Brustscreening

Brust-MRT: Biopsien um 30 Prozent senken?

Die MRT der Brust ist manchmal „zu genau“, was eine weitere Abklärung (Biopsie) nötig macht und in manchen Fällen sogar zur sogenannten Überbehandlung führen kann. Ein Forschungsteam der MedUni Wien konnte nun für einen nichtinvasiven bildgebenden Biomarker weltweit erstmals einen Grenzwert bestätigen.

Grenzwert

Grenzwert für einen nichtinvasiven bildgebenden Biomarker | axel kock - Fotolia

Brustkrebs ist die häufigste tödliche Krebserkrankung bei Frauen. Eine rechtzeitige Früherkennung erhöht die Heilungschancen der Betroffenen. Die Magnetresonanztomografie (MRT) kann helfen, Tumoren des Brustgewebes zu erkennen und zu klassifizieren. Um die Überbehandlung zu verringern, konnten die Wissenschaftler/-innen für einen nichtinvasiven bildgebenden Biomarker weltweit erstmals einen Grenzwert bestätigen. Dieser kann ohne Zeitaufwand in kurze Standarduntersuchungen integriert werden und könnte laut Forscher/-innen die Rate der Biopsien nach MRT-Untersuchung um 30 Prozent senken. Da die Infrastruktur für diese Messung in allen radiologischen Einrichtungen in Österreich vorhanden sei, könne der Biomarker sofort flächendeckend zur Anwendung kommen.

Fehlalarm bei einer bis zwei von zehn Frauen

Die MRT zur Früherkennung bei erhöhtem Brustkrebsrisiko oder zur Komplettierung der Diagnostik bei unklarer Mammografie ist das akkurateste Verfahren zur Brustkrebsdetektion. Dies hat seinen Preis: Bei einer bis zwei von zehn Frauen kommt es zum Fehlalarm durch Veränderungen, die Brustkrebs in der MRT-Darstellung ähneln. Zur Diagnosestellung wird dann eine Biopsie des Brustgewebes vorgenommen, um sicherzustellen, dass kein Tumor vorliegt. Diese Gewebsentnahmen stellen für viele Frauen eine erhebliche psychische wie physische Belastung dar und verursachen darüber hinaus auch Kosten. Eine von der MedUni Wien geleitete multizentrische und multinationale Arbeitsgruppe konnte nun in einer Studie nachweisen, dass ein bestimmter Grenzwert (ADC) bei der diffusionsgewichteten Bildgebung (DWI) Aufschluss darüber gibt, ob der fraglichen Läsion eine Biopsie entnommen werden muss. Dadurch könnten künftig bis zu ein Drittel der unnötigen Gewebsentnahmen nach MRT vermieden werden.

Medizinische Physik

In welchem Maße die Bedeutung der Magnetresonanztomografie (MRT) für die molekulare Bildgebung wächst, zeigen aktuelle Erkenntnisse zur Hyperpolarisation in der MRT - einem physikalischen Effekt, mit dem auch in schwachen Magnetfeldern ein stärkeres MRT-Signal erzeugt werden kann.

 

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Läsionen viel besser charakterisieren

Bei der MRT-Brustkrebsvorsorgeuntersuchung wird die Durchblutung des Gewebes gemessen. Das Verfahren ist sehr genau, in manchen Fällen ist es allerdings schwer zu sagen, ob entdeckte Knoten bösartig sind, oder ob das Gewebe nur besonders dicht und daher gut durchblutet ist. Ein zweites MR-Verfahren, die DWI, stellt die Bewegung von Wassermolekülen in Strukturen dar und kann sie durch den Diffusionskoeffizienten (ADC) auch objektiv messen. Das Studienteam führte nun anschließend an die herkömmliche MRT noch eine DWI durch.

Paola Clauser, Universitätsklink für Radiologie von MedUni Wien und AKH Wien, Mitglied des Comprehensive Cancer Center (CCC) der beiden Einrichtungen und Erstautorin der Studie: „Mit Hilfe der DWI können wir Läsionen viel besser charakterisieren. Denn: Im gesunden Gewebe ‚tanzen‘ die Wasserstoffmoleküle schneller als bei bösartigen Tumoren. Karzinome weisen eine hohe Zelldichte auf und hindern die Wassermoleküle bei ihrer Bewegung. Wir konnten nun belegen, dass wir Brusttumoren, wenn der Grenzwert (ADC) größer gleich 1,5+10-3 mm2/s ist, nicht biopsieren müssen.“

Untersuchung: Nur drei Minuten länger

Die DWI dauere maximal drei Minuten, verbessere aber die Diagnose erheblich. Pascal Baltzer, Universitätsklink für Radiologie von MedUni Wien und AKH Wien, Mitglied des CCC und Studienleiter sagt: „In dieser multizentrischen Studie ist es uns mit diesem Grenzwert gelungen, einen objektiven, standardisierten Biomarker zu etablieren. Er ist überall anwendbar, weil er weitgehend vom Gerät, der Erfahrung der Radiologen/-innen, der Messzeit oder dem Messverfahren unabhängig ist.“ Die DWI ist in der Diagnose von Schlaganfällen bereits lange etabliert und erfreut sich auch in der Tumordiagnostik steigender Beliebtheit. Jede radiologische Einrichtung ist daher in der Lage, sie durchzuführen. Baltzer fährt fort: „Unsere Erkenntnis ist diagnostisch sofort verwertbar. Dafür braucht es kein Spezialzentrum – jede niedergelassene Radiologieambulanz könnte sie sofort nutzen.“

Ziel ist die Verbesserung des jetzt etablierten Standards

Studienleiter Baltzer beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren intensiv mit der Fragestellung, ob die Diffusion im Tumor reduziert ist und ob und wie dies messbar gemacht werden kann. Dies gilt auch für den oben genannten ADC-Grenzwert. Thomas Helbich, Universitätsklinik für Radiologie von MedUni Wien und AKH Wien, CCC-Vorstandsmitglied und Forschungsgruppenleiter dazu: „In dieser Erkenntnis steckt über eine Dekade an Forschungsarbeit. Wir haben das Verfahren am Haus etabliert, beforscht, verfeinert, evaluiert und dazu unzählige Studien publiziert. Aber erst in dieser Arbeit ist es uns gelungen, den Grenzwert eindeutig zu beweisen und festzumachen. Das nächste Ziel ist die Verbesserung des jetzt etablierten Standards und damit eine mögliche weitere Reduktion der Biopsien.“

 

Literatur:

Paola Clauser, Barbara Krug, Hubert Bickel, et al.: Diffusion-weighted imaging allows for downgrading MR BI-RADS 4 lesions in contrast-enhanced MRI of the breast to avoid unnecessary biopsy. Clinical Cancer Research, 2021 Jan 14; clincanres.3037.2020, DOI: 10.1158/1078-0432.CCR-20-3037.

 

Quelle: MedUni Wien