AIDS eine „Seuche der Moderne“

Das erworbene Immunmangelsyndrom (Teil 1)

Ziel der kurzen historischen Darstellung ist es, wichtige Aspekte über das Krankheitsbild AIDS mit all seinen Facetten vom Anfang der 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre zu bündeln.

Das erworbene Immunmangelsyndrom (Teil 1)

Slogan der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln (BZgA): Die Aufforderung „GIB AIDS KEINE CHANCE“ stellt in gesundheits-, aber auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht eine zentrale Quelle für den deutsch-deutschen Umgang mit einer neuen Bedrohung dar.

Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, die auf dem Washingtoner Kongress im Mai 1987 von Jonathan Mann vorgetragen wurden, beschreiben AIDS als die „Seuche der Moderne“, der mit Zwangsmaßnahmen nicht beizukommen ist. Die gegenwärtige Diskussion um AIDS ist ruhiger und auch sachlicher geworden. Die Ausbreitung der Infektionskrankheit scheint sich – jedenfalls in der westlichen Welt – zu verlangsamen (siehe Zusatzinfo online). Keine Krankheit hat in den vergangenen Jahren so viel Panik hervorgerufen wie AIDS, indem sich die seit Jahrtausenden den Seuchen, der Homosexualität und dem Tod geltenden Ängste und Tabus miteinander vermengen [7]. Hier haben besonders die Massenmedien – wie die Boulevardpresse und das Fernsehen – die Infektionskrankheit „AIDS“ in der Bevölkerung bewusst gemacht und in ihrer Berichterstattung häufig „pure Angst“ vor Ansteckung verbreitet. Diese Berichte sind charakteristisch für die Behandlung des Themas zu jener Zeit: Aufgrund der zunehmenden Zahl von Kasuistiken vermischten sich Richtiges, Falsches, Mutmaßungen, begründete und unnötige Ängste und bildeten die Grundlage für die gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskussion.

Das Faktum wird in einer Zeitungsmeldung vom 24. Mai 1983 (Stuttgarter Zeitung) deutlich. Hier finden sich unter der Überschrift „Eine geheimnisvolle Krankheit – in San Francisco breitet sich die Angst vor AIDS aus“ folgende Sätze: „In der kalifornischen Stadt San Francisco, von deren rund 679.000 Bewohnern etwa ein Viertel Homosexuelle sein sollen, breitet sich die Angst vor der auf einem Immundefekt beruhenden Infektionskrankheit AIDS aus . . . Die geheimnisvolle Krankheit, deren Opfer vor allem Homosexuelle sind, stellt die Ärzte noch immer vor ein Rätsel . . . Von den über 1.400 AIDS-Fällen, die in den letzten knapp drei Jahren landesweit auftraten, verliefen etwa 40 Prozent tödlich . . .“ Auch der Spiegel thematisierte in seiner 23. Ausgabe im Jahr 1983 die neue Infektion: „AIDS: Eine Epidemie, die erst beginnt“ und „Wie die Pest – In den USA grassiert eine ,–Epidemie der Furcht‘ vor der Homosexuellenkrankheit AIDS; ihre Opfer werden behandelt wie Aussätzige.“

Eine Erinnerung aus der Zeit als Assistent auf der Infektionsstation

Prof. Dr. med. Santiago Ewig, heute ein renommierter Infektiologe und Leiter eine der größten pneumologischen Kliniken im Ruhrgebiet, beschreibt eindrucksvoll seine Erfahrung mit den ersten AIDS-Patienten [20]: „Die Infektionsstation war zweigeteilt; im vorderen Teil lagen Patienten mit Tuberkulose, im hinteren die mit HIV-Infektion beziehungsweise AIDS. Die Plage vergangener Jahrhunderte lag Tür an Tür mit der neuesten Plage der Gegenwart. Eine antivirale Therapie war noch nicht verfügbar; die Patienten bildeten das ganze Lehrbuch von Infektionen unter schwerer Immunsuppression vor unseren Augen aus. Eines Abends, ich hatte Dienst auf Station, kam ich in die Stationsküche und fand unsere Stationsschwester und einige unserer HIV-Patienten bei der Vorbereitung eines Abendessens. Jeder machte sich auf seine Weise nützlich. So der Patient, der sich gerade von einer Pneumonie erholte, aber noch kurzatmig war, so auch der arme Patient mit disseminiertem Kaposi-Sarkom, einer Infektion mit tumoröser Manifestation, die sein Gesicht monströs ödematös verstellte, so einige andere mehr, Gezeichnete, Drogenabhängige, Stricher. Ich wurde eingeladen, am Abendessen teilzunehmen. Ich gebe zu, ich spürte eine spontane innere Hemmung, mich mit dieser Gruppe gemein zu machen. Ich überwand diese aber rasch und kam dazu. Das Abendessen wurde zu einem Markstein in meiner medizinischen Ausbildung. Der Abstand von Arzt und Schwester, Arzt und Patienten war gebrochen, das Teilen gemeinsamer Schüsseln mit Schwerstkranken und Gezeichneten erzeugte eine Stimmung des Gleichklangs, die eine Leichtigkeit und Heiterkeit zur Folge hatte, wie ich sie im Krankenhaus noch nie vorher erlebt hatte.“

