MTA-Schulprojekt

Das Projekt „Radiologische Artefakte“ (1)

Mit zunehmendem Alter findet man in sich selbst neue Eigenschaften, Interessen, Leidenschaften … So entstehen die Hobbys, Themen oder Bereiche, mit denen man gerne seine Freizeit verbringt.

Das Projekt „Radiologische Artefakte“ (1)

Prof. Dr. med. Gerald Antoch. Unterrichtsstunde | © E. Flom

Und je mehr man über diese Themen weiß, desto mehr geht man dann auch in die Tiefe. Ich hätte nicht geahnt, dass mir die Geschichte und Entwicklung der radiologischen Technik so viel Spaß machen kann.

 Thorax-Röntgenbild auf einer mit Gelatine-Bromsilber-Lösung beschichteten Glasplatte (1914) | © E. Flom

Ich unterrichte das Lehrfach Strahlentherapeutische Technik an der MTA-Schule am Universitätsklinikum Düsseldorf. Die MTA-Schule hat sich in den vergangenen drei Jahren stark verändert. In allen Klinikbereichen des Universitätsklinikums fehlen MTA-Mitarbeiter/ -innen. Deshalb investiert das Uniklinikum mehr Geld für zusätzliche, neue Lehrerstellen zur Stärkung der Ausbildung. Seit Herbst letzten Jahres werden unter anderem wieder MTA-F (Medizinisch-Technische/r Assistent/-in für Funktionsdiagnostik) ausgebildet. Darüber hinaus wird auch das Schulgebäude saniert, um mehr Unterrichtsräume zu gewinnen. Bei diesen Arbeiten haben wir in einem solchen renovierungsbedürftigen Raum mehrere Kartons entdeckt – augenscheinlich normale Kartons von Röntgenfilmen. Überraschenderweise enthielten diese Kartons uralte, mit Gelatine-Bromsilber-Lösung beschichtete Glasplatten mit Röntgenaufnahmen. „Röntgenphotographien“ – so hat man diese Bilder vor 100 Jahren genannt. Es handelt sich dabei um mehr als 50 Glasplatten, überwiegend 30 x 24 cm2 groß, mit dem Aufnahmedatum, Namen und Alter des Patienten. Die Bilder auf den Röntgenplatten sind zwischen 1909 und 1921 entstanden und zeigen überwiegend Darstellungen des Thorax-(Brustkorb-)Bereiches. Auch die ehemalige, pensionierte Schuldirektorin Monika Schmidt kannte auf Nachfrage den Ursprung dieser Bildplatten nicht. Dabei ist die Schule selbst schon circa 60 Jahre alt.

Die Zeitung „Rhein und Düssel“ von 1907 zur Eröffnung der Allgemeinen Krankenanstalten Düsseldorf | © Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Hin und wieder schweiften meine Gedanken zu den Röntgenplatten – die Magie dieser alten Gegenstände lässt einen nicht los. „Artefakte“ nennt man solche, von Menschen geschaffenen faszinierenden Objekte aus eine andere Epoche. Somit kam auch ein neues Projekt „Radiologische Artefakte“ zustande, welches wir mit den Schülern/-innen des dritten Semesters im April 2019 an der MTA-Schule begonnen haben. Von Anfang an haben wir eine Systematik verfolgt und Fragen gestellt:

  1. Wo hat man die Röntgenaufnahmen aufgenommen?
  2. Wie wurde das Bild gerätetechnisch und auch mit welchen Mitteln aufgenommen?
  3. Und die wichtigste Frage aus unserer Sicht: Wer hat diese angefertigt? Das heißt, welches Personal in der Klinik – Ärzte und MTA?

