Intensiv- und Notfallmediziner

COVID-19: Steigende Infektionszahlen differenziert betrachten

Vor dem Hintergrund der aktuell steigenden COVID-19-Infektionszahlen empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) eine differenzierte Betrachtung des Infektionsgeschehens.

Intensivmediziner

Die Intensivmediziner fordern die fortgesetzte Disziplin bei der Einhaltung der AHA-Regeln: A für Abstand halten (mindestens 1,5 m), H für Hygiene beachten (Hust- und Nies-Regeln, Händewaschen) und A für Alltagsmasken tragen. | Kzenon - stock.adobe.com

„Damit es nicht zu Überlastungen in der medizinischen Versorgung kommt, ist die Auslastung der Intensivbetten in den nächsten Monaten ein entscheidender Faktor“, so Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis, kommender Präsident der DGIIN. „Die Zahl der steigenden Infektionen müsse immer im Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Intensivbetten betrachtet werden. Gerade in den Wintermonaten sind die Intensivkapazitäten oft bereits durch andere intensivpflichtige Patienten angespannt“, so Prof. Dr. med. Uwe Janssens, Generalsekretär der DGIIN. Ein weiterer entscheidender Faktor ist nach Ansicht der Experten das Infektionsgeschehen in der Gruppe der über 50- bis 60-jährigen Patienten.

Experten mehrerer Fachgesellschaften haben aktuelle Empfehlungen zur intensivmedizinischen Therapie von Patienten mit COVID-19 veröffentlicht.

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„Unsere epidemiologische Arbeit, in der wir 10.000 COVID-Fälle im Zeitraum der ersten Welle analysiert haben (Karagiannidis et al, Lancet Respiratory Medicine July 2020), hat sehr deutlich gezeigt, dass es hinsichtlich der Versorgungskapazitäten entscheidend darauf ankommt, wie viele ältere Patienten sich infizieren“, so Karagiannidis, der auch Leitender Oberarzt und Leiter des ECMO Zentrums an der Lungenklinik Köln-Merheim ist. Die DGIIN empfiehlt deshalb eine differenzierte Betrachtung des Infektionsgeschehens. „Die Hauptlast der COVID-Erkrankungen auf den Intensivstationen entfällt auf die Altersgruppe der über 50-60-Jährigen. Deshalb ist es in der öffentlichen Wahrnehmung dringend notwendig, die Gesamtzahl an Infektionen den Infektionszahlen der Gruppe der über 50- bis 60-Jährigen gegenüberzustellen und diese Entwicklung genau zu beobachten“, erklärt Karagiannidis, der auch wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters ist.

Mehr Routine in der Behandlung von COVID-19

„Insgesamt stehen wir in den deutschen Kliniken deutlich besser da als während der ersten Welle“, so Karagiannidis. Dies läge zum einen daran, dass mehr Routine in der Behandlung von COVID-19 eingekehrt sei und die Ärzte inzwischen durch aktuelle Forschungsergebnisse besser wüssten, worauf sie etwa mit Blick auf die Gefahr von Thrombosen achten müssten. „Zudem stehen uns aktuell und zukünftig mit den Medikamenten Remdesivir, Cortison und der passiven Immunisierung neue Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, die es zu Beginn so nicht gab“, erläutert der Intensivmediziner weiter. „Wichtig ist aber: Wir können auf keinen Fall sagen, ob die Krankheit milder verläuft. Es erkranken derzeit sehr viel mehr jüngere Patienten als in der ersten Welle, phasenweise lag das Durchschnittsalter der Infizierten fast 20 Jahre unter dem Durchschnittsalter der Infizierten der ersten Welle. Junge Patienten erkranken an COVID-19 grundsätzlich weniger häufig schwer“, so der Experte.

Janssens, Generalsekretär und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St. Antonius-Hospital Eschweiler sagt: „Bei aller Sorge angesichts der aktuell deutlich zunehmenden Infektionszahlen ist das deutsche Gesundheitssystem aber völlig anders aufgestellt als zu Beginn der Pandemie im März 2020“. Hygieneregeln und der Umgang mit Verdachtspatienten oder nachweislich infizierten Patienten sind nach Ansicht des Experten sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich bestens eingeübt. Das DIVI-Intensivregister gibt täglich eine umfassende Auskunft über die verfügbaren Bettenkapazitäten in allen Regionen Deutschlands.

Einhaltung der AHA-Regeln gefordert

Die DGIIN fordert auch ausreichend Schutzausrüstung für das Personal ein: „Auch wenn derzeit ausreichend Masken, Handschuhe, Schutzkittel und weitere Bestandteile der persönlichen Schutzausrüstung vorhanden sind, muss dieser Punkt dringend im Auge behalten werden. Eine ausreichende und qualitativ hochwertige Schutzausrüstung sollte überall für das Personal im ambulanten wie auch im stationären Bereich zur Verfügung stehen“, so Janssens.

Wichtig erscheint dem Experten aber die fortgesetzte Disziplin bei der Einhaltung der AHA-Regeln: A für Abstand halten (mindestens 1,5 m), H für Hygiene beachten (Hust- und Nies-Regeln, Händewaschen) und A für Alltagsmasken tragen. Janssens zeigt Unverständnis für das Verhalten einer Partei im Deutschen Bundestag, welche sich nicht an die Maskenpflicht im Bundestag hält: „Damit wird gegenüber der Öffentlichkeit ein völlig falsches Zeichen für diesen nachweislich wichtigen Bestandteil der Infektionsprävention gesetzt. Wir verurteilen dieses Verhalten auf das Schärfste und fordern die verantwortlichen Politiker auf, einen Mund-Nasen-Schutz zum Eigenschutz, aber auch zum Schutz anderer zu tragen! Das Signal, das von diesem Verhalten ausgeht, ist verheerend und rein politisch motiviert.“

Quelle: DGIIN, 08.10.2020