Verkehrssicherheit

Ablenkung durch modernes Infotainment

Beim gemeinsamen Symposium von Verkehrsmedizinern und Verkehrspsychologen in Saarbrücken rücken Kopfhörer, Smartphones, Bordcomputersysteme & Co. als tödliche Gefahrenquelle in den Fokus.

Verkehrssicherheit

Auch Fußgänger, deren Ohren oder Augen nicht auf das Verkehrsgeschehen konzentriert sind, provozieren kritische Situationen. | Danilo Andjus - iStockphoto

Eine Joggerin, eine grüne Fußgängerampel, ein unaufmerksamer Autofahrer. – Zu dem tödlichen Crash wäre es womöglich nicht gekommen, hätte die 45-Jährige den Warnruf eines Passanten gehört, der die Szene beobachtete. Mobiltelefon und Kopfhörerset wurden am Unfallort gefunden. – Wissenschaftler haben die Obduktionsberichte des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nach Straßenverkehrsunfällen durchsucht, in denen Stichworte wie „Kopfhörer“, „MP3-Player“ oder „Walkman“ auftauchen, und sind unter anderem im Fall der getöteten Joggerin fündig geworden.

„Handy-Daumen“

Tipps von UKL-Experten: Handchirurg warnt vor Übertherapie, meist reicht eine preiswerte Ultraschallaufnahme, um die geschwollene Sehne sichtbar zu machen. Ergotherapeutin rät zu beidseitigem Tippen.

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Im Vorfeld des 14. Gemeinsamen Symposiums der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin (DGVM) und der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie (DGVP) am 28./29. September in Saarbrücken berichten sie anhand dieses Beispiels und ähnlicher Vorfälle in der Zeitschrift für Verkehrssicherheit (ZVS) über die „Tödliche Gefahr: Das Tragen von Kopfhörern im Straßenverkehr“. Fahrzeugnutzer sind per Gesetz dafür verantwortlich, dass ihr Gehör nicht beeinträchtigt wird. Das gilt auch für Radfahrer, denen zumindest ein Bußgeld droht, wenn sie mit Kopfhörern unterwegs sind und die Lautstärke zu hoch ist. Für Fußgänger gibt es keine Regelung. Dabei provozieren nicht zuletzt auch Fußgänger, deren Ohren oder Augen nicht auf das Verkehrsgeschehen konzentriert sind, kritische Situationen.

Gefahr durch „Neue Psychoaktive Substanzen“

Ablenkung gilt mittlerweile als Todesursache Nummer 1 im Straßenverkehr. Auch wenn sie in der amtlichen Unfallstatistik gar nicht existiert. Unter dem Motto „Verkehrssicherheit und Lifestyle – smart drugs and smartphones“ stehen beim gemeinsamen Symposium der Fachgesellschaften aktuelle Themen aus Verkehrspsychologie, Verkehrsmedizin und Technik im Fokus.

Die Zahl der drogenbedingten Verkehrsunfälle, oft mit Verletzten und Getöteten, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Ein nicht unwesentlicher Teil der Drogenfahrten geht auf das Konto der „Neuen Psychoaktiven Substanzen“, die unter der Harmlosigkeit vorschützenden Bezeichnung „Legal Highs“ kursieren und den Drogenmarkt seit einigen Jahren förmlich überschwemmt haben. Der zweite Schwerpunkt trägt dem erheblichen Unfallrisiko durch modernes Infotainment Rechnung. Eine Sekunde am Steuer aufs Handy oder Navi fokussiert bedeuten 14 Meter Blindfahrt bei 50 km/h. Bei 130 Stundenkilometern sind es 36 Meter. Schätzungsweise jeder zehnte Unfalltote geht auf Ablenkung zurück.

Multitasking ist ein Mythos

Dabei ist erwiesen, dass Multitasking ein Mythos ist. Das Gehirn kann Entscheidungen nicht parallel, sondern nur nacheinander treffen. Im Straßenverkehr müssen Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger immer wieder Entscheidungen fällen, die nur vermeintlich intuitiv und routinemäßig ablaufen. Tatsächlich aber liegt ihnen ein sekundenschneller Abwägungsprozess zugrunde, welcher empfindlich gestört ist, wenn der Fokus der Aufmerksamkeit etwa beim Eintippen einer Rufnummer liegt.

Wie eine aktuelle Studie der Allianz eindrucksvoll zeigt, gibt jeder zweite Fahrer zu, Mobiltelefonverstöße zu begehen, 40 Prozent bedienen während des Fahrens das Navigationsgerät, 15 Prozent schreiben Nachrichten mit ihrem Handy. Praktisch alle Ablenkungsfaktoren gehen statistisch bedeutsam mit einem erhöhten Unfallrisiko einher. Gefährdet sind insbesondere jüngere, männliche Fahrer sowie Vielfahrer.

Die Frage, ab wann junge Fahrer die nötige Reife aufweisen, um überhaupt am motorisierten Straßenverkehr teilzunehmen, wird in Saarbrücken am Beispiel 15-jähriger Mopedlenker diskutiert. Auch Fahreignung bei Erkrankungen und Dauermedikation oder die jüngsten Entwicklungen im Bereich des autonomen Fahrens werden die Kongressteilnehmer beschäftigen.

Quelle: DGVM/DGVP, 20.09.2018