Vorbild aus den Niederlanden

Buurtzorg

Die von Jos de Blok ins Leben gerufene Pflegeorganisation Buurtzorg ist inzwischen weltweit expandiert, unter anderem auch nach Deutschland.

Buurtzorg

© Donald Trung Quoc Don – Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Jos de Blok ist ein viel beschäftigter und gefragter Mann. Schließlich ist die von ihm ins Leben gerufene Pflegeorganisation Buurtzorg inzwischen weltweit expandiert, unter anderem auch nach Deutschland. Deshalb war es de Blok ein Anliegen, das Modell Buurtzorg auch hierzulande auf dem Europäischen Gesundheitskongress Ende letzten Jahres in München vorzustellen.

Doch zuvor ein Blick zurück: Bereits Ende der 1960er-Jahre wurde in den Niederlanden das „Algemene Wet Bijzondere Ziektekosten“ (Allgemeines Gesetz für besondere Krankheitskosten, AWBZ) eingeführt. Diese Pflegeversicherung wird, wie Andreas Heiber und Oliver Weiße in „Häusliche Pflege“ (Heft 5/2018) berichten, „aus einkommensabhängigen Prämien sowie staatlichen Zuschüssen finanziert und stellt die Versorgung mit Pflege- und Betreuungsleistungen sicher, teilweise mit einkommensabhängigen Eigenanteilen.“ Der Zugang zu den Leistungen erfolge durch eine Einstufung durch sogenannte Assessment-Zentren, die Beauftragung von Dienstleistern durch regionale AWBZ-Zentren. Faktisch sei es dadurch zu einer sehr kleinteiligen und zergliederten Auftragsorganisation und Abwicklung gekommen und führte de Blok zufolge zu einer „schlechteren Qualität, höheren Kosten und falschen Anreizen. Aufgrund der demografischen Entwicklung kam es zu Kapazitätsproblemen und zu einer immer größeren Unzufriedenheit des Pflegepersonals.“

Jos de Blok stellte Buurtzorg auf dem Europäischen Gesundheitskongress in München vor. | © WISO/Wolf

De Blok hat die Versorgung von Pflegebedürftigen unter dem Motto „Keep it small – keep it simple“ grundlegend geändert. Er berichtete, dass zunächst die Patienten dahingehend befragt werden, wie sie selbst dazu beitragen können, ihre Unabhängigkeit zu erhalten oder wiederzuerlangen. Beim zweiten Schritt geht es dann um die Nachbarschaft (Buurtzorg). Familienangehörige, Nachbarn und Freunde werden in die Betreuung miteinbezogen. Der nächste Schritt umfasst die tatsächlichen pflegefachlichen Tätigkeiten, die vom zuständigen Buurtzorg-Team geleistet werden. Als vierter Schritt erfolgt der Aufbau, die Pflege und die Koordination eines stabilen verlässlichen formalen Netzwerkes bestehend aus Hausarzt, Spezialisten (zum Beispiel Physiotherapeuten), Apotheke, Krankenhaus sowie gegebenenfalls anderen lokalen und überregionalen Diensten (beispielsweise Dialyse), die Patienten in Anspruch nehmen. Damit die Patienten nicht überfordert werden, stehen ihnen maximal zwei Pflegekräfte für alle Aktivitäten zur Verfügung, die rund um die Uhr erreichbar sind. Die Pflegeteams kennen die Patienten und Pflegetouren in ihrem Einzugsgebiet und können sich gegenseitig vertreten. Auf diese Weise entsteht für alle Patienten ein Netzwerk von Helfern und Helferinnen, auf das sie sich verlassen können und das zugleich Angehörige entlastet. Dabei wird ein ständiger Wechsel der Pflegekräfte vermieden, was auf beiden Seiten zu Sicherheit und Vertrauen führt. Ein wichtiger Faktor des Erfolgs ist, so de Blok, die weitgehende Eigenverantwortlichkeit der Pflegeteams, die aus hochqualifizierten Fachkräften, oft sogar mit Bachelorabschluss, bestehen. Diese selbstständigen Gruppen von bis zu zwölf Pflegekräften sind verantwortlich für die Organisation des gesamten Pflegeprozesses. „Es gibt bei uns keine Hierarchien und keine Vorgesetzten“, betont de Blok. Die Teams arbeiten außerdem ortsgebunden, um lange Fahrten zu vermeiden. Der Kern der Arbeitsweise: Die Pflegekräfte kalkulieren gemeinsam mit dem Patienten, wie viel Zeit nötig ist, damit er gut versorgt ist. Abgerechnet wird stundenweise, nicht nach Einzelleistungen. Es war de Blok außerdem wichtig, den bürokratischen Aufwand soweit wie möglich zu minimieren. Deshalb nutzen die Teams die soziale Netzwerkplattform von buurtzorgweb, ein IT-System, das von der Organisation zusammen mit Pflegekräften entwickelt wurde. Jede Pflegekraft hat ein Tablet zur Verfügung, auf dem der Pflegeprozess dokumentiert wird. „Bei uns sind 50 Mitarbeiter, darunter 21 Coaches, aber null Manager in der Zentrale tätig. Die Zentrale kümmert sich um die unvermeidliche Bürokratie, sodass das Pflegepersonal damit nicht behelligt werden muss.“

