DGKH strebt „null Infektionen“ an

14. Kongress für Krankenhaushygiene

Fast 1.800 Teilnehmer/-innen diskutierten in Berlin wichtige und vielfältige Maßnahmen, um die Hygienesituation in Kliniken und darüber hinaus zu verbessern. Das Forum bot ihnen vom 18. bis 21. März der zweijährliche Kongress der DGKH.

14. Kongress für Krankenhaushygiene

Eindrücke vom Hygienekongress | Für alle: © Michael Reiter

Vision und Ziel ist laut Prof. Dr. med. Walter Popp, Vizepräsident der Fachgesellschaft, die „Null-Infektionen-Strategie“, auf die mit neuen Therapien und einem adäquaten Antibiotikaeinsatz hingearbeitet werden müsse. Im Verkehr – also der Kraft- und Luftfahrt sowie im Arbeitsschutz – stehen diese „Null-Werte“ ebenfalls auf der Agenda und jeder Einzelne steuert, ob er es wünscht oder nicht, viel Geld dazu bei. Dieses Ziel strebt die DGKH auch für das Gesundheitswesen an. So trieben einige Referenten diese Vision voran, zum einen aus der Sicht der Industrie, zum anderen mit einer möglichen Gefahrenabwehr bei Personal und Patienten.

Erstmals vermittelte der Kongress auch über Videos und Poster in neuer Weise konzentrierte Inhalte, die von verschiedenen Vorreiter-Kliniken eingereicht wurden – diese Ideen sollen andere dazu motivieren, Hygieneaktivitäten einfach einmal auszuprobieren.

Internationale Bedeutung der Hygiene

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Martin Exner, Präsident der DGKH, erklärte, die Bedeutung der Hygiene vor allem in Krankenhäusern und die eskalierende Zunahme Antibiotika-resistenter Erreger zeigten eine große Herausforderung der modernen Medizin: „Für eine global gültige Hygiene müssen wir uns mit den Möglichkeiten, die wir in Deutschland haben, intensiver auseinandersetzen, denn die Verhältnisse aus allen Ländern der Welt strahlen auf unser Land zurück. Das beste Antibiotikamanagement bei uns hilft nicht, wenn andere Länder die notwendigen Voraussetzungen nicht einhalten. Aber auch die sanitären Verhältnisse in Indien oder ähnlichen Ländern haben Auswirkungen: Deutsche Touristen kommen beispielsweise mit E. Coli und anderen unerwünschten Urlaubsmitbringseln zurück“.

Prof. Popp unterstrich die Aussagen des Präsidenten: International engagiere sich die DGKH seit vielen Jahren, sie sei unter anderem aktiv bei der European Pain Federation EFIC mit ihren 37 europäischen Mitgliedsländern. Zum Kongress publizierte die Fachzeitschrift „Hygiene & Medizin“ ein aktuelles Sonderheft zur EU mit detaillierten Darstellungen der Hygienesituationen im jeweiligen Land. Diese zeigen oft unterschiedliche Ergebnisse, da sie historisch gewachsen sind und anderen gesetzlichen Regelungen folgen. Frankreich liegt hier im Vergleich weit vorn, aber Deutschland steht auch recht gut da. „Die hierzulande gültigen gesetzlichen Vorgaben sind gut, wie auch die personellen Vorgaben für die Anzahl von Hygienepersonal laut KRINKO und die vorgesehenen Qualifikationen – Knackpunkt ist deren Einhaltung“, so Prof. Popp. In Frankreich herrschen zentralistische Regelungen vor, der Umgang mit Ausbrüchen ist stärker reglementiert, zudem haben Patientenschutzorganisationen viel erreicht: Sie helfen bei Entschädigungen in Fällen nicht eingehaltener Hygiene – und zwar mithilfe standardisierter Vorgehensweisen. Im Gegensatz dazu sind in Deutschland Klagen nur individuell möglich, die Beweisführung ist meistens schwierig und teuer. Auch in Schweden läuft die Abwicklung von Schadensfällen besser.

Leider weist Europa nicht nur Vorbilder auf. So wurde Italien vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) aufgesucht – aufgrund einer Hyperendemiesituation bei antibiotischen Erregern. Die Verantwortlichen, vor allem aus der Politik, hatten diese Fragen völlig unterschätzt. Auch in Deutschland müssen wir uns dringend um die Verbesserung der Pflegesituation kümmern: Die zu geringe Anzahl an Fachkräften führt aufgrund der immer höheren Belastung zu ungenügender Anwendung der Hygieneregeln. Davon abgesehen ist auch der Abwasserbereich ein Reservoir für Ausbrüche, hier befinden sich Erreger wie Enterobacter, Klebsiellen et cetera oft in direktem Patientenbereich. Dies sind beispielsweise der Abfluss im Waschbecken beziehungsweise die Toilette, hier ist ein enormes Präventionspotenzial zu sehen. Verbesserungen der Hygienesituation sind möglich durch konstruktive Veränderungen wie versetzt eingebaute Siphonbereiche, in denen keine Abwasserspritzer entstehen, die den Toilettenbenutzer kontaminieren können.

