Fr1da-Studie

36.000 Kinder auf Typ-1-Diabetes untersucht

Ein Jahr nach Einführung des bayerischen Pilotprojektes Fr1da veröffentlicht das Institut für Diabetesforschung am HZM erste Ergebnisse. Bei allen 105 Kindern, bei denen ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes diagnostiziert wurde, konnten die Ärzte eine Stoffwechselentgleisung bisher verhindern.

36.000 Kinder untersucht

36.000 Kinder wurden bisher im Rahmen von Fr1da untersucht. | Helmholtz Zentrum München

In seiner Größenordnung ist das Modellprojekt Fr1da in der Diabetesforschung weltweit einmalig: Insgesamt sollen 100.000 Kinder in ganz Bayern im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen U7, U7a, U8 oder U9 beim Kinderarzt auf Inselautoantikörper, den Vorboten von Typ-1-Diabetes, untersucht werden.* Dadurch kann das Risiko für lebensgefährliche Stoffwechselentgleisungen (Ketoazidosen) und die dadurch notwendige Einweisung auf die Intensivstation eines Krankenhauses verringert werden – so das erste Fazit der Wissenschaftler des Instituts für Diabetesforschung. Während deutschlandweit jedes dritte Kind zum Zeitpunkt der Diagnosestellung wegen einer Ketoazidose behandelt werden muss, erlitt bisher keines der Kinder, bei denen mit dem Fr1da- Früherkennungstest ein Typ-1-Diabetes im Frühstadium diagnostiziert wurde, eine Stoffwechselentgleisung.

Umsetzung läuft zufriedenstellend

„Dank der Unterstützung durch die engagierten bayerischen Kinderärzte und die Bevölkerung verläuft die Umsetzung der Fr1da-Studie äußerst zufriedenstellend“, beurteilt Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler die ersten Ergebnisse, „eine bevölkerungsweite Vorsorgeuntersuchung auf Typ-1-Diabetes in dieser Altersgruppe ist machbar“. 39 Prozent aller bayerischen Kinderärzte beteiligen sich bisher an dem Projekt. Bis zum Zeitpunkt der ersten Datenauswertung im November wurden 26.760 Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren untersucht. Diese Altersgruppe wurde gewählt, da bei 80 Prozent derjenigen, die einen Typ-1-Diabetes in der Kindheit entwickeln, bis zum Alter von fünf Jahren bereits mehrere Inselautoantikörper vorliegen. Bei 0,39 Prozent der Teilnehmer (105 Kinder) wurde ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes diagnostiziert.

Neuer Weg der Gesundheitsvorsorge

„Die neuesten Daten der Fr1da-Studie stimmen uns extrem optimistisch. Wir glauben hier einen neuen Weg der Gesundheitsvorsorge zu beschreiten“, so Dr. Jessica Dunne, Direktorin und Leiterin des JDRF Präventionsprogramms. „Wir sind dem Institut für Diabetesforschung sehr dankbar. Der Erfolg dieser Studie stellt einen Meilenstein dar und könnte helfen, die lebensbedrohlichen diabetischen Ketoazidosen zu verhindern, die beim ersten Auftreten der Krankheit entstehen können. Darüber hinaus bietet Fr1da einen Rahmen in dem Typ-1-Diabetes ganz generell verhindert werden könnte.“

Eltern nehmen Schulungsangebote intensiv wahr

Mit der Diagnosestellung erhalten alle betroffenen Kinder und ihre Familien das Angebot zur Teilnahme an einer drei- bis vierstündigen Schulung in einem der 16 angeschlossenen wohnortnahen pädiatrischen Diabeteszentren. Dieses Angebot wurde von den Familien intensiv angenommen: Nur zwei Familien verzichteten auf die Teilnahme. Die erfahrenen Teams beantworteten alle Fragen und halfen den Eltern, die frühe Diabetesdiagnose zu verarbeiten. Viele praktische Tipps für den Alltag ergänzten dabei die sachlichen Informationen. Die anschauliche Fr1da-Broschüre, die alle Familien zusätzlich erhielten, bereitet auf eine Insulintherapie und den Alltag mit Typ-1-Diabetes vor. Dabei wird großer Wert auf ein fundiertes Wissen gelegt, dass Eltern und Kindern Sicherheit und eine berechtigt positive Zukunftssicht vermittelt.

