MTA-Treff der Landesgruppe Berlin/Brandenburg/Mecklenburg-Vorpommern

700 Jahre Medizingeschichte

Passend zum 600-jährigen Jubiläum der Universität Rostock organisierte Petra Bartels, stellvertretende Vorsitzende der Landesvertretung, am 27. Juli 2019 den diesjährigen MTA-Sommertreff der Landesgruppe Berlin/Brandenburg/Mecklenburg-Vorpommern.

700 Jahre Medizingeschichte

Aufmerksame Zuhörerinnen des Stadtrundgangs zum Thema „700 Jahre Medizingeschichte“ | © G. Garzke

Gemeinsam mit dem Stadtchirurgen Marianus Puerheno – alias Dr. Marian Löbler – gingen wir auf eine Zeitreise der Medizingeschichte. Dr. Marian Löbler wurde vor vielen Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Rostocker Universität, und seitdem ist Rostock seine Wahlheimat. Heute führt er als Stadtchirurg in historischer Kluft durch die Stadt und bringt auf unterhaltsame Weise 700 Jahre Medizingeschichte dar.

Wer weiß schon, dass Begriffe wie „Droge“ aus dem Wort „Dröge“ und Brille aus „Berille“ abgeleitet sind? Medizinern und vielleicht auch dem einen oder anderen Laien ist die „Steinschnittlage“ bekannt, denn auch dieser Begriff stammt aus dem Mittelalter und gehört zum heutigen Sprachgebrauch von Urologen, Proktologen und Gynäkologen.

Bereits im Vorfeld waren wir neugierig, was unter „Bönhase“ zu verstehen ist. Das Wort wird vom norddeutschen Begriff „Bön“, dem (Dach-)Boden, abgeleitet. Oft versteckten sich „Heiler“, die nicht der Zunft der Bader und Chirurgen angehörten, auf Dachböden. Da sie keine handwerklich chirurgische Ausbildung hatten und ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf oft wirkungsloser Salben und Pulver verdienten, wurden sie gelegentlich von Zunftmitgliedern wie die Hasen gejagt.

Allerdings lebte die Medizin im Mittelalter von Versuch und Irrtum und wurde wesentlich durch den christlichen Glauben, oft auch durch Aberglauben, geleitet. Eine gute medizinische Ausbildung konnte im frühen Mittelalter nur in Klöstern erlernt werden. Schon Benedikt von Nursia beschreibt in der Ordensregel die Sorge um die Kranken als Dienst an Jesus. Die Mönche der Benediktinerabtei Lorsch in Hessen verfassten im 8. Jahrhundert das „Lorscher Arzneibuch“ (seit 2013 UNESCO-Weltdokumentenerbe), eine umfangreiche Heilrezeptesammlung, die in heutiger Zeit zum Teil etwas absonderlich anmutet – so sollte eine Paste aus Honig, Käseschimmel und Schafsdung Geschwüre heilen. Möchten Sie es probieren oder sich lieber an Penicillin und Co oder die wiederentdeckten Larven der Glanzfliege halten?

Eine Forschergruppe der Universität Würzburg hat dieses Werk und andere Schriften des Mittelalters analysiert. Einige Pflanzen der mittelalterlichen Medizin wurden aufgrund ihrer Nebenwirkungen aus der Liste der Heilpflanzen gestrichen, andere Pflanzen versprechen auch heute noch gute Einsatzmöglichkeiten wie bei Magenbeschwerden oder der Schmerztherapie.

In Rostock gab es während der ersten Jahrhunderte der Universität zwei akademische Mediziner, ihnen war die Lehre an der Universität vorbehalten und die medizinische Beratung der Wohlhabenden. Der Beruf der Bader und Chirurgen erfuhr eine wechselhafte Anerkennung. Bäder dienten zum Teil der Prostitution, somit galt die Ausübung des Berufs der Bader manchmal als unehrlich. Andernorts waren sie hoch angesehene Mitglieder des Bürgertums.

Im auslaufenden Mittelalter erhielten Bader und Chirurgen die Zunftrechte, was in Rostock durch Fragmente der „Badstöver Rulle“ circa 1370 belegt ist. Die Zunftordnung regelte Aufgaben und Pflichten der Zunftmitglieder. Eine herzogliche „Medizinalordnung“ legte die Gebühren für chirurgische Eingriffe fest. Die Gebührenordnung sicherte Badern und Chirurgen ein gutes Einkommen.

Ab dem 18. Jahrhundert wuchs der Einfluss der akademisch gebildeten Mediziner, denen mehr und mehr Verantwortlichkeiten übertragen wurden, die bis dahin den Barbieren und Chirurgen oblagen, wie zum Beispiel die Gesellenprüfung der Chirurgen oder die gerichtsmedizinische Beurteilung von Unfallopfern. Kommt Ihnen das bekannt vor? Für die Abschlussprüfung der Medizinischen, Zahnmedizinischen und Tiermedizinischen Fachangestellten sind die Ärzte-, Zahnärzte- und Tierärztekammern zuständig. Richtigerweise muss an dieser Stelle hinzugefügt werden, dass die Arbeit im Prüfungsausschuss heutzutage ehrenamtlich erfolgt.

Nach eineinhalb Stunden zu Fuß und geballten medizinhistorischem Wissen, das an dieser Stelle nicht komplett wiedergegeben werden kann, ging es zur Brotzeit. Nicht nur der Imbiss, auch der kollegiale Austausch fand regen Zuspruch.

Vielen Dank an Petra Bartels für die Organisation, allen Teilnehmern für ihr Interesse und ihre Unterstützung des DVTA sowie dem Stadtchirurgen Marianus Puerheno für seine gelungene Wissensvermittlung.

 

Entnommen aus MTA Dialog 9/2019