Forderung nach experimenteller Forschung

Ferner sollte die Lehrstuhlsituation verbessert werden, sodass nicht nur der epidemiologische Bereich durch Forschung abgedeckt ist. Prof. Dr. med. Petra Gastmeier, Charité, leistete hier bereits vorbildliche Arbeit. Allerdings ist auch die experimentelle Hygieneforschung wichtig, betonte Prof. Popp. Das Vorkommen und die Analyse der Ausbreitungswege sowie die Möglichkeiten der Beeinflussung unter anderem durch Desinfektionsmaßnahmen bieten noch ausreichend Potenzial. Auch dürfen wir uns nicht durch allzu strenge Regelungen der Biostoffverordnung für Desinfektionsmittel selbst beschneiden, so der Vizepräsident – zu „leichte Mittel“ wirken einfach nicht. Hier besteht ein enormer Bedarf der Forschung, Aufklärung und Anwendung. Wichtig sind ferner neben der Händehygiene die Flächendesinfektion und die Reinhaltung von Zu- und Abwasser. Der Einsatz wirksamerer Mittel muss erlaubt sein, wenn kein direkter Kontakt mit menschlicher Haut besteht.

Was können technische Assistenten tun?

Die technischen Assistenten in der Medizin sollten sich vermehrt mit Hygieneregeln beschäftigen – auch in ihrem eigenen Interesse. In jedem Krankenhaus ist der Hygienebereich ein enorm wichtiges Feld; es gibt Möglichkeiten, sich in der Umweltanalytik, also im Bereich Flächen, Luft, Personal oder Wasser, forscherisch und in Routinearbeiten zu engagieren. Hersteller bieten Schulungen an, die die fachliche Kompetenz stärken.

Prof. Popp erläuterte hier konkret: „Die MTLA desinfizieren hauptsächlich ihre Hände und Arbeitsbereiche, weil sie meist keinen Patientenkontakt haben. In den Radiologie- und Funktionsbereichen ist die Hygiene wichtiger: Hier müssen sämtliche Regeln angewendet werden, vor allem bei bekannten MRSA-Patienten. Doch jeder Patient kann ein unerkannter Überträger sein. Besondere Vorsicht ist in Multifunktionsräumen geboten: Katheteruntersuchungen, die eine aseptische Behandlung erfordern, und Koloskopien dürfen nicht im selben Raum durchgeführt werden, der gegebenenfalls sogar noch eine Toilette aufweist. Hier sind Infektionen vorprogrammiert. Auch Schleusen bilden ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

Zudem ist die interventionelle Radiologie ein Bereich, in dem die Einhaltung der Hygieneregeln oft schwierig ist. Häufig steht nicht mal ein Platz für Betten oder Umkleideräume für ambulante Patienten zur Verfügung. Hier muss schon bei der Bauplanung besser auf Hygieneaspekte geachtet werden, denn man baut immer für die nächsten 30 Jahre, und die Anforderungen werden weiter steigen. Billiglösungen funktionieren nicht“, unterstrich der Vizepräsident.

Prof. Popp wünscht sich für unser Land eine „Infektionsfolgenversicherung“. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt die Zahl von Toten pro Jahr durch nosokomiale Infektionen auf 10.000 bis 15.000 – die DGKH geht allerdings von 40.000 Toten aus. Diese Anzahl liegt deutlich über jener der Verkehrstoten – und deren Hinterbliebene sind durch Gesetze abgesichert. Das Risiko, im Krankenhaus eine Infektion zu bekommen und zu versterben, ist eines der höchsten überhaupt, so der Experte.

„Leider werden permanent falsche Zahlen verbreitet“, fügte Prof. Popp hinzu: „Sogar das Robert Koch-Institut und die Charité beschönigen, indem sie von 5,1 Prozent nosokomialer Infektionen ausgehen. Rechnet man diese Ergebnisse auf stationäre Fallzahlen um, so ergeben sich zwischen 700.000 und 800.000 Krankenhausinfektionen und nicht nur 500.000 – die Letalität einmal ausgeschlossen.“

Patientenfürsprecher unterstützen bei Einhaltung der Hygiene

Wie die DGKH möchte auch Detlev Schliffke vom Bundesverband der Patientenfürsprecher die Kontakte zwischen Patienten und Hygienebeauftragten ausbauen. Nicht nur die Patienten, auch sämtliche Bürger sollten stärker eingebunden werden. In deutschen Kliniken gibt es laut deren eigenen Angaben nur circa zwei Prozent MRSA-Träger, in der deutschen Gesamtbevölkerung sind es jedoch sechs Prozent: Wo bleiben also die restlichen vier Prozent? Wahrscheinlich sind sie unerkannte Überträger und verbreiten die Erreger vielerorts. Eine Möglichkeit wäre ein freiwilliges Screening für alle Bürger zur Prävention; falls jemand als Träger von Krankheitserregern ermittelt wird, erhält er selbstverständlich Beratung und Hilfe – so der Ansatz.

„Ein großes Problem in der Hygiene liegt beim Pflegepersonal selbst“, erklärt der Patientenfürsprecher aus Essen. Viele Erkrankte berichten ihm, Pflegekräfte würden ihr Zimmer betreten und den Desinfektionsspender nicht nutzen, weder vor noch nach Patientenkontakt. Hier ist also immer noch Aufklärung nötig.

 

Entnommen aus MTA Dialog 6/2018