Das Buurtzorg-Pflegekonzept

  • Ganzheitliche Einschätzung der individuellen Bedarfslage als Basis für einen entsprechenden Pflegeplan
  • Identifizierung, Einbeziehung und Vernetzung aller formellen und informellen Pflegepersonen
  • Erbringung von Pflege und Betreuung
  • Unterstützung des Patienten beziehungsweise der Patientin in seinen/ihren sozialen Rollen
  • Förderung der Selbstpflege und Selbstständigkeit

„Menschlichkeit vor Bürokratie“

Unter dem Slogan „Menschlichkeit vor Bürokratie“ hat sich Buurtzorg in den Niederlanden dann auch durchgesetzt. De Blok berichtete, dass die Kosten um bis zu 40 Prozent reduziert werden konnten, weil Buurtzorg auf mehr Prävention und eine kürzere Pflegeperiode setze. Das führe dann zu zufriedeneren Angestellten und Patienten. „Die Regierung sowie alle politischen Parteien in den Niederlanden regen inzwischen andere Pflegeorganisationen dazu an, nach dem Modell von Buurtzorg zu arbeiten“, sagte der Gründer der Organisation nicht ohne Stolz. Heute zählt der Dienst in den Niederlanden 14.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und deckt rund 80 Prozent des Marktes in der niederländischen Pflege ab. Buurtzorg wurde mehrfach zum besten Arbeitgeber des Jahres gewählt und hat zu einer starken Aufwertung der Pflegeberufe geführt. In zahlreichen Ländern und auch in Deutschland steigt das Interesse an dem Modell.

Das vollständige Interview mit Johannes Technau ist abrufbar unter https://www.mta-dialog.de/artikel/buurtzorg-ein-niederlaendisches-vorbild-in-der-pflege.html. | © privat

So gibt es in Westfalen inzwischen vier Teams, die ebenfalls eigenständig, selbstbestimmt, ohne Hierarchie und miteinander vernetzt tätig sind. Johannes Technau, Geschäftsführer von Buurtzorg Deutschland, betont im Interview mit MTA Dialog auch die gute Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsfachberufen. Er bedauert allerdings, dass die Rahmenbedingungen, die eine strikte Trennung von medizinischen, pflegerischen und sozialen Leistungen vorsehen, nicht optimal seien. „Und wir müssen zu einer besseren Bezahlung kommen, damit die Pflegekräfte wieder Zeit haben, sich ganzheitlich um den Patienten zu kümmern.“ Technau fordert, „dass wir wegmüssen von einem stark hierarchisch organisierten System hin zu einem System, das den Pflegedienstleistern ein gewisses Vertrauen entgegenbringt.“ Aber letztendlich „stehen wir in allen Bundesländern in gutem Kontakt mit den Krankenkassen und der Politik.“

Kommunikation als Grundlage für Gesundheitskompetenz

Wie lässt sich die Gesundheitskompetenz der Menschen verbessern, und welche Rolle können dabei die Gesundheitsberufe spielen? Dieser Frage ging die Jahrestagung der Fachberufe im Gesundheitswesen am 13. März in Berlin nach. Die Stärkung der Gesundheitskompetenz setzt Kommunikation voraus, stellten die Konferenzteilnehmer fest. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen, gekennzeichnet etwa durch Fachkräftemangel und schlechte Vergütung, sei das kaum möglich. Entscheidend sei, dass die Kommunikation mit den Patienten auf allen Ebenen des Gesundheitswesens einen höheren Stellenwert erhalte. Vor diesem Hintergrund forderte die Fachberufekonferenz eine Gesamtstrategie zur Kompetenzverbesserung, die auch die großen gesellschaftlichen Herausforderungen vom demografischen Wandel bis zur wachsenden Ungleichheit berücksichtigen müsse.

 

Entnommen aus MTA Dialog 4/2019