Deutscher Schmerzkongress 2016

Daten sammeln gegen die Volkskrankheit Migräne

Beim „Migräne Radar 2.0“ werden Patienten zu aktiven Bürgerwissenschaftlern.

Migräne

Auf einer Internetplattform können Betroffene ihre Migräne-Attacken oder Anfälle von Spannungskopfschmerz melden. | pro-dente

In Deutschland leiden etwa acht Millionen Menschen an Migräne. Häufig geben Patienten an, dass die Attacken mit Wetterumschwüngen zu tun hätten. Wissenschaftlich nachgewiesen ist dies jedoch bislang nicht. Forscher der Hochschule Hof gehen mit dem Projekt „Migräne Radar 2.0" diesem möglichen Zusammenhang nach.

Auf einer Internetplattform können Betroffene ihre Migräne-Attacken oder Anfälle von Spannungskopfschmerz melden. Anschließend werten die Forscher die Daten wissenschaftlich aus. „Von einem solchen Projekt ganz im Sinne einer modernen Bürgerwissenschaft profitieren beide Seiten“, sagt Stefan Evers, Tagungspräsident des Deutschen Schmerzkongresses und Chefarzt der Klinik für Neurologie am Krankenhaus Lindenbrunn, im Vorfeld der Jahrestagung (19. bis 22. Oktober 2016) in Mannheim.

„Viele Migräne-Patienten sind fest davon überzeugt, dass das Wetter großen Einfluss auf ihre Krankheit hat“, so Evers, der sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Thema Kopfschmerz auseinandersetzt. Weitere bekannte Auslöser, auch Trigger genannt, seien Stress, Schlaf- oder Flüssigkeitsmangel, sowie bestimmte Medikamente oder Nahrungsbestandteile. „Die Trigger sind jedoch von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und lassen sich daher nur schlecht statistisch erfassen“, sagt Evers. Auch ein möglicher Einfluss des Wetters ist bislang nicht wissenschaftlich belegt. Projekte wie der „Migräne Radar 2.0“, die die Auswertung einer großen Zahl von Kopfschmerzattacken ermöglichen, könnten diesen Beweis liefern.

Ein individueller Online-Migränekalender

Schon das Vorläuferprojekt „Migräne Radar“ wurde von den Patienten sehr gut angenommen. Ermutigt von der großen Akzeptanz starteten die Wissenschaftler dann vor rund einem Jahr den „Migräne Radar 2.0“, der deutlich mehr Daten abfragt und eine genauere Auswertung ermöglicht. Mittlerweile haben auch hier schon mehr als 3.000 Patienten Informationen über ihre Migräneanfälle eingespeist.

Die Meldung von Kopfschmerzattacken erfolgt nach wie vor anonym, im Gegensatz zum Vorläuferprojekt müssen die Teilnehmer sich jedoch zunächst registrieren. So können die Forscher nachvollziehen, ob Patienten nur mal „reingeschnuppert“ haben oder ob sie ihre Anfälle regelmäßig melden. Online oder per Smartphone-App geben die Teilnehmer Art, Ort und Dauer ihrer Attacken ein. Zusätzlich geben sie Auskunft über die Begleitumstände des Anfalls sowie über Gegenmaßnahmen, die sie ergriffen haben.

Aus diesen Daten erhoffen die Forscher sich neue Erkenntnisse nicht nur in Bezug auf die populäre Frage nach dem Wetter. „Auch Hinweise auf saisonale Unterschiede, besonders anfällige Altersgruppen oder Wochentage, an denen die Migräne bevorzugt zuschlägt –  die sogenannte Wochenend-Migräne – wären sehr aufschlussreich“, sagt Evers. Für eine Auswertung ist es allerdings noch zu früh.

Auch für Patienten bringt die „Radar“-Plattform Vorteile: So bündelt ein individueller Online-Migränekalender alle Meldungen eines Patienten. Dieser kann wie ein Kopfschmerztagebuch genutzt werden und Aufschluss über das Muster der Anfälle und mögliche Trigger geben. Außerdem kann die Übersicht ausgedruckt und dem behandelnden Arzt vorgelegt werden. Registrierte Teilnehmer haben auch Zugriff auf die statistische Auswertung der bislang gemeldeten Daten.


Literatur:
Drescher J., Wogenstein F., Evers S., Gaul C., Scheidt J.: Projekt Migräne Radar, Nervenheilkunde 10/2015. S. 818-824

 

Quelle: Deutsche Schmerzgesellschaft, 28.09.2016


Zum Deutschen Schmerzkongress:


Der jährlich stattfindende Deutsche Schmerzkongress reflektiert die enorme Bedeutung des Symptoms Schmerz in sämtlichen Bereichen der Medizin und das stetige Bemühen der Schmerzexperten, den Schmerz wirksam(er) zu bekämpfen. Das Motto für den Kongress 2016 „(Um)denken erwünscht“ regt dazu an, ausgetretene Pfade auch einmal zu verlassen, das eigene Denken und Handeln kritisch zu überdenken, vielleicht sogar infrage zu stellen und aufgeschlossen zu sein für Neues. Mit rund 60 wissenschaftlichen Symposien, darunter Pflegesymposien und Dutzenden Kursen und Seminaren, deckt der Schmerzkongress das gesamte Themenspektrum der Schmerzdiagnostik und -therapie ab. Mehr als 2.500 Teilnehmer – Mediziner verschiedener Fachgebiete, Psychologen, Pflegende, Physiotherapeuten und andere – werden erwartet.