Studie

COVID-19: Neurologische Krankheiten sind prognosebestimmend

Eine erhebliche Belastung für die Betroffenen

„Aber eine Rate von schwerwiegenden neurologischen Komplikationen von 13 % ist erschreckend hoch, letztlich bedeutet dies, dass jeder siebte bis achte Patient betroffen ist“, erklärt Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Für die Betroffenen ist dies eine erhebliche Belastung, weil die neurologischen Begleiterkrankungen eine klare Implikation für die Prognose haben, wie die vorliegende Arbeit zeigt.“

Die Autoren verglichen das Outcome der Patientinnen und Patienten mit neurologischen Begleiterkrankungen mit dem Outcome derjenigen ohne neurologische Manifestationen. Verglichen mit diesen waren die neurologisch Betroffenen älter (im Median 71 vs. 63 Jahre alt), häufiger männlichen Geschlechts (66 % vs. 57 %) und weißer Hautfarbe (63 % vs. 45 %).

Indikator für den Schweregrad der COVID-19-Erkrankung

Doch auch nach Herausrechnen dieser und weiterer Risikofaktoren, also Adjustierung nach Alter, Geschlecht, SOFA-Score („Sepsis-related Organ Failure Assessment”), Intubation und Vorerkrankungen, hatten COVID-19-Patientinnen und -Patienten mit neurologischen Begleiterkrankungen ein um 38 % höheres Risiko, im Krankenhaus zu versterben (p < 0,001) und eine um 28 % geringere Wahrscheinlichkeit, nach Hause entlassen werden zu können (p < 0,001).

„Die hier erfassten neurologischen Manifestationen sind ein Indikator für den Schweregrad der COVID-19-Erkrankung. Mit zunehmendem Wissen um die Pathogenese dieser meist sekundär entstehenden neurologischen Krankheitsbilder wird eine gezielte Behandlung einzelner Manifestationen möglich. Daher sollte bei der intensivmedizinischen Versorgung schwer erkrankter COVID-19-Patientinnen und -Patienten neurologische Expertise vorhanden sein“, erklärt Prof. Berlit und verweist auf die Leitlinie „Neurologische Manifestationen bei COVID-19“ [4].

Neurologische Screenings sind erforderlich

Der Experte leitet aus der neuen Studie [1] noch eine weitere Erkenntnis ab: Sekundär wurde erhoben, welchen Einfluss der Zeitpunkt des Einsetzens neurologischer Beschwerden auf die Mortalität hat. Es zeigte sich, dass Patientinnen und Patienten, bei denen sich neurologische Begleiterkrankungen erst nach der Aufnahme ins Krankenhaus einstellten, eine sehr viel schlechtere Prognose hatten als die, bei denen sie bereits vor oder zum Zeitpunkt der Aufnahme vorlagen.

„Das bedeutet, dass wir bei hospitalisierten COVID-19-Patientinnen und -Patienten neurologische Screenings durchführen müssen, damit wir eine schwerwiegende neurologische Komplikation frühzeitig erkennen und behandeln können. Gerade bei schwerstkranken, beatmeten Patientinnen und Patienten können solche Diagnosen ansonsten übersehen werden und zur hohen Mortalität der Betroffenen beitragen.“

 

Literatur:

[1] Frontera JA, Sabadia S, Lalchan R et al. A Prospective Study of Neurologic Disorders in Hospitalized COVID-19 Patients in New York City. Neurology October 5, 2020, DOI: doi.org/10.1212/WNL.0000000000010979
[2] Helms J, Kremer S, Merdji H et al. Neurologic Features in Severe SARS-CoV-2 Infection. NEJM, April 15, 2020. DOI: 10.1056/NEJMc2008597
[3] Liotta E, Batra A, Clark JR et al. Frequent neurologic manifestations and encephalopathy‐associated morbidity in Covid‐19 patients. Annals of Clinical and Translational Neurology. First published: 05 October 2020. https://doi.org/10.1002/acn3.51210
[3] Berlit P. et al., Neurologische Manifestationen bei COVID-19, S1-Leitlinie, 2020, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030144l_S1_Neurologische_Manifestationen_bei_COVID-19_2020-08.pdf


Quelle: DGN, 03.11.2020