Schlaganfall

53 wertvolle Minuten mehr für das Gehirn

Ein Musterablauf für die Versorgung von Schlaganfallpatienten verkürzt die Behandlungszeit erheblich. Das zeigt ein neues Konzept der Universitätsmedizin Göttingen.

 

Schlaganfall

Ziel des Konzepts der Uni Göttingen ist es, die Zeit zwischen Ankunft des Patienten in der Klinik und der Wiedereröffnung des verschlossenen Blutgefäßes so gering wie möglich zu halten. | Fotolia/i-picture

53 Minuten wertvolle Zeit für das Gehirn bringt ein neues Versorgungskonzept, das ein interdisziplinäres Team von Schlaganfallforschern an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) entwickelt hat. Das Göttinger Konzept organisiert und beschleunigt die Arbeitsabläufe ab Eintreffen eines Patienten mit Schlaganfallbeschwerden in der Notaufnahme bis zur Behandlung. Ein Musterablauf für die Behandlung von akuten Schlaganfallpatienten koordiniert dann die Zuständigkeiten der beteiligten Ärztinnen und Ärzten, legt die wichtigsten Eckpfeiler der Behandlungsmaßnahmen fest und nennt Richtzeiten für die einzelnen Schritte zwischen Ankunft und Behandlung.

Die Auswirkungen eines so strukturierten Vorgehens auf die Zeit zwischen Einlieferung und Behandlung sowie auf die Beschwerden des Patienten hat die AG „Klinische Schlaganfallforschung“ der Universitätsmedizin Göttingen ausgewertet und die Ergebnisse kürzlich in der internationalen Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht.

Standardisierung der Abläufe

„Durch Standardisierung der Abläufe und strukturierte Zusammenarbeit zwischen den einzelnen an der Schlaganfallbehandlung beteiligten Kliniken konnte an der UMG die Zeit bis zur Behandlung deutlich verkürzt werden“, sagt Katharina Schregel, Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie und Erstautorin der Publikation. „Jeder in der Schlaganfalltherapie beteiligte Mitarbeiter der UMG, sei es technisches und Pflegepersonal, Assistenzärzte, Oberärzte oder Klinikleiter, hat eine wichtige Rolle in diesem Prozess“, sagt Marios Psychogios, Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie.

Das neu entwickelte Konzept standardisiert die Arbeitsabläufe bei Schlaganfällen. Ziel ist es, die Zeit zwischen Ankunft des Patienten in der UMG und der Wiedereröffnung des verschlossenen Blutgefäßes so gering wie möglich zu halten. Trifft ein Patient mit Schlaganfallsymptomen in der Notaufnahme der UMG ein, wird er unmittelbar von einem Neurologen untersucht. Dieser begleitet den Patienten zur weiteren Diagnostik im Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie. Dort werden Schnittbilder des Gehirns und der gehirnversorgenden Gefäße angefertigt, um eine Gehirnblutung als Ursache der Beschwerden auszuschließen und das verschlossene Gefäß zu identifizieren.

STEMO 2

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Berlin verfügt dabei über ein weltweit einzigartiges Rettungsmittel – das sogenannte Stroke-Einsatz-Mobil (STEMO). Ein STEMO ist jetzt am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) stationiert.

weiterlesen

Wird ein Gefäßverschluss gefunden, wird direkt nach der Bildgebung mit der medikamentösen Behandlung (Lysetherapie) zur Auflösung von Blutgerinnseln begonnen, sofern keine Gegenanzeigen aufgrund von anderen Erkrankungen des Patienten bestehen. Danach erfolgt sofort der Transport in das Katheterlabor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie. Dort wird die mechanische kathetergestützte Gefäßwiedereröffnung durchgeführt. Alle Patienten werden anschließend zur engmaschigen Überwachung und Diagnostik von möglichen Ursachen des Schlaganfalls auf die neurologische Intensivstation beziehungsweise die zertifizierte Stroke Unit aufgenommen.

Schulungen des Personals

Innerhalb des Göttinger Schlaganfall-Ablaufplanes sind die Aufgaben der einzelnen Ärztinnen und Ärzte sehr genau definiert. Durch Schulungen des Personals und ständige Evaluation der Fälle wird gewährleistet, dass vorab definierte und mit internationalen Empfehlungen übereinstimmende Richtzeiten eingehalten und sogar übertroffen werden.

So konnte mit dem neuen Konzept eine Zeitersparnis von 53 Minuten zwischen Ankunft der Patienten in der Notaufnahme und Behandlung erzielt werden. Dadurch wurde auch das Behandlungsergebnis deutlich verbessert: Die Anzahl der Patientinnen und Patienten, die nach einer endovaskulären Behandlung wieder völlig beschwerdefrei sind, konnte von 1,5 Prozent vor Einführung des Ablaufplanes auf 9,1 Prozent angehoben werden. Gleichzeitig sank die Anzahl der dauerhaft sehr schwer betroffenen Patienten von 44,3 Prozent auf 36,4 Prozent.

Aktuell arbeitet die AG „Klinische Schlaganfallforschung“ der UMG daran, die Zeit zwischen Einlieferung und Behandlung noch weiter zu verkürzen und die Arbeitsabläufe weiter zu optimieren. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Diagnosestellung direkt im Katheterlabor mit Hilfe von Schnittbildern über die Angiographie-Anlage erfolgen kann, die auch zur weiteren Behandlung genutzt wird. Dadurch können in Zukunft weitere Minuten gespart werden, die bislang für den Transport und die initiale Diagnosestellung in der konventionellen CT oder MRT benötigt werden. Weitere Forschungsschwerpunkte der AG sind Verfahren, die zur Prognose- und Risikoabschätzung sowie zur Ursachenfindung von Schlaganfällen angewendet werden können.

 

Literatur:

Effects of Workflow Optimization in Endovascularly Treated Stroke Patients – A Pre-Post Effectiveness Study. Katharina Schregel, Daniel Behme, Ioannis Tsogkas, Michael Knauth, Ilko Maier, André Karch, Rafael Mikolajczyk, José Hinz, Jan Liman, Marios-Nikos Psychogios; published: December 30, 2016. dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0169192.



Quelle: idw/UMG, 10.03.2017