Kongress in Magdeburg

DGKL-Tagung 2019

Die 16. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) fand Ende September in den Messehallen Magdeburg statt. Mehr als 600 Teilnehmer und rund 50 Industriepartner kamen zum bundesweit größten Kongress der In-vitro-Diagnostik und Labormedizin zusammen.

DGKL-Tagung 2019

Auch der DVTA war vor Ort. | © M. Bauer/M. Reiter

Neben dem wissenschaftlichen Austausch im Kongress standen insbesondere der direkte Dialog mit der Industrie und die Preisverleihung, zu der hochrangige Wissenschaftler geladen waren, auf der Agenda. Das Motto „Labormedizin #moderndenken“ stellte den Bezug zum aktuellen Bauhaus-Jubiläumsjahr her, auf das Prof. Johannes Ringel, geschäftsführender Gesellschafter RKW Architektur, in seiner Keynote am Gesellschaftsabend im Jahrtausendturm mit einer umfangreichen Sammlung an Architekturfotos hinwies. Der Veranstaltungsort bot einen ansprechenden Rahmen für die Preisverleihungen; in der Atmosphäre des Museums spiegelten sich die Veränderungen der Gesellschaft durch spannende technische Errungenschaften wider. Ähnlich spannend waren die wissenschaftlichen Auszeichnungen, die an diesem Abend feierlich vergeben wurden.

Preisverleihungen

Prof. Dr. Y. M. Dennis Lo, Direktor des Li Ka Shing Institute of Health Sciences, The Chinese University of Hong Kong, erhielt die höchste wissenschaftliche Auszeichnung der DGKL – den mit 50.000 Euro dotierten Preis „Biochemische Analytik“, der von der Sarstedt AG gefördert wird. Seit Jahrzehnten forscht der Labormediziner in der Analytik zellfreier Nukleinsäuren. Lo stand auf der Kandidatenliste für den Nobelpreis 2019. Seine Entdeckung fetaler DNA im Blut von Schwangeren legte den Grundstein für eine wichtige Methode der nicht invasiven pränatalen Diagnostik (NIPD). Der 1963 geborene Hongkong-Chinese begeisterte sich schon in der Schule für die Bilder des DNA-Doppelhelix-Modells von Watson und Crick. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Karriere setzte er sich das Ziel, fetale DNA im mütterlichen Plasma zu erkennen. Bereits 1997 veröffentlichte er erste Ergebnisse, 2011 gelang ihm der Nachweis der Trisomie-21-Chromosomenstörung. Seine Technologie ist heute überall verfügbar; auch Anomalien wie die Mukoviszidose und Thalassämie können nachgewiesen werden. Es gibt Screeningprogramme in vielen Ländern der Welt; in Deutschland hat der Gemeinsame Bundesausschuss aktuell beschlossen, die Methode in die Regelversorgung aufzunehmen. Darüber hinaus widmet sich Lo in seiner Forschung auch anderen Bereichen der Liquid Biopsy, beispielsweise der Analyse zellfreier Nukleinsäuren von Organen oder der DNA verschiedener Tumorarten.

Den alle drei Jahre ausgeschriebenen Gábor-Szász-Preis erhielt Prof. Dr. med. Andreas Fischer, Universitätsklinikum Heidelberg, für seine grundlegenden Arbeiten über die Bedeutung des Endothels bei der Stoffwechselkontrolle und die Turmorprogression.

Prof. Dr. med. Peter Luppa aus München erhielt den Felix-Hoppe-Seyler-Preis als Ehrung für herausragende wissenschaftliche Leistungen im Bereich POCT. Er verantwortet unter anderem die Herausgabe eines POCT-Lehrbuchs und richtet regelmäßig den POCT-Kongress in München aus. „In den letzten zehn Jahren hat sich viel in dieser patientennahen Sofortdiagnostik getan“, erklärte er. „Heute entstehen revolutionäre Produkte, beispielsweise in der Gerinnungsdiagnostik: Hier geht es um viskoelastische Verfahren. Die MTLA übernehmen organisatorisch und administrativ sehr wichtige Aufgaben insbesondere in der Qualitätssicherung. Ich empfehle hier die Weiterbildung zum POCT-Koordinator, via DVTA oder DIW; dieser Kurs bietet für das Umfeld Krankenhaus wichtige Erkenntnisse.“ Ein Interview mit Prof. Luppa zu POCT finden Sie hier: tinyurl.com/Interview-Luppa.

Prof. Dr. med. Peter Luppa | © M. Bauer/M. Reiter

Alle zwei Jahre werden junge Wissenschaftler bis zum vollendeten 36. Lebensjahr durch den Ivar-Trautschold-Nachwuchsförderpreis ausgezeichnet. 2019 erhielt Dr. med. Tim Wartewig, München, diesen Preis für seine Publikation in Nature, die für die Transformation von prämalignen T-Zellen und der mitunter letalen Expansion unter PD-1 Inhibition von klinischer Bedeutung ist.

