ALM e.V. mahnt

Anlasslose Tests verbrauchen wichtige Testressourcen

Von der Landespolitik versprochene SARS-CoV-2-PCR-Tests zur Aufhebung des Beherbergungsverbots bringen fachärztliche Labore erneut an die Kapazitätsgrenzen. Die Tests fehlen dann für Infizierte, Kontaktpersonen und vulnerable Gruppen.

ALM e.V. kritisiert Politik

ALM e.V. kritisiert Politik | Halfpoint, stcok.adobe.com

Bei den Mitgliedern des ALM e.V. und in der Verbands-Geschäftsstelle laufen derzeit die Telefone heiß. Das Beherbergungsverbot und die von Landesregierungen der Bevölkerung versprochenen PCR-Tests zu Aufhebung desselben hinterlassen Unverständnis und viele Fragen bei Betroffenen und auch in den Medien. In den fachärztlichen Laboren sorge es für zunehmende Unruhe über die nicht notwendige, vermehrte Auslastung: „Seit dem Beschluss der Ministerpräsidenten der Länder zum Beherbergungsverbot, das in einigen Bundesländern mit einem negativen SARS-CoV-2-PCR-Test umgangen werden kann, hat die Inanspruchnahme dieser Tests in Berlin und anderen Hotspots seit Freitag sprunghaft zugenommen“, sagt Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender der Akkreditierten Labore in der Medizin - ALM e.V. Er ergänzt: „Das gilt im Übrigen nicht für Berlin allein, sondern für alle ähnlich betroffenen Städte und Ballungsräume. Wir verstehen diese Maßnahme nicht und können nicht erkennen, wie damit das COVID-19-Infektionsgeschehen beeinflusst werden soll. Da hat eine Person aus einem innerdeutschen Risikogebiet für die Hotelübernachtung einen Test vorzulegen, darf jedoch privat überall übernachten und ist als Politiker oder Berufsausübender auch noch vom Testen befreit. Wer soll so widersprüchliche Regeln verstehen?“

Der ALM-Vorsitzende verweist auf viele Tausend Anrufe von Bürgerinnen und Bürgern seit vergangenem Donnerstag. Die Zahl der SARS-CoV2-PCR-Tests stieg in der vergangenen Woche mit 1.069.048 Tests wieder entsprechend stark - um 7 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Die Anzahl positiver Tests betrug dabei 26.835. Das entspricht einer Steigerung von 62 Prozent, ein Abbild des dynamischen und steigenden Infektionsgeschehens. Die regional unterschiedliche und teilweise überproportionale Belastung der Labore führte dann auch zu einem deutlich zunehmenden Rückstau von 16.829 Tests. Die Positivrate liegt mittlerweile bei 2,5 Prozent. Die Testkapazität liegt weiterhin bei rund 1,375 Millionen Tests pro Woche. Von den die PCR-Kapazitäten entlastenden Antigentests ist in der Versorgung noch kein wesentlicher Effekt zu spüren.

Millionen leben jetzt in Risikogebieten

Mittlerweile sind viele Bürger/-innen plötzlich zu Einwohnern von Risikogebieten geworden. Dazu gehören die Großstädte Berlin, Frankfurt, München, Bremen, Essen, Düsseldorf und Stuttgart. Täglich kommen weitere Städte und Regionen hinzu. Viele Menschen versuchen nun verständlicherweise, durch das so genannte „Freitesten“ ihren Herbsturlaub zu retten. „Dadurch wird bei ohnehin stark ausgelasteten Laborkapazitäten das Testen von Infizierten, Kontaktpersonen und vulnerablen Gruppen noch deutlich erschwert, weil die Testressourcen für diese anlasslosen, inländischen Urlaubsreisetests verwendet werden“, erklärt Evangelos Kotsopoulos, Vorstand im ALM e.V. „Aus der Vergangenheit des anlasslosen Testens im Sommer wissen wir, dass es keinerlei Evidenz für die Wirksamkeit einer solchen Strategie gibt“, stellt Müller fest. Diese Auffassung vertrat kürzlich auch Dr. Andreas Gassen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung warnte in der ARD Tagesschau schon vor dem vergangenen Wochenende: „Die Reisebeschränkungen sind zur Pandemiebekämpfung überflüssig und auch nicht umzusetzen.“ Innerdeutsche Reisen seien lediglich eine „Pseudo-Gefahr“, sagte Gassen.

„Verschwendung“ von PCR-Test-Ressourcen?

Der ALM e.V. kritisiert, dass ohnehin schon knappe Ressourcen unnötig verschwendet werden: „Die Zeitspanne von 24 Stunden für kritische Tests und von 48 Stunden für die Urlaubsreisetests kann vor diesem Hintergrund zunehmend weniger eingehalten werden“, betont Müller. „Das kann sicherlich nicht das Ansinnen der verantwortlichen Politikerinnen und Politiker der Länder sein. Die Bürgerinnen und Bürger wünschten sich einfach zu verstehende und einzuhaltende Regeln. Dazu gehöre insbesondere die „AHA + L + C-Regel“ (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften und Corona Warn-App). Hinzu komme: Die schnelle Einführung der Antigentests in der Versorgung bedürfe noch etwas Zeit.

Verständliche Kommunikation und klare Priorisierung gefordert

„Bei allem Verständnis für länderspezifische oder gar regionale Besonderheiten sind eine verständliche Kommunikation und eine klare Priorisierung von Testungen in Abhängigkeit von verfügbaren Ressourcen im Blick zu behalten“, so Müller. So sehe es die Nationale Teststrategie vor. Ansonsten könnten die Regelungen zu Unmut oder gar ins Leere führen, weil die Akzeptanz in der Bevölkerung insgesamt zu schwinden drohe.
 
Quelle: ALM e.V.