Dr. Rainer Jund über Empathie

"Auch ein Arzt bleibt immer Patient"

Im Klinikalltag werden Ärzte mit extremen Schicksalen und Emotionen konfrontiert. Mit "Tage in Weiß" hat der HNO-Arzt Dr. Rainer Jund seine Erfahrungen in einem literarischen Buch verarbeitet. Im Zentrum steht das Spannungsfeld zwischen Empathie und professioneller Rationalität.

Jund

„Die letzte Instanz war ich. Mein Handwerk entschied. Wenn ich jetzt versage, stirbt ein Kind. Eine Situation, die theoretisch als Arzt vorstellbar, praktisch jedoch nie greifbar ist.“ Diese Gedanken gehen Junds Ich-Erzähler durch den Kopf, als er zu einem Notfall gerufen wird. Eben noch Kaffee und Nussschnecken im Schwesternzimmer, jetzt Not-OP für ein siebenjähriges Mädchen, das heftig aus dem Mund blutet. Jund findet plastische Worte für die Panik, die in dem jungen Arzt aufsteigt – und schildert gleichzeitig auch sein Ringen um eine professionelle Haltung: „Wieso ich? Wieso ich? Wieso ich? Was für ein Riesenscheiß. In solchen Situationen darf die Distanz zur Rolle nicht verrutschen. Ich bin der Arzt. Das kreischende Monster ignorieren. Rationalität“.

Wie verwundbar das menschliche Leben ist, schwingt in Junds Buch immer mit – so zum Beispiel auch bei einem Jungen, der beim Klettern von einem Baum gefallen ist und nun viel Blut verliert – bis im Schockraum auf einmal sein Herz stehen bleibt: „Das Wunder des Lebens ist zart. Ein millimeterdickes Blutgefäß in der Nase entschied über Weiterleben, über Schule, Feiern, ans Meer fahren, lernen, abends alleine unter der Decke weinen, Liebeskummer, Vater werden“. In „Tage in Weiß“ gibt es keine Garantie für ein Happy End: Manche Patienten können die Ärzte retten, andere nicht – genau wie im realen Krankenhausalltag. Die Schicksale kommen und gehen. Nur selten erfährt der Leser, wie das Leben eines Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt weitergeht – eine Erfahrung, die auch Krankenhausärzte ständig machen.

In episodenhafter Form lässt Jund seine Leser am Arbeitsalltag eines jungen Mediziners teilhaben: Vom ersten Präp-Kurs im Studium geht es über die Assistenzarzt-Zeit immer weiter die Karriereleiter hoch – am Ende ist er Oberarzt. Wie die Jahre vergehen, bekommt der Leser dabei gar nicht mit. Im Zentrum stehen die Szenen, die der Arzt mit seinen Patienten erlebt, und die durch den klaren, oft knappen Stil des Autors eine ungewöhnliche emotionale Wucht entwickeln. Mal kämpft der Ich-Erzähler um das Leben eines Kindes, mal verliert er fast die Geduld mit einem Patienten, der US-amerikanische Chemtrails für seine Mittelohrentzündung verantwortlich macht.

Interview mit Dr. Rainer Jund, HNO-Arzt und Autor von „Tage in Weiß“

Herr Dr. Jund, Sie sind selbst Arzt und haben lange an der HNO-Universitätsklinik München Großhadern gearbeitet. Warum haben Sie Ihre Erfahrungen als Klinikarzt in einem Buch verarbeitet?

Dr. Rainer Jund: Der Beruf des Arztes ist so schön und so intensiv, erfordert aber die ganze Aufmerksamkeit und Intensität eines Menschen, wenn man ihn ernsthaft betreiben will. Diese Aufmerksamkeit und Intensität geht im Alltag der Klinik verloren, insbesondere die emotionale Verarbeitung. Das war für mich der Anlass, mit dem speziellen Instrument der Literatur nochmal genauer hinzusehen.

Stress

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Warum ist der Mikrokosmos „Krankenhaus“ für Sie auch literarisch spannend?

Dr. Rainer Jund: Das Krankenhaus ist ein Abbild der Welt. Wie Menschen dort leben und dort arbeiten – egal ob Ärzte und Patienten oder Ärzte untereinander, spiegelt im Kleinen die ganze Gesellschaft. Es gibt ähnliche Hoffnungen, ähnliche Nöte und ähnliches Leid. Allerdings ist das alles im Krankenhaus extrem kondensiert: menschliches Leid, Helfen und Hoffnung, aber auch Freundschaft. Wir finden hier eine sehr fokussierte Abbildung der Welt. Für jemanden, der schreibt und darüber nachdenken will, ist das natürlich hochinteressant.

Wie stark sind die Patientenschicksale, die Sie schildern, von realen Vorbildern inspiriert?

Dr. Rainer Jund: Das Buch ist klar literarische Fiktion, aber es ist natürlich autobiographisch eingefärbt. Das betrifft einerseits den Lebenslauf des Ich-Erzählers, der genauso auch für jeden anderen Arzt stehen kann. Die einzelnen Patienten-Geschichten können sich genauso abgespielt haben. Fachlich und soziologisch ist das alles sehr realistisch, nur ist es eben vielleicht nicht mit genau diesen Personen so passiert.