Ach, Entschuldigung! Es waren damals noch keine MTA. Sie wurden „Röntgenschwestern“, „Spezialschwestern“, „Röntgenassistenten“ genannt – diese Berufsbezeichnung war damals üblich. Wir haben die Platten zuerst katalogisiert und dank Prof. Dr. med. Gerald Antoch, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und in seiner fachlichen Zuständigkeit, auch Ärztlicher Leiter der MTA-Schule, befunden können. Das waren zwei wertvolle Unterrichtsstunden von Prof. Antoch unter der aktiven Mitarbeit von Schülern/-innen, nicht zu vergessen die hervorragende Arbeit von denjenigen, die diese Röntgenaufnahmen angefertigt haben. Gemeint ist hier die ausgezeichnete Qualität dieser Aufnahmen, die auch selbst nach 100 bis 110 Jahren noch sehr gut ist! Und wie zu erwarten, war es keine Überraschung, dass dabei als Befund die Tuberkulose als Krankheitsursache auf den Bildern diagnostiziert wurde – die typische Erkrankung der damaligen Zeit.

Die erste Frage (Herkunft der Platten) konnte man nur im geschichtlichen Kontext der „Allgemeinen Krankenanstalten Düsseldorf“ seit 1907 und der historischen Entwicklung der Radiologie dort beantworten. Wertvolle Hinweise und Orientierungshilfe boten uns hierzu die Unibibliothek, das Universitätsarchiv und das Stadtarchiv Düsseldorf.

Die Allgemeinen Krankenanstalten der Stadt Düsseldorf und die Akademie für praktische Medizin | © F. Leineweber Verlag Leipzig 1910

Zum Beispiel in einem Geleitwort des damaligen Beigeordneten Dr. Max Greve, verschiedenen Verwaltungsberichten, in mehreren Arbeiten von Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hans Schadewaldt zur Geschichte der Medizin in Düsseldorf und einem wertvollen Buch namens „Von Röntgenkabinett zu Strahlenklinik“ von Dr. med. dent. Gerhard Müther. Das Buch erschien im Michael Triltsch Verlag Düsseldorf im Jahre 1972, also vor 48 Jahren. Der Autor hat damals erst sein Staatsexamen als Zahnarzt bestanden. Inzwischen ist er, einst renommierter Düsseldorfer Zahnarzt, seit drei Jahren im Ruhestand.

Düsseldorf: Allgemeine Städtische Krankenanstalten und Akademie für praktische Medizin | © Bericht für das Rechnungsjahr 1908/09

Das Buch „Von Röntgenkabinett zu Strahlenklinik“ (erschienen als Beiheft 3 zur Geschichte der Medizin in Düsseldorf mit circa 100 Seiten) ist eine erklärende Dokumentation jener Zeit in der Radiologie, die zudem auch einen übersichtlichen und gut strukturierten Text mit historischen Fotos, Grafiken und ein langes Literaturverzeichnis umfasst. Für mich persönlich, als ehemaliger MTA in der Klinik für Strahlentherapie im UKD und mit mehr als 18 Jahren beruflicher Erfahrung aus meiner Kliniktätigkeit, brachte das Buch überraschende Erkenntnisse: Wie aktiv hat man bereits damals (1907 und später) fast in allen Kliniken (Medizinische, Hautklinik, Frauenklinik) neben der Röntgendiagnostik schon die Röntgentherapie zur Heilung von Krebs eingesetzt. Aber das ist eine neue Geschichte und ein weiteres, anderes, faszinierendes Projekt.

Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. med. August Hoffmann, Leiter der Medizinischen Klinik | © Universitätsarchiv der Heinrich-Heine-Universität

Dank dieser Dokumente und Bücher, haben wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, und die Indizien bestätigen dies, den Ort des historischen Geschehens identifizieren können. Auf dem Gelände der Allgemeinen Städtischen Krankenanstalten Düsseldorf befand sich die „Medizinische Klinik“ – im Gebäude (Pavillon) XVI – unter der Leitung von Geheim Medizinalrat Prof. Dr. med. August Hoffmann. Nirgendwo anders in dieser Region hatte man seinerzeit so viele Thorax-Röntgenaufnahmen erstellt.

Fortsetzung folgt.

 

Entnommen aus MTA Dialog 8/2020