News und Trends

Die Jahrestagung beleuchtete aktuelle gesundheitspolitische Fragen sowie Themen der labormedizinischen Diagnostik. Neben innovativen Verfahren aus dem Bereich der personalisierten Medizin wurden auch neue diagnostische Biomarker vorgestellt, die beispielsweise bei der Diagnose von Autoimmunerkrankungen oder Krebs helfen. So betonte Tagungspräsident Prof. Berend Isermann: „Wir müssen umdenken: von den Leitlinien ,einer Medizin für alle‘ zu einer stratifizierten, personalisierten Medizin! Diese stellt die ärztliche Heilkunst mit individuellen maßgeschneiderten Therapiekonzepten für jeden Patienten wieder in den Vordergrund. Weitere Schwerpunkte der Tagung liegen im Bereich neue Techniken beziehungsweise in der Verfeinerung vorhandener Techniken, wie der Massenspektroskopie und der NMR (Anmerkung der Redaktion: eindimensionale Kernspinresonanzspektroskopie oder ,Nuclear Magnetic Resonance‘). Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Nachwuchsförderung. In der umfangreichen Posterausstellung präsentieren Jungmediziner ihre Forschungsergebnisse, einige davon stellen diese in kurzen Sessions sogar persönlich vor. Für die Zukunft erhoffen wir uns umfassende EDV-Lösungen zur komplexen Analyse vielfältiger Daten, um Prognosen für Krankheitsverläufe zu erhalten.“

Dazu ergänzte Prof. Nauck, DGKL-Präsident und Labormediziner in Greifswald: „Ein weiteres spannendes Thema ist die Liquid Biopsy, eine DNA-Untersuchung im Blut, die Hinweise auf Tumorerkrankungen geben kann. Mit ihrer Hilfe können wir korrekte Therapien einleiten. Daneben haben ferner die ,Omics‘ eine wichtige Bedeutung: Mit unterschiedlichen Verfahren werden Risiken vorausgesagt und Personen identifiziert, die auf frühzeitige Therapie oder präventive Behandlung ansprechen. So spiegelt das Motto der nächsten Jahrestagung ,Laboratoriumsmedizin begleitet Leben‘ die Herausforderungen der Labordiagnostik perfekt wider: von der Pränataldiagnostik über das Neugeborenenscreening bis hin zur Therapiestellung über das gesamte Menschenleben. Zudem sind Laboruntersuchungen bei zwei Dritteln aller Diagnosen beteiligt. Insgesamt wird die Prävention immer wichtiger. Auch die Qualitätsmanagement-Richtlinien werden mithilfe der DGKL weiterentwickelt, für Ende 2019 erwarten wir wieder einmal wichtige Neuerungen.“

News aus der Industrie

Wie immer gehörte der Dialog in der Industrieausstellung zu einer gelungenen Jahrestagung. Manche Anbieter lockten mit Köstlichkeiten wie Kaffee und Waffeln die besonders hungrigen Interessierten an ihre Stände. Hier erfuhr man neben dem Kaffeegenuss dann auch, welche Neuerungen sie mitgebracht hatten. Das nordrhein-westfälische Unternehmen Sarstedt hielt den Bulk Loader BL 1200 zur Vorsortierung von Racks und zur automatischen Probenerfassung bereit, insbesondere für kleinere Labore, die (noch) keine automatischen Probenstraßen nutzen. Thermo Fisher Scientific stellte neue Klimakammern vor, die den behördlichen und umwelttechnischen Anforderungen von Genomwissenschaftlern entsprechen, und Zentrifugen mit einer fortschrittlichen Touchscreen-Bedienung, mit der Anwender einfach auf gespeicherte Protokolle, Temperaturkontrollen und Systemintegritätsprüfungen zugreifen können. So lassen sich laut Hersteller die Produktivität steigern und der Zeitaufwand für die Einstellung der Parameter reduzieren.

Abbot lud ein zur „Collaboratory“-Initiative, die Barrieren im Gesundheitswesen abbauen helfen soll. Denn die Labordiagnostik befindet sich in einer paradoxen Situation: Trotz ihrer Schlüsselrolle sollen Leistungen mit immer knapperen Budgets erbracht werden. „Das Labor darf jedoch nicht nur unter dem Aspekt der betrieblichen Effizienz und Ergebnismaschine betrachtet werden“, so der Tenor beim Hersteller. Führungskräfte und Geschäftsleitungen sollten erkennen, dass diese medizinische interdisziplinäre Abteilung an die vorderste Front der Patientenversorgung gehört – und künftig vermehrt präventiv und prädiktiv agieren wird.

Daneben stellten Softwareunternehmen wie OSM Neuerungen in ihren Laborinformationssystemen, aber auch Management-Software zur Steuerung und Überwachung von POCT-Geräten vor. Das Thema künstliche Intelligenz (KI) wird von den Giganten der Szene – Siemens, GE und Philips – vermehrt vorangetrieben. Hier werden wir künftig noch bahnbrechende Neuerungen erleben – wann auch immer sie in Deutschland anerkannt und genutzt werden. Andere Länder sind hier, mal wieder, erheblich weiter.

 

Entnommen aus MTA Dialog 11/2019