Seelisches Befinden der Familien im Fokus

Wie effektiv dieses Wissen den Schulungsteilnehmern vermittelt wurde und inwieweit die Familien die Diagnose verarbeiten konnten, erfassen die Wissenschaftler anhand von standardisierten psychologischen Fragebögen, die durch persönliche Gespräche ergänzt werden. Die ersten Auswertungen hierzu zeigen, dass die Diagnose beim eigenen Kind kein Elternteil einfach „kalt lässt“.
Dank der guten Betreuung von Anfang an, gab es jedoch bisher keine Hinweise darauf, dass es zu schwerwiegenden seelischen Belastungen der Mütter, Väter oder Kinder gekommen ist. Sollte dennoch einmal eine psychologische Unterstützung für eine Familie erforderlich sein, sind entsprechende Hilfen im Rahmen der Fr1da-Studie möglich. Welche Auswirkungen das Wissen um den frühen Typ-1-Diabetes auf längere Sicht hat, wird ebenfalls regelmäßig erfragt, um daraus den Bedarf an weiteren Hilfen abschätzen zu können.

„Durch die Diagnose des Typ-1-Diabetes im asymptomatischen Frühstadium und die umfassende medizinische und psychologische Betreuung der Betroffenen möchten wir mit der Fr1da-Studie neue Standards bei der Diagnose und Therapie setzen“, so Ziegler. (idw, red)

Hintergrundimformationen:

Die Typ-1-Diabetes-Früherkennungsaktion Fr1da für alle Kinder in Bayern war im Februar 2015 unter der Schirmherrschaft der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml gestartet, um eine flächendeckende Standarduntersuchung in Bayern vorzubereiten. Eltern haben hier erstmalig die Möglichkeit, ihre Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren kostenlos bei ihrem Kinderarzt auf Inselautoantikörper im Blut untersuchen zu lassen. Sind mehrere dieser körpereigenen Antikörper vorhanden, liegt ein Typ-1-Diabetes im Frühstadium vor. In dem Fall erhalten die Kinder und ihre Eltern eine persönliche Schulung und Beratung. Außerdem werden regelmäßige Nachuntersuchungen und die Teilnahme an einer Präventionsstudie für Typ-1-Diabetes angeboten.

Innerhalb von sechs Wochen nach Diagnosestellung wird der Glukosestoffwechsel anhand eines oralen Gluskosetoleranztests (oGTT) und einer Messung des HbA1c-Wertes überprüft. Bei einem oralen Glukosetoleranztest wird der Blutzuckerspiegel nüchtern, eine Stunde und zwei Stunden nach Einnahme eines zuckerhaltigen Getränks gemessen. Bei Werten über 200 mg/dl liegt ein manifester Diabetes vor. Von einer gestörten Glukosetoleranz spricht man, wenn die Zwei-Stunden-Plasmaglukosewerte zwischen 140 und 199 mg/dl liegen, bei einem gleichzeitigen Nüchternblutzucker-Wert von unter 126 mg/dl. Der HbA1c gibt die durchschnittliche Blutzuckerkonzentration innerhalb der letzten zwei Monate wieder.

Je höher der Anteil von HbA1c, desto mehr Zucker ist im Blut gelöst. Bei gesunden Menschen liegt dieser Wert in der Regel bei vier bis sechs Prozent. Übersteigt der Wert 6,5 Prozent, ist dies ein Hinweis auf einen manifesten Diabetes. Diese und weitere medizinische Untersuchungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt und durch Messungen ergänzt, die Eltern eigenständig bei ihrem Kind durchführen. Außerdem wird den Eltern die Teilnahme ihres Kindes an einer Behandlung mit Insulinpulver im Rahmen der Fr1da-Insulin-Interventions-Studie angeboten. Damit wird untersucht, ob das Fortschreiten der Stoffwechselerkrankung aufgehalten werden kann.

* Durch Nachweis der Autoantikörper gegen das Insulin selbst, gegen Glutaminsäure-Decarboxylase 65 (GAD65), gegen den Zinktransporter 8 (ZnT8) und von Insulinoma-Antigen 2 (IA-2) im Kapillarblut kann ein Typ 1 Diabetes im Frühstadium diagnostiziert werden. Zu diesem Zeitpunkt äußert sich die Autoimmunerkrankung noch nicht in Symptomen.

 

Literatur:

Raab, J. et al. (2016): Capillary blood islet autoantibody screening for identifying pre-type 1 diabetes in the general population: Design and initial results of the Fr1da study. BMJ Open, DOI: 10.1136/bmjopen-2016-011144