Buchbesprechung

Bereit für das nächste Mal

Die Erkrankung COVID-19, verursacht durch das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2), breitet sich in vielen Ländern weiter aus. Die Autoren beschreiben, mit welchen Herausforderungen man vor und während der Coronakrise konfrontiert war und wie wir unser Gesundheitssystem jetzt umbauen müssen.

Bereit für das nächste Mal

Ein Masterplan mit vielen wissenswerten Details über unsere medizinische Versorgung wird in dem Buch thematisiert.

Bei vielen schwer erkrankten Menschen muss mit einer im Verhältnis zu anderen schweren akuten respiratorischen Infektionen längeren intensivmedizinischen Behandlung mit Beatmung und anderen invasiv medikotechnischen Interventionen therapiert werden. Selbst gut ausgestattete Gesundheitsversorgungssysteme wie das in Österreich und auch in Deutschland können hier schnell an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen, wenn sich die Zahl der Erkrankten durch längere Liegedauern mit Intensivbehandlung aufaddiert.

Das SARS-CoV-2-Virus hat uns die Grenzen der Gesundheitssysteme in Italien, Frankreich, Spanien, den USA und anderen gezeigt. Was müssen wir daraus lernen, um vor der nächsten Pandemie geschützt zu sein? Pandemien treten in regelmäßigen Abständen auf. Trotzdem gab es keinen Plan, schreiben die Herausgeber einleitend. Eine kritische Bewertung der aktuellen Medienberichterstattung kommt in dem Buch nicht zu kurz: Zu viele Theorien, zu viele Experten, zu viele Berichte, Memes und Fake News sowieso. Die Lombardei als beunruhigendes Exempel. Es wird nicht verglichen mit Toten der anderen Regionen, sondern immer die Lombardei, die nur 676 Intensivbetten auf 10 bis 15 Millionen Einwohner hat. Im Unterschied zu 2.500 Intensivbetten in Österreich auf 8 Millionen Einwohner. Wir können und dürfen den Schrecken, der in Italien und auch in den USA – besonders in New York – passiert ist, nicht mit Österreich oder Deutschland vergleichen. Während der Hochphase von „Corona“ im März und April gab es weder in Österreich und auch nicht in Deutschland eine Situation, die das System derart überlastet hätte, dass Ärzte gezwungen gewesen wären, in der Hast und aufgrund von Ressourcenknappheit jemanden sterben zu lassen, obwohl der Patient eine Chance gehabt hätte zu überleben. Unsere Kliniken haben höhere Standards, was Hygiene und Notfalleinsätze betrifft. Wir sind schlicht und ergreifend besser aufgestellt. Eine absolut wichtige Kernaussage des Buches, die die öffentliche Berichterstattung oft nicht erwähnt.

Der Intensivmediziner Prof. Dr. med. Rudolf Likar schreibt gemeinsam mit dem Geriater Prof. Dr. med. Georg Pinter und dem Gesundheitspsychologen Prof. Dr. Herbert Janig, alle im Klinikum Klagenfurt in Österreich ansässig, mit welchen Herausforderungen man vor und während der Coronakrise konfrontiert war und wie wir unser Gesundheitssystem jetzt auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene umbauen müssen. Jeder Einzelne muss Vorsorge ergreifen, das heißt Selbstverantwortung für sein Leben zu übernehmen. Wir leben in einem Gesundheitssystem, das die Reparaturmedizin fördert. Wie bei einem Auto. Wenn ein Teil kaputt ist, geht man zum Arzt oder ins Spital und erwartet, dass es schnell und bestmöglich repariert wird. Die Denke muss sich komplett ändern. In Zeiten von COVID gibt es das beste Heilmittel längst schon: das eigene Immunsystem. Alles hängt davon ab, wie stark das eigene Immunsystem ist. Besonders alte Menschen und Immungeschwächte müssen schwere, ja lebensbedrohliche Corona-Erkrankungen befürchten, weil ihre Abwehr so porös ist wie ihre Knochenstruktur. Ein sehr nachdenkliches Kapitel mit praktischen Hinweisen, was jeder Einzelne auch beherzigen sollte, um sich zu schützen. Wichtig ist es den Autoren, dass man langsam wieder zurückgeht in einen abgestuften Normalbetrieb, unter Einhaltung der Hygienestandards, und leben lernt mit Corona. Selbst wenn es eine Impfung gegen das Virus SARS-CoV-2 gibt, können nicht alle geschützt werden. Jedes Hospital oder zumindest jede Region sollte Infektionsstationen bekommen mit Kapazitäten vom Normal- bis zum Intensivbett. Durch die Ausbildung von COVID-Ärzten beziehungsweise Infektiologen und Virologen müsse man auch Personalressourcen aufbauen. Die in der Krise besonders betroffenen Altenheime sollten mit Isolationsräumen beziehungsweise Influenzabetten ausgerüstet werden, in denen ansteckende Patienten betreut werden können. „Man kann alte Menschen nicht sieben, acht Wochen isolieren“, betonen die Autoren. Es dürfe auch nicht mehr sein, dass Palliativteams der Zutritt verwehrt wird, aus Angst, dass sie Coronaviren ins Heim tragen. Ein Frühwarnsystem – ob bundes- oder EU-weit – müsse Infektionsströme beobachten. Österreich brauche auch endlich einen Pandemieplan und müsse Lager aufbauen, damit Schutzmasken und -kleidung, Handschuhe und Desinfektionsmittel in ausreichendem Maß abrufbar sind; gleiches gilt auch für Deutschland. Auch jede Hausarztpraxis brauche Material für drei Wochen. Die Hausärzte müssten aufgewertet werden. Zudem sollte die Telemedizin ausgebaut werden.

Ein Masterplan mit vielen wissenswerten Details über unsere medizinische Versorgung wird in dem Buch thematisiert. Das Werk kann gerade in der aktuellen Pandemie Angst durch kompetentes Fachwissen abbauen. Angst führt unter anderem zu Immunschwäche. Ich bin von diesem Buch sehr angetan, da viele Blickwinkel uns in die richtige infektiologische Zukunft führen. Besonders hervorzuheben ist, dass das Werk in einem belletristischen, leicht verständlichen Schreibstil verfasst worden ist, eine Gratulation an die Mitwirkenden. Ein wertvolles Werk für die Gesamtheit. Politiker und die Medien, die ja seit Monaten Tag für Tag über COVID-19 berichten, erfahren eine andere Denkweise. Das Virus gibt schließlich der Natur und auch uns Menschen neue Chancen. Ergreifen wir sie. Das vorliegende Buch kann erheblich dazu beitragen, diesen Wunsch zu realisieren.

Bereit für das nächste Mal – Wie wir unser Gesundheitssystem ändern müssen.
Von: Rudolf Likar, Georg Pinter, Herbert Janig; edition a, 2020, ISBN: 978–3990014226, Preis: 22 Euro

 

Entnommen aus MTA Dialog 8/2020