etabliert. In einem Beitrag in der „Zeitschrift für das gesamte Krankenhauswesen“ aus dem Jahr 1930 heißt es unter anderem: „In erstaunlich kurzer Zeit hat sich der Beruf der ‚technischen Assistentin‘ an Krankenhäusern ausgebildet, ein sicheres Zeichen dafür, daß (sic!) seine Schaffung einem Bedürfnis entgegenkommen ist. Noch im Jahre 1910 hatten nur einzelne Laboratorien, Forschungsstätten und ganz vereinzelte bevorzugte Privatärzte zur Bewältigung der technischen Arbeiten in ihren Betrieben weibliche Hilfskräfte. Diese halfen ihnen bei ihren Blutuntersuchungen, Auswurfuntersuchungen, oder machten ihnen die mikroskopischen Präparate von Operationsmaterial usw.  […] Es kam dann der Krieg, und der Mangel an männlichem Personal, die Notwendigkeit, bisher kaum gekannte Mengen von bakteriologischem, histologischem, chemischem und anderem Material zu bewältigen, sowie das rapide Ansteigen röntgenologischer Tätigkeit war der Entwicklung eines nunmehr entstehenden Standes technischer weiblicher Hilfskräfte an wissenschaftlichen Laboratorien außerordentlich günstig. Damit begann das Bedürfnis, diese Hilfskräfte auch systematisch heranzubilden […].“[11]

Für die 1930er-Jahre ist eine häufigere Änderung der Ausbildungsvoraussetzungen und -inhalte für technische Assistentinnen zu verzeichnen. Noch 1932 war es möglich, in jeweils 1-jährigen Kursen den Abschluss als Laboratoriums-Assistentin oder Photographische und Röntgen-Assistentin zu erhalten. Am Ende der Ausbildung konnte eine Staatsprüfung abgelegt werden. Wer innerhalb von drei Jahren nach Ende der Ausbildung den Nachweis einer mindestens 18-monatigen beruflichen Tätigkeit erbrachte, hatte die Möglichkeit, die staatliche Anerkennung als Technische Assistentin an wissenschaftlichen Instituten zu erwerben. Absolventinnen, die beide Kurse besucht hatten, erhielten diese Anerkennung schon nach dem Nachweis einer mindestens sechsmonatigen beruflichen Tätigkeit. Die Kurse umfassten eine theoretische und praktische Ausbildung.[12]

Im Jahr 1934 wurde die Jenaer Ausbildungsstätte der Thüringer Landesuniversität Jena unter der Bezeichnung „Lehranstalt für Technische Assistenten an der Thüringer Landesuniversität“ angeschlossen. Die Ausbildung erfolgte nun in 1 ½-jährigen Kursen zur Laboratoriumsassistentin und in 1-jährigen Kursen zur Röntgen- und Photographischen Assistentin. Die Teilnahme am Kurs zur Röntgenassistentin setzte die erfolgreiche Absolvierung des Kurses zur Laboratoriumsassistentin voraus. Die Ausbildung wurde mit einer Prüfung zur staatlich geprüften Laboratoriumsassistentin oder, nach Absolvierung beider Kurse, zur staatlich geprüften Röntgen- und Photographischen Assistentin mit gleichzeitiger staatlicher Anerkennung als Technischer Assistentin an wissenschaftlichen Instituten beendet.[13] Die Leitung der Anstalt übernahm Professor Gerhard Franzen (1894-1968).[14]

Laut dem Prospekt der Lehranstalt aus dem Jahr 1938 betrug die Ausbildungsdauer damals für beide Kurse jeweils 1 ½ Jahre, verkürzte sich jedoch auf 2 ½ Jahre, sofern beide Kurse hintereinander absolviert wurden. Es bestand nun die Möglichkeit, sich gleich zur Röntgen- und Photographischen Assistentin ausbilden zu lassen, ohne vorherige Absolvierung des Kurses zur Laboratoriumsassistentin. Die Staatliche Anerkennung als Technische Assistentin an wissenschaftlichen Instituten wurde jedoch nur nach Absolvierung beider Kurse erteilt, jedoch hatten Absolventinnen der Anstalt, die nur einen der Kurse besucht hatten, die Möglichkeit, nach einer sechsmonatigen erfolgreichen Ausübung ihres Berufs innerhalb von drei Jahren nach Abschluss der Ausbildung ebenfalls die staatliche Anerkennung als Technische Assistentin an wissenschaftlichen Instituten zu erhalten.[15] 

Mit Wirkung vom 1. April 1936 [16] wurde die Jenaer Einrichtung in die Trägerschaft eines gemeinnützigen Vereins, dem u. a. die Thüringer Ministerien des Innern und der Volksbildung, die Universität Jena und die Medizinische Fakultät, die Stadt Jena sowie Vertreter der Ärzteschaft und der Fachschaft „Technische Assistentinnen“ angehörten, überführt. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens konnte die Lehranstalt die bis dahin erfolgte Ausbildung von über 900 Schülerinnen vermelden.[17]

