Psychosomatische Medizin

Coronavirus: Zahlreiche psychosoziale Folgen

Das Coronavirus hat auch psychosoziale Folgen - Angstzustände, Depressionen, Schlafprobleme. Das geht aus einer Umfrage in China hervor.

DCAPP

Solidarität unter Mediziner/innen aus der Psychiatrie und Psychosomatischen Medizin: DCAPP-Projektpartner Prof. Zhao Xudong (ganz links im Bild) schickt drei Mitarbeiter zur Unterstützung aus Shanghai nach Wuhan. | DCAPP

Expertenwissen aus dem Bereich der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie ist in China derzeit sehr gefragt. Aufgrund der Corona-Pandemie stehen dort Millionen von Menschen unter Quarantäne; in der Stadt Wuhan sind es allein elf Millionen. Gerade zu Beginn der Epidemie waren die Ressourcen für die medizinische Versorgung knapp und die Krankheitsverläufe schwerwiegend. Die chinesische Bevölkerung, betroffene Patientinnen und Patienten, Angehörige und insbesondere das eingebundene medizinische Personal müssen mit extremen Emotionen von Panik, Schock, Verwirrung, Wut, Trauer, Schuld und Hilflosigkeit umgehen. Diese akute Krisensituation führt zu vielen psychosomatischen und psychologischen Beschwerden. Auch diese müssen im Krisenmanagement adressiert werden.

Der gegenwärtige Ausbruch der Coronavirus-assoziierten akuten Atemwegserkrankung namens Coronavirus-Krankheit 19 (COVID-19) beziehungsweise SARS-CoV-2 ist der dritte dokumentierte Ausbruch eines tierischen Coronavirus auf den Menschen in nur 2 Jahrzehnten. Die Infektion mit dem neuen Coronavirus stellt eine Bedrohung für die Weltgesundheit der Bevölkerung dar.

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Das Alumnifachnetz für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag. Seit zweieinhalb Jahren fördern Expertinnen und Experten der Heidelberger und Freiburger Universitätskliniken gemeinsam mit ihren chinesischen Kooperationspartnerinnen und -partnern (am Shanghai East Hospital, Tongji University, an der West China Sichuan University in Chengdu und am Peking Union Medical College Hospital) den Aufbau der in China noch sehr vernachlässigten Disziplinen Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an chinesischen Lehrkrankenhäusern und Universitäten und leisten damit Pionierarbeit.

Auswertung von 2.144 Hotline-Anrufen

Prof. Zhao Xudong, Leiter des Pudong Mental Health Centers in Shanghai, ist einer der DCAPP-Projektpartner. Gemeinsam mit anderen Kollegen leitete er eine Krisensitzung zur psychischen Belastung der Bevölkerung im Zuge der Ausbreitung des Coronavirus. Aus den Ergebnissen hat das Nationale Gesundheitskomitee Chinas bereits Leitlinien zur „psychologischen Versorgung der in Not befindlichen Bevölkerung“ erarbeitet. Außerdem entsandte sein Team kürzlich drei Psychiater zur Unterstützung nach Wuhan, darunter auch einen Teilnehmer der DCAPP-Mentorengruppe, einem Weiterbildungsprogramm für Nachwuchswissenschaftler in der Psychosomatischen Medizin.

Dr. Li Wentian, ebenfalls Teilnehmer der DCAPP-Mentorengruppe und Abteilungsleiter für klinische Psychologie am Mental Health Center in Wuhan, ist mitverantwortlich für den psychologischen Dienst in Wuhan, dem Ursprungsort des Virus. sowie dem überlasteten medizinischen Personal zur Verfügung gestellt. Koordiniert werden diese Maßnahmen vom Regierungskomitee für Gesundheit und dem Komitee für Psychologisches Counselling und Psychotherapie. Li Wentian analysierte kürzlich erste statistische Daten seines psychologischen Dienstes in der Stadt Wuhan und teilte diese Informationen mit den DCAPP-Mitgliedern. Ausgewertet wurden 2.144 Hotline-Anrufe im Zeitraum vom 4. bis 20. Februar 2020, mit folgendem Befund:

Emotionaler Stress

Unter den Anrufern hatten 47,3 % Angstzustände, 19,9 % Schlafprobleme, 15,3 % somatoforme Symptome, 16,1 % depressive Symptome und 1,4 % andere emotionale Zustände (wie Einsamkeit, Müdigkeit und Unruhe). 39 % der Anruferinnen und Anrufer suchten Unterstützung bei der Bewältigung von Aufgaben des alltäglichen Lebens (unter anderem Einkaufen, Verkehr, Umgang mit einer medizinischen Diagnose und Behandlung und Erwerb von Schutzmasken). 19,6 % berichteten von Angst, Unruhe und Schlaflosigkeit, die durch Medienberichte über die Epidemie und die Reaktion der Gesellschaft verursacht wurden. 15,7% berichteten über Panik, ein Engegefühl in der Brust und körperliche Symptome ohne Verdacht auf eine Lungenentzündung (somatoforme Symptome). 4,3 % hatten Symptome einer Lungenentzündung vermutet und waren besorgt über eine mögliche Infektion. 21,4% hatten andere psychosoziale Probleme (wie zwischenmenschliche Konflikte in der Familie und Probleme am Arbeitsplatz).

Der emotionale Stress kann sich auch in Form von körperlichen Beschwerden, wie Herzklopfen, Atemnot, Engegefühl in der Brust, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Kopfschmerzen, Einschlafstörungen und Albträumen äußern. Das Ausmaß der langfristigen psychosozialen Folgen des weltweit verbreiteten Coronavirus wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. In den letzten Monaten seit Ausbruch des Virus in China hat das DCAPP-Projekt enge fachliche Zusammenarbeit mit den chinesischen Kollegen gepflegt. Das Alumni-Fachnetzwerk dient in diesem Rahmen als Plattform und Infrastruktur, um Kompetenz und Fachwissen rasch auszutauschen und weiterzugeben, Kontakte zu vermitteln und Kooperationen zu initiieren. Nun, da sich das Epizentrum der Pandemie nach Europa verschoben hat, sind diese unmittelbaren Erfahrungen nicht nur für die chinesischen Fachnetzmitglieder, sondern auch für ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen relevant. Die Arbeit des Fachnetzes ist wichtiger denn je.

Quelle: DCAPP,17.03.2020