Hans Halter, ein deutscher Medizinjournalist, Dermatologe und ehemaliger Spiegel-Autor, hat im Jahr 1982 als erster deutschsprachiger Journalist über die Immunschwächekrankheit AIDS hierzulande berichtet und ebenfalls 1984 das erste Buch mit dem provokanten Titel „Todesseuche AIDS“ herausgegeben. Im Vorwort schrieb er: „Als dunkler Schatten zieht sie herauf, eine heimtückische und grausame Krankheit: AIDS. Der erworbene Mangel an Abwehrkraft, vor einigen Jahren noch gänzlich unbekannt, entwickelt sich zu einer weltweiten Seuche. Tausende sind schon an ihr gestorben, Millionen angesteckt. Angst geht um, Angst vor einer Krankheit, die schlimmer ist als Krebs und Herzinfarkt, Pocken, Pest und Cholera. Wer daran erkrankt, der muss nicht sterben. AIDS jedoch lässt niemand eine Chance: Bei wem die Krankheit ausbricht, der ist des Todes. AIDS bedroht (in unterschiedlichem Maße) jeden einzelnen und die Gesellschaft insgesamt.“ Das Buch hat eine düstere Zukunft heraufbeschworen; obwohl es in erster Linie über die medizinischen, aber auch die gesellschaftlichen und persönlichen Facetten der Krankheit in der Bevölkerung informieren wollte [26]. Jeder, der es las, bekam es mit der Angst zu tun.

Wolfgang Schad, ein Pädagoge der Rudolf-Steiner-Schule, hat die AIDS-Seuche seinerzeit sehr prägnant beschrieben [4]: „Die Eigenart der AIDS-Massenerkrankung lässt sich dadurch kennzeichnen, dass nicht wie bei der ,Hunnenfurcht‘ (Anm.: worunter eine archaisch, anmutende unterbewusste Bedrohung durch das alttestamentarische Bild der Menschheitsplagen, das heißt eine Weltuntergangsstimmung verstanden wird)  die leibliche Grundlage des emotionalen Menschen untergraben wird, sondern die leibliche Grundlage der geistigen Individualität des einzelnen selbst.“ Hierzu muss aber auch angemerkt werden, dass hochrespektable Infektiologen weltweit AIDS seinerzeit mit der Pest im Mittelalter durchaus verglichen. AIDS bringt die sexuelle Verdorbenheit der ganzen Gesellschaft zum Vorschein, so schlussfolgerte sogar ein renommierter Hamburger Hygieniker die Situation. Im Unterschied zu den damaligen epidemischen Infektionskrankheiten, wie der Pest, Fleckfieber, Cholera, Influenza, Tuberkulose, um nur einige aufzuführen, erwirbt beziehungsweise infiziert man sich aber an AIDS nicht so einfach wie die aufgeführten – als „gemeingefährlich“ bezeichneten – Infektionskrankheiten! „AIDS bekommt man nicht, AIDS holt man sich“! AIDS ist im medizinischen Sinn eine Geschlechtskrankheit, obwohl die Übertragung auch durch Nadelstichverletzung oder durch Blut oder Gerinnungskonzentrate möglich gewesen ist; was aber heute eine absolute Seltenheit darstellt [5, 8, 9–19, 27].

„So sind auch die Seuchen natürliche oder künstliche, je nachdem ob die Veränderung der Lebensbedingungen von selbst, durch Naturereignisse oder künstlich durch die Lebensweise eintritt. Die künstlichen Seuchen sind Attribute der Gesellschaft . . .“

Rudolf Ludwig Carl Virchow

Paradigmenwandel in der Gesellschaft

Hier hat sich unsere Gesellschaft gegenwärtig zum Positiven hin gewandelt. Dank gilt besonders der Deutschen Aidshilfe und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) für ihre intensive Aufklärung in den letzten Jahrzehnten. Im Jahr 1987 wurde in Deutschland die BZgA vom Bundesministerium für Gesundheit mit der Konzeption und Durchführung der breitenwirksamen Präventionskampagne „Gib AIDS keine Chance“ beauftragt (Abbildung 1).