Nachdem die Jenaer Lehrstätte lange Zeit unter unzureichenden räumlichen Bedingungen im Pharmakologischen Institut der Universität untergebracht gewesen war, erhielt sie 1938 ein eigenes, neu errichtetes Gebäude, in der Neugasse neben dem Pharmakologischen Institut. Die ersten Räume mit den Laboratoriumseinrichtungen konnten im Februar 1938 bezogen werden, während der für die Röntgenausbildung vorgesehene Bau noch unvollendet war.[18] Nach dessen Fertigstellung und dem endgültigen Umzug der Anstalt wurden die bis dahin genutzten Räume im Pharmakologischen Institut ab 1. Dezember 1939 nicht mehr benötigt.[19]

Da die einzelnen im deutschen Raum existierenden Lehranstalten für technische Assistentinnen jeweils in Länderhoheit geführt wurden und es keine einheitliche länderübergreifende Prüfungsordnung gab, konnten die Assistentinnen ihren Beruf nur dann in anderen deutschen Staaten ausüben, sofern ihr Bildungsabschluss dort akzeptiert wurde. Für Thüringen existiert beispielsweise eine Bekanntmachung des Vorsitzenden des Prüfungsamts, Dr. Rüdel, vom 22. Juni 1932, in der es heißt: „Die vom Thüringischen Ministerium des Innern zu Weimar erteilten staatlichen Anerkennungen für Technische Assistentinnen an wissenschaftlichen Instituten haben auch Geltung als Ausweise für die staatliche Anerkennung als technische Assistentinnen für das Preußische, Sächsische, Württembergische und Hamburgische Staatsgebiet.“[20]

Die Erste und Zweite „Verordnung über die Berufstätigkeit und die Ausbildung medizinisch-technischer Gehilfinnen und medizinisch-technischer Assistentinnen“ (Erste MGAV/Zweite MGAV), beide vom 17. Februar 1940,[21] führten zu einigen Veränderungen. Um eine Ausbildung aufnehmen zu können, musste nun der Abschluss eines hauswirtschaftlichen Jahrs sowie eines Schwesternhelferinnenkurses des DRK oder eine gleichwertige Ausbildung und Übungen in Kurzschrift und Maschinenschreiben nachgewiesen werden. Für medizinisch-technische Gehilfinnen, die sich zur Assistentin weiterqualifizieren wollten, entfielen die Absolvierung des hauswirtschaftlichen Jahrs und des Schwesternhelferinnenkurses.[22] Die Ausbildung konnte ab einem  Alter von 18 Jahren begonnen werden. Sie dauerte zwei Jahre und bestand aus einer Laboratoriums- und Röntgenausbildung, da eine alleinige Spezialisierung in einer dieser Richtungen nicht mehr möglich war.[23] 

In einem Prospekt der „Lehranstalt für medizinisch-technische Assistentinnen Jena“ vom Juli 1941 wird Professor Franzen als Leiter der Lehranstalt und zugleich als Leiter des Trägervereins benannt. Die Ausbildung erfolgte, entsprechend den gesetzlichen Vorgaben, in zweijährigen Lehrgängen, an deren Ende eine staatliche Prüfung stand. Nach dem ersten Lehrjahr bestand die Möglichkeit,[24] auch die staatliche Prüfung als Medizinisch-technische Gehilfin abzulegen.

Durch einen Runderlass des Reichsministeriums des Innern vom 16. September 1944 [25] zum totalen Kriegseinsatz und der Änderung der Ausbildung für Diätassistenten, Krankengymnastinnen, medizinisch-technische Gehilfinnen und medizinisch-technische Assistentinnen [26] wurde die Ausbildung von Medizinisch-technischen Assistentinnen für die Dauer des Krieges eingestellt. Lediglich die einjährigen Lehrgänge für Medizinisch-technische Gehilfinnen konnten weitergeführt werden. Darüber hinaus sollten während dieser Ausbildungszeit, soweit möglich, auch noch die „wesentlichsten Kenntnisse aus dem Arbeitsgebiet der Medizinisch-technischen Assistentin“ vermittelt werden. Nach einer anschließenden einjährigen Berufstätigkeit wurde den Gehilfinnen die Möglichkeit zur Zulassung zur Prüfung als Medizinisch-technische-Assistentin in Aussicht gestellt. Da in Folge des Runderlasses eine Lehrplanumstellung erforderlich war, wurden die Ausbildungsgebühren in Jena auf 200,- RM pro Vierteljahr angehoben.[27] In einem Schreiben vom 26. Oktober 1944 an den Reichsstatthalter in Thüringen und den Staatssekretär und Leiter des Thüringischen Ministeriums des Innern in Weimar teilte der Leiter der Anstalt, Prof. Franzen, mit, dass sich durch den Wegfall des 3. und 4. Ausbildungssemesters aufgrund des o. g. Runderlasses, die Schülerinnenzahl von über 100 auf rund 60 Lehrgangsteilnehmerinnen reduziert hätte.[28]