Interview mit Peter Liese

„Der Fachkräftemangel gefährdet die Patientensicherheit“

Der Europaabgeordnete Peter Liese nimmt Stellung unter anderem zum Fachkräftemangel im Bereich der MTRA, zur Akademisierung und zu den Anerkennungsverfahren.

Liese

Auch auf europäischer Ebene gibt es immer wieder Diskussionen zum Thema Fachkräftemangel, berichtet Peter Liese. | Europaparlament

Dr. med. Peter Liese war jahrelang der einzige deutsche Arzt im Europaparlament (EP). Achteinhalb Jahre lang hatte der CDU-Politiker aus Meschede, der schon 1994 mit 29 Jahren ins Europäische Parlament gewählt wurde, parallel zur Politik in einer Gemeinschaftspraxis für Innere Medizin und Allgemeinmedizin gearbeitet. Als Sprecher der größten Fraktion des EP, der Europäischen Volkspartei (EVP), im Ausschuss für Umwelt, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, beschäftigt er sich mit zahlreichen gesundheitspolitischen, medizinischen und ethischen Themen. Dabei engagiert er sich auch für die Belange der Gesundheitsfachberufe.


MTA Dialog: Herr Dr. Liese, der DVTA hat Sie kürzlich über den gravierenden Fachkräftemangel, besonders im Bereich der MTRA, in Deutschland informiert. Sie haben sich daraufhin an Bundesgesundheitsminister Gröhe gewandt. Haben Sie schon eine Reaktion erhalten? Wenn ja, wie sieht die aus?

Liese: Das Problem des Fachkräftemangels im Bereich der MTRA ist gravierend. Es bedeutet eine riesige Belastung für die Mitarbeiter, die oft Überstunden machen müssen und gefährdet die Patientensicherheit. Deshalb müssen wir dringend versuchen, Abhilfe zu schaffen. Ich habe mich deshalb an Minister Hermann Gröhe gewandt und auch mittlerweile eine Antwort erhalten. Hermann Gröhe verweist darauf, dass die Bundesländer unlängst eine zentrale Gutachterstelle für Gesundheitsberufe beim Sekretariat der Konferenz der Kultusminister der Länder eingerichtet haben. Diese soll die Bundesländer unterstützen und dafür sorgen, dass die Anerkennung nach einem einheitlichen Maßstab passiert. Ich hoffe sehr, dass dies auf einem vernünftigen Niveau passiert.


MTA Dialog: Im europäischen Ausland gibt es wohl genügend interessierte MTRA, die gern bereit wären, in Deutschland tätig zu werden. Ein Problem besteht aber darin, dass die Anerkennungsverfahren von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich sind. Wie könnte man dies Ihrer Ansicht nach vereinheitlichen?

Liese: Das stimmt. In Niedersachsen werden beispielsweise sehr viel mehr Bewerberinnen und Bewerber aus den Niederlanden angenommen als in Nordrhein-Westfalen. Ich werde mich wegen dieser Frage auch nochmal an die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Frau Steffens wenden. Eine Anhebung der Anerkennungsquote in Nordrhein-Westfalen auf das Niveau Niedersachsens würde uns schon deutlich weiterhelfen.


MTA Dialog: Sehen Sie auch ein Problem darin, dass es in Deutschland noch keine Akademisierung der Ausbildung gibt, und im Ausland erworbene Qualifikationen in Deutschland oft nicht anerkannt werden?

Liese: Erster Teil der Frage „Nein“, zweiter Teil der Frage „Ja“. Eine Akademisierung ist nicht die Antwort auf alle Probleme. Ich glaube, dass die Ausbildung von MTRA in Deutschland grundsätzlich gut ist. Wir sollten den Interessierten die Möglichkeit geben, ein Studium zu absolvieren, um dadurch entsprechend mehr Verantwortung und Einkommen zu erzielen, aber es muss auch weiter möglich sein, ohne Studium MTRA zu werden. Ähnlich sehe ich die Situation im Bereich der Pflege. Dass die im Ausland erworbene Qualifikation in Deutschland nicht anerkannt wird, ist aus meiner Sicht schon ein Problem. Zwar muss man bei der Prüfung sorgfältig vorgehen, aber aus meiner Sicht werden auch qualifizierte Bewerber, zum Beispiel aus den Niederlanden, nicht immer anerkannt.

MTA Dialog: Haben Sie da Einfluss auf die deutsche Gesetzgebung? Wann rechnen Sie hier mit einer Änderung, um im europäischen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren?
Liese: Durch meine Tätigkeit im Bundesvorstand der CDU und durch die vielen Kontakte zu Kollegen im Bundestag und im Ministerium versuche ich hier informell meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Am Ende entscheidet der Bundestag aber natürlich selbstständig.

Liese: Gibt es auch auf europäischer Ebene Bestrebungen zur Behebung des Fachkräftemangels in den Medizinfachberufen? Wenn ja, wie sehen diese konkret aus?
Liese: Es gibt immer wieder Diskussionen zum Thema Fachkräftemangel. Für die Verantwortlichen in Mittel- und Osteuropa ist das Thema natürlich viel gravierender. Wir in Deutschland verlieren zwar Ärzte und anderes medizinisches Personal, das nach Skandinavien, die Schweiz oder Großbritannien abwandert, dafür haben wir aber viele Menschen aus Mittel- und Osteuropa, die uns helfen. Dort gibt es praktisch nur Abwanderung und keine Zuwanderung. Die Mitgliedstaaten pochen allerdings sehr auf ihre nationale Kompetenz, so dass wir deshalb nicht direkt eingreifen, sondern nur an den guten Willen appellieren können.

Die Fragen stellten Gisela Klinkhammer und Ludwig